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Wie viel Alpine steckt wirklich in der A390?
Zoff bei den STREETLIFE-Autocheckern Pentti Aellig und Martin A. Bartholdi. Kern des Anstosses ist die neue Alpine A390. Aus der flachen Rallye-Flunder A110 wird ein athletischer Elektro-SUV. Nicht jedem stecken noch genug Alpine-Gene im jüngsten Wurf der französischen Sportmarke.
Bartholdi: Renault traut sich etwas mit Alpine. Eine neue Sportwagenmarke mit grosser Motorsporthistorie in Zeiten eines grossen Umbruches bei der Antriebstechnologie zu lancieren, das braucht Mut. Der Anfang ist mit der A110 gelungen, da sind sich Aellig und ich für einmal einig. Das nächste Modell liess dann lange auf sich warten, weil Renault erstmal Elektroplattformen der nächsten Generation entwickeln musste, um mit der zunehmenden Stromer-Konkurrenz mithalten zu können. Und natürlich führt auch für Alpine kein Weg am proklamierten Antrieb der Zukunft vorbei. Dafür sind Zugeständnisse zu machen: So ist die A290 ein Schwestermodell des Renault 5 und der neue A390 teilt sich die Technik mit den elektrischen Renault Scenic und Nissan Ariya. Mit allen Vor- und Nachteilen einer solchen Partnerschaft.
Aellig: Zu den diesen Nachteilen gehört auf alle Fälle das Gewicht von rund 2,2 Tonnen. Es gibt in diesem Kaliber zwar noch schwerere Elektroautos, aber zur Alpine-Historie der leichten, kompakten, wendigen und auch oft etwas ruppigen Sportwagen will dieses massive Gewicht nicht so recht passen. Als Bartholdi und ich die ultraleichte A110 R getestet hatten, drang die Alpine-DNA schon auf dem ersten Kilometer in unsere Herzen. Beim Konzern-Plattformempfänger A390 lautet das Urteil nach den ersten Testfahrten: «Ein normales Elektroauto». Von übertriebenen Emotionen wird man nicht überflutet. Die A390 ist ein Alltagsauto, welches einem im Traum kaum verfolgen wird.
Pentti Aellig
Schon als Kind begeisterte ich mich für Autos. Mit 12 fuhr ich (unerlaubterweise) bereits mit dem elterlichen Citroën 2CV herum. Mit 15 reiste ich alleine an ein Formel-1-Rennen in Monza. Und mit 22 kaufte ich mir einen Peugeot 205 GTI. Die Liebe zu dynamischen Hot Hatches ist geblieben: Als jahrelanger Porsche 911-Fahrer bin ich im Zeitalter der Klimaproteste auf einen unauffälligen Toyota GR Yaris umgestiegen. Die vielen neu erscheinenden Steckerautos verfolge ich neugierig, aber die Entwicklung ökologisch verbesserter Verbrennermotoren schreibe ich noch nicht ab.
Schnittig oder zu klein?
Bartholdi: Ein hartes Urteil von Kollege Aellig, der eine gutes Design sonst zu schätzen weiss. Und genau hier gefällt mir die A390 besonders gut. Alpine nahm die A110 und übertrug die muskulösen Linien sehr gelungen auf einen SUV. Das ändert zwar meine Meinung für diese Fahrzeuggattung nicht und mit weniger Bodenfreiheit würde er mir noch besser gefallen, aber wenn eine Marke einen schönen SUV auf die Strasse stellt, weiss ich das zu würdigen. Vor allem die spitz zulaufende Front finde ich sehr gelungen. Schwarzer Lack und ein rotes Lauflicht und die A390 könnte das neue Superauto KITT in einer Neuauflage von «Knight Rider» sein. Und auch das Heck mit der Coupé-Linie, dem Heckspoiler und dem Diffusor finde ich sehr gelungen.
Aellig: SUV-Nörgler Bartholdi wurde von Alpine durch die eher niedrige Coupé-Dachlinie und Details in schwarzem Klavierlack milde gestimmt. Als SUV-Liebhaber hätte ich lieber einen etwas raumgreifenden Fahrgastraum bevorzugt. Wenn der A390 schon die Alpine-Tradition der leichten Zweiradantriebe verlässt und neu auf den schweren Allrad setzt, hätte man auch gleich auf eine repräsentativere Fahrzeughöhe setzten können. Weshalb nicht gleich mit einer wuchtigen Präsenz wie die eines Range Rovers die Strasse erobern? Schlussendlich wirkt die A390 weder als sportliches Alpine-Leichtgewicht noch als elitäres Fahrzeug – sie wirkt wie ein normales Elektroauto, nach welchem sich kaum jemand umdreht.
Martin A. Bartholdi
Mit dem Autofieber haben mich die Kult-TV-Serie «Knight Rider» und das Formel-1-Rennen in den Strassenschluchten von Monte Carlo infiziert. Noch heute zaubern mir US-Sportwagen mit langen Motorhauben wie der Ford Mustang und wendige Kurvenkratzer wie der Mazda MX-5 ein Lächeln ins Gesicht. Mit Kombis und vor allem SUVs kann ich allerdings nur wenig anfangen, dann doch lieber echte Geländewagen. Wohl die Schuld des Computerautos K.I.T.T. ist auch, dass ich gerne neue technische Spielereien ausprobiere, seien es Assistenten, Infotainment oder Vernetzung.
