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Vorerst darf nur der ÖV selbständig fahren
Im Furttal in den Kantonen Zürich und Aargau fahren seit wenigen Tagen autonome Fahrzeuge. Es ist ein Pilotprojekt, um zu prüfen, wie sich selbstfahrende Autos in den öffentlichen Verkehr integrieren lassen. Private müssen aber noch länger auf autonome Autos warten.
Das Auto wird zum Roboter und fährt selbständig von A nach B. Die Lenkenden werden zu Passagieren, lehnen sich zurück, schlafen, arbeiten oder lesen. Das ist das Endziel des autonomen Fahrens. Die Technologie soll also das Leben der Autofahrenden erleichtern. Doch der öffentliche Verkehr hat sie ebenfalls für sich entdeckt und setzt sie wohl ein, bevor die Autofahrenden im Stau ein Buch lesen können.
Innerhalb eines Monats wurden zwei ÖV-Projekte für autonomes Fahren lanciert. PostAuto kündigte Ende Oktober an, im Dezember mit Testfahrten in der Ostschweiz zu starten. Ab 2027 sollen die ersten selbstfahrenden Robotaxis von Postauto auch Passagiere befördern. Ein ähnliches Projekt im Furttal zwischen den Gemeinden Regensdorf ZH und Killwangen AG will schon nächstes Jahr Passagiere in die selbstfahrenden Autos lassen.
Mit dem Robotaxi an den Bahnhof
Diesen Donnerstag fiel der Startschuss für den Pilotversuch, weil das Bundesamt für Strassen ASTRA die Bewilligung für die autonomen Fahrten auf öffentlichen Strassen erteilt hat. Das Projekt wird von Swiss Transit Lab durchgeführt, welches schon Robotaxis in Neuhausen am Rheinfall und Schaffhausen testete. Das Geld für den Pilotversuch kommt von den Kantonen Zürich (3,8 Mio. Fr.) und Aargau (1,9 Mio Fr.) sowie den SBB (5 Mio. Fr. über fünf Jahre).
Im Furttal wird geprüft, ob und wie abgelegene Dörfer mit Robotaxis einen besseren Anschluss an den Bahnhof erhalten. Nicolas Germanier, der Leiter Regionalverkehr bei den SBB, erklärte das Fernziel: «Wir wollen, dass alle Menschen in der Schweiz innert 15 Minuten an einem Bahnhof sind und nicht mehr als 15 Minuten auf einen Zug warten müssen.» Aber klassische Buslinien sind dafür zu teuer. Mit selbstfahrenden Autos könnte dieses Ziel finanzierbar werden. Aus diesem Grund fahren im Furttal jetzt Elektroautos mit dem SBB-Logo.

Für die Schweiz trainieren
Aktuell gehen die autonomen Fahrzeuge quasi in die Fahrschule. Es handelt sich um Elektroautos des Typs Nissan Ariya, die von der chinesischen Firma WeRide mit der nötigen Technologie für autonomes Fahren ausgerüstet sind. Die Grundprogrammierung wurde auf den grossen und breiten Strassen von China und den USA erstellt. Jetzt lernen die Autos die Schweizer Verkehrsregeln kennen und durch die engeren Strassen in den Dörfern des Furttals zu navigieren.
STREETLIFE durfte am Donnerstag eine kurze Runde von rund 800 Metern in Otelfingen ZH mitfahren. Das Auto fährt erst los, wenn alle Insassen angeschnallt sind. Die Robotaxis fahren sehr selbstbewusst, aber sicher. Kein Vergleich mit den zögerlichen Mini-Bussen, die vor sieben Jahren noch im Schritttempo durch Neuhausen SH gekrochen sind. Die Fahrzeuge für das Furttal halten bei Rot, biegen bei Grün zügig in die Kantonsstrasse ein und fahren den Kreisel flüssig, ohne den Verkehr zu behindern. Als eine Fussgängerin einen Zebrastreifen überquerte, wurde das Auto zwar merklich langsamer, um der Fussgängerin keine Angst zu machen, musste aber nicht komplett anhalten.
Nächstes Jahr ohne Fahrer, aber mit Passagieren
Bei den aktuellen Trainingsfahrten sitzt noch ein Sicherheitsfahrer auf dem Fahrersitz, der notfalls eingreifen kann. Der Präsident des Swiss Transit Labs, Matthias Rödter, kündigte aber an: «Schon nächstes Jahr werden die Autos aus der Ferne überwacht. Dann sitzen Operatoren in der Leitzentrale in Regensdorf.» Diese werden die Fahrzeuge aber nicht fernsteuern, hält Rödter fest. «Die Operatoren können bei unklaren Situationen sichere Fahrmanöver freigeben. Diese führt das Fahrzeug aber selbständig aus.»
Ab Mitte 2026 sollen drei selbstfahrende Autos erstmals Fahrgäste an 460 Haltepunkten ein- und aussteigen lassen und auf einer Strecke von insgesamt 110 Kilometern im Furttal fahren. Später sollen fünf Busse hinzukommen. Um die Fahrzeuge zu bestellen und Fahrten zu buchen, wird es eine App geben, die noch in der Entwicklung ist. Details zum Fahrbetrieb werden später bekannt gegeben. Klar ist aber schon: Die Nutzung wird kostenpflichtig. Die Preise orientieren sich an den Preisen für Bustickets und bestehenden On Demand-Angeboten mit Fahrern.
Die Gesetzeslage
Dieser Versuch wie auch das Postauto-Projekt in der Ostschweiz wurden unter anderem durch eine Anpassung des Strassenverkehrsgesetzes möglich, die am 1. März 2025 in Kraft trat. Sie erlaubt automatisiertes Fahren der Stufe 3 und 4 in bestimmten Anwendungsfällen. Diese sowie weitere Details sind in der «Verordnung über das automatisierte Fahren» geregelt. Aktuell sind drei Situationen erlaubt.
- Der Autobahnpilot. Das Fahrzeug fährt auf der Autobahn selbst und die Person am Steuer darf die Hände vom Lenkrad nehmen. Sie muss allerdings jederzeit in der Lage sein, die Kontrolle wieder zu übernehmen, wenn sie vom Fahrzeug dazu aufgefordert wird. Das entspricht autonomem Fahren auf Stufe 3.
- Automatisiertes Parkieren: Das Auto parkiert selbständig, während der Lenkende schon zu seinem Termin geht. Entsprechende Parkhäuser oder Parkplätze sind gekennzeichnet und brauchen eine Bewilligung. Das Auto darf erst auf dem Parkareal verlassen werden und nicht auf öffentlichen Strassen selbständig fahren.
- Führerlose Fahrzeuge: Diese dürfen, ohne Person am Lenkrad, auf bestimmten, von den Kantonen bewilligten Strecken fahren.
Es geht noch fast nichts
Die gesetzliche Grundlage besteht also. Nur für die ersten beiden Anwendungsfälle fehlt es noch an Fahrzeugen. Bisher sind keine Autobahnpiloten in der Schweiz zugelassen. Das ASTRA erklärte auf Anfrage von STREETLIFE, dass bisher kein Hersteller einen Antrag gestellt habe, einen Autobahnpiloten in der Schweiz zuzulassen. BMW und Mercedes bieten solche Systeme in anderen Ländern an, warten in der Schweiz aber noch ab. Auch gibt es gemäss aktuellem Wissensstand des ASTRA aktