Werbung
Warum moderne Autos plötzlich wie Smartphones altern
Erst teuer gekauft, dann teuer versichert: Klara B. wollte mit ihrer Mercedes-Occasion ein paar sorgenfreie Jahre. Doch moderne Autos altern heute fast wie Smartphones – und werden im Schadenfall schnell zum Hightech-Kostenfall.
Im Mai 2026 weist die Garage Klara B. auf die auslaufende Garantie hin und macht ihr ein Angebot: Eine Versicherung, die Reparaturleistungen wie kaputte Bremsen, einen Batteriewechsel oder Schäden am Motor und an der Elektronik für ein weiteres Jahr abdeckt. Kostenpunkt: rund 1500 Franken – fast genauso viel wie die Vollkaskoversicherung des Fahrzeuges.
Klara B. ist irritiert: «Der Verkäufer hat mehrmals betont, dass sich die Versicherung lohnt, da bei neuen Fahrzeugen schnell mal etwas an der Elektronik kaputt geht. Aber eigentlich habe ich mich für einen Mercedes entschieden, weil ich ein paar Jahre Ruhe haben wollte vor teuren Reparaturen.»
«Früher ein kleiner Blechschaden, heute ein teurer Elektronikfall»
Der Fall zeigt ein Phänomen, das die Autowelt zunehmend beschäftigt: «Das Auto entwickelt sich immer mehr zum Smartphone auf Rädern», sagt Hans-Peter Nehmer, Medienverantwortlicher der Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft. Ähnlich wie bei Smartphones gilt: Wenn etwas kaputtgeht, wird eher ersetzt statt repariert. «Was früher ein kleiner Blechschaden war, wird heute schnell zum teuren Elektronikfall. In diesem Sinne gibt es tatsächlich einen gewissen ‹Apple-Effekt›.»
Ein Trend, der sich nicht nur auf die Halter von modernen Fahrzeugen auswirkt. Seit Jahren treibt er die Prämien der Motorfahrzeugversicherungen in die Höhe (STREETLIFE berichtete), «unabhängig davon, ob die Konsumenten bewusst mehr Technik wollen oder nicht», so Nehmer.
Zusatzaufwand im Ersatzfall
Warum das so ist, erklärt Christian Bach, Abteilungsleiter Chemische Energieträger und Fahrzeugsysteme bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa. Er ordnet den Apple-Effekt technisch ein: «Heute weisen viel mehr Fahrzeugkomponenten eigene Steuergeräte auf als noch vor einigen Jahren, was sie reparaturanfälliger und teurer macht.»
Betroffen sind laut Bach unter anderem Scheinwerfer, Fahrzeugfronten, Seitenspiegel, Frontscheiben, Heckstossstangen und viele weitere Bauteile. Was früher oft relativ einfach ersetzt werden konnte, ist heute Teil eines vernetzten Gesamtsystems.
Bach sagt: «Die Bauteile sind dabei nicht nur teurer. Oftmals müssen sie auch «angelernt» werden, was im Falle eines Ersatzes auch einen Zusatzaufwand bedeutet und Kosten verursacht.»
Mit anderen Worten: Nach dem Austausch ist die Arbeit nicht zwingend erledigt. Das Auto muss das neue Teil erkennen, korrekt einbinden und mit den übrigen Systemen abstimmen. Ein Zusatzaufwand, der Reparaturen komplexer und teurer macht.
Auf gut Glück
Klara B. hat sich inzwischen entschieden: Die Zusatzversicherung nimmt sie nicht. Nochmals rund 1500 Franken pro Jahr zu zahlen, sei ihr zu viel – fast wie eine zweite Vollkasko. Auf die restliche Leasingdauer von vier Jahren gerechnet, müsste zuerst ein Schaden von rund 6000 Franken entstehen, damit sich die Versicherung für sie überhaupt rechnet.
Jetzt hofft sie, dass ihr Mercedes hält, was sie sich beim Kauf erhofft hatte: ein paar Jahre Ruhe vor teuren Reparaturen. Doch der Fall zeigt: Moderne Autos bieten viel Komfort, Sicherheit und Hightech – aber im Schadenfall kann genau diese Technik teuer werden.
Was macht die Empa?
Die Empa ist die eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt und ist ein interdisziplinäres Forschungsinstitut des ETH-Bereichs für Materialwissenschaften und Technologie. Als Brücke zwischen Forschung und Praxis entwickelt sie innovative Lösungen für Industrie und Gesellschaft, mit den Schwerpunkten in den Bereichen Nachhaltigkeit, Energie, Mobilität, Gesundheit und Bauwesen.
Werbung





