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Zweite Gotthardröhre: «Paulina» gibt Vollgas – doch der Zeitplan wackelt
Elf Monate lang stand «Paulina» tief unter dem Gotthard still. Ein Gesteinsniederbruch hatte die Tunnelbohrmaschine lahmgelegt. Seit Mai läuft die Bohrscheibe wieder. Zunächst auf halber Leistung, jetzt wieder mit Vollgas. Schafft der Bund die geplante Eröffnung 2030 überhaupt noch?
Sie frisst sich wieder mit voller Leistung in den Berg. In einem Vortriebszyklus schafft sie ganze zwei Tunnelmeter. Die Rede ist von «Paulina», der Tunnelbohrscheibe, die beim Bau der zweiten Gotthardröhre zum Einsatz kommt. 12,3 Meter beträgt ihr Durchmesser, 2118 Tonnen schwer ist sie, ihre Kraft erreicht 7613 PS – und doch war «Paulina» elf Monate ausser Betrieb.
Es ist das Gestein im Gotthard-Massiv, das den Tunnelbauern einen Strich durch die Rechnung machte: Ein plötzlicher Gesteinsniedergang blockierte die Maschine, für die Freilegung musste extra ein zusätzlicher Stollen in den Fels gesprengt werden. Massnahmen, die viel Geld aber vor allem wichtige Zeit gekostet haben. Das bestätigt das Bundesamt für Strassen ASTRA auf Anfrage von STREETLIFE: «Es ist eine Verzögerung bei der südlichen Tunnelbohrmaschine aufgrund eines Betriebsausfalls zu verzeichnen, deren Auswirkungen auf den Gesamtzeitplan der Arbeiten derzeit geprüft werden», sagt ASTRA-Mediensprecher Eugenio Sapia. Nun aber würden die Arbeiten wieder nach Plan laufen, wie Sapia ergänzt.
Durchschlag verzögert sich deutlich
Doch die Uhr tickt am Gotthard. Der Bund hat die Eröffnung für den zweiten Strassentunnel für 2030 angekündigt. Jetzt gibt es Anzeichen dafür, dass der Zeitplan deutlich wackelt. Schaffen die Tunnelbauer die rechtzeitige Fertigstellung überhaupt noch?
Sicher ist: Nach dem Gesteinsniedergang rechnete das ASTRA zunächst mit einer Verzögerung von sechs bis acht Monaten. Am Schluss waren es elf. Und während vier Monaten lief die Bohrmaschine nur auf reduzierter Leistung. Ein weiteres Indiz für den immer enger werdenden Zeitplan: Ursprünglich war vorgesehen, dass sich «Paulina» und die nördlich arbeitende Tunnelbohrmaschine «Alessandra» im Frühjahr 2027 treffen. Diesen Plan musste das ASTRA mittlerweile anpassen: «Der Durchschlag ist per Ende 2027 vorgesehen», sagt Mediensprecher Sapia. Er betont aber, dass das ASTRA das Eröffnungsjahr 2030 noch nicht abgeschrieben habe. «Wir prüfen derzeit mögliche Lösungen, um den Rückstand aufzuholen.» Ob das gelingt, lässt der Bund derzeit offen.
Elf Monate Stillstand kosten Millionen
Der Ausfall der Bohrmaschine und der Bau des zusätzlichen Stollens trieben die Kosten deutlich in die Höhe. Hier geht das ASTRA Von 15 bis 20 Millionen Franken aus. Ursprünglich hatten die Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern 2016 einen Kredit von 2,053 Milliarden Franken für den Ausbau finanziert. Aktuell liegen die ausgewiesenen Gesamtkosten für den zweiten Tunnel bei 2,14 Milliarden Franken. Und von sechs Jahren Bauzeit sind noch nicht einmal zwei verstrichen.
Wie geht es jetzt weiter?
«Paulina» hat bis jetzt acht Prozent ihrer Bohrroute zurückgelegt. Ihre Schwestern-Maschine «Alessandra» im Norden erfüllte in der gleichen Zeit 61 Prozent ihres Solls. Damit hat sie bereits rund 4000 Tunnelmeter ausgebrochen. «Alessandra» befindet sich nun aber in einer Störzone. Dabei handelt es sich um einen besonders schwierigen Bereich im Berg. Das Gestein kann hier stark zerklüftet, brüchig oder instabil sein. Auch Hohlräume sind möglich.
Für die Mineure am Gotthard bedeutet das: Sie müssen nun auch im Norden langsamer vorgehen, stärker absichern und sich auf geologische Überraschungen gefasst machen. Etwas, was sie beim aktuell knappen Zeitplan wohl gerade nicht gerne hören.
Sollte das ASTRA den Zeitplan bis 2030 dennoch einhalten können, stehen mit der Eröffnung des zweiten Gotthard-Strassentunnel aber nicht sofort zwei Röhren zur Verfügung. Zunächst müsse laut ASTRA der schon bestehende Tunnel saniert werden – und das dauert nochmals drei Jahre.
Warum braucht es überhaupt eine zweite Gotthardröhre?
Der bestehende Gotthard-Strassentunnel wurde 1980 eröffnet und ist mit seinen 16,9 Kilometern längst in die Jahre gekommen. Die Röhre muss umfassend saniert werden. Dafür müsste sie über längere Zeit komplett gesperrt werden.
Die zweite Röhre schafft die nötige Ausweichmöglichkeit: Während die bestehende Röhre saniert wird, kann der Verkehr durch den neuen Tunnel fliessen. Mehr Verkehrskapazität soll dadurch aber nicht entstehen. Pro Richtung bleibt eine Fahrspur offen, die zweite dient als Pannenstreifen.
Zwischen den beiden Röhren gibt es zudem Querverbindungen, über die Rettungskräfte im Notfall schneller zur jeweils anderen Röhre gelangen können.
Das Schweizer Stimmvolk stimmte dem Bau der zweiten Röhre am 28. Februar 2016 mit 57 Prozent Ja-Stimmen zu. Der neue Tunnel soll 2030 eröffnet werden und anschliessend die Sanierung der bestehenden Röhre ermöglichen.
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