Zu langsam für eine Alpine?
Bartholdi: Ein elitärer Riese? Dann hätte Alpine wirklich mit allen Traditionen gebrochen. Die A390 ist doch eine gelungene Mischung aus einem kleinen und sportlichen Fahrzeug sowie den SUV, nach denen der Markt aktuell verlangt. Und Alpine hat einen 400 PS starken Elektro-Crossover auf die Strasse gestellt, der auf den polizeilich eng überwachten Schweizer Strassen richtig Spass macht. Das Fahrwerk mit dem Alpine Active Torque Vectoring sorgt für eine gute Strassenlage und lässt mich die unnötige Bodenfreiheit im Elektro-SUV vergessen. Als viertüriges Sport-Coupé wäre der Fahrspass wohl noch höher, aber mein Auto-Geschmack deckt sich eben nicht mit der Mehrheit. Aber die Alpine tröstet mit ihrem Fahrspass darüber hinweg, wenn ich mit dem griffigen Lenkrad sportlich in die nächste Kurve steche. Für eine zusätzliche Prise Emotionen sorgt der Motoren-Sound im Sportmodus, den Akustiker und Musiker auf Basis der Geräusche des Elektromotors entwickelt haben.
Aellig: Im Gegensatz zu den beiden Plattform-Geschwistern von Renault und Nissan verfügt die Alpine A390 über ein Dreimotor-Layout sowie ein eigenständiges Chassis-Tuning. Der grosse Vorteil des Elektroantriebes liegt in der massiven Überlegenheit des Drehmoments. Von einer elektrischen Alpine mit auf Sport getrimmten Aussen- und Innendesign hätte man im Zeitalter der wahnwitzigen Beschleunigungszeiten schnellere Sprintzweiten als 4,8 Sekunden auf 100 Km/h erwarten können. Der Volvo EX30 benötigt dafür 3,6 Sekunden, der Hyundai Ioniq 5N mit N Grin Boost nur 3,4 Sekunden. Da wirkt die A390 fast ein wenig bieder, was ja zu Bartholdi passt.
Fazit
Bartholdi: Nennt mich der Toyota-Fahrer und Liebhaber der SUV-Massenware tatsächlich bieder? Das ist doch deutlich mehr ein Bünzli-Bekenntnis, als wenn einem die Alpine A390 gefällt. Das Design und die blaue Lackierung heben die A390 GT deutlich von der biederen Masse ab. Und wenn Aellig es sportlicher will, kann er die GTS-Version mit 470 PS kaufen, die in 3,9 Sekunden auf Tempo 100 sprintet. Im Gegensatz zu einem Volvo EX30 kann die Alpine mit dieser Beschleunigung wenigstens umgehen und fliegt gefüllt nicht gleich aus der nächsten Kurve. Und dass der Ioniq 5N schneller ist, hoffe ich doch auch bei 250 PS mehr Leistung als die Alpine. Die Reichweite von fast 500 Kilometer geht für einen Sport-SUV auch in Ordnung.
Aellig: Als Frankreich-Fan bekunde ich grosse Mühe, die frankophile Alpine-DNA mit der A390 in Einklang zu bringen. Aber ich habe beim Testen auch positive Punkte entdeckt. So habe ich kaum einen harmonischeren Spurassistenten erlebt – die Lenkradkorrekturen sind weder zu ruppig noch zu eckig, sondern fast immer richtig. Das Cockpit verzichtet Gott sei Dank auf monumentale Bildschirmgrössen. Das Steuerrad fühlt sich perfekt an. Bei der A390 ist alles OK, aber die Nebenniere schüttet keinerlei Adrenalin aus. Meine Sympathie gilt der A110. Der fossile, herrlich knatternde A110 ist leider nur noch als restlicher Lagerbestand zu kaufen. Und der neue elektrische A110 befindet sich in der Entwicklung. Hoffentlich präsentieren uns die Franzosen bald den leichtesten, zweisitzigen Elektrosportwagen, welcher auf dem Markt erhältlich sein wird.
Alpine A390 GT: Fakten
- Motor: 3 E-Motor mit 400 PS (295 kW), 661 Nm@1/min
- Batterie: Brutto / Netto 94 / 89 kWh = 497 km
- Antrieb: 1-Gang-Automatik, 4x4
- Fahrleistung: 0-100 km/h 4,8 s, Höchstgeschwindigkeit 200 km/h
- Verbrauch: Werk / Test: 20,9 / 19.6 kWh/100 km, Energieeffizienz C
- Masse: Länge/Breite/Höhe: 4,62 m / 1,89 m / 1,53 m
- Laderaum: Kofferraum 532-1643 l
- Gewichte: Leergewicht: 2199 kg, Anhängelast gebremst/ungebremst: 1350/750 kg
- Preis: ab 64'500 Fr., Testwagen mit Extras (Sport-Nappaledersitze 2500 Fr., Carbonschalen für Sitze 1400 Fr., Lackierung 1600 Fr., Driving Pack (Assistenzsystem) 1200 Fr., Soundsystem 1200 Fr., u.m.): 76’430 Fr.
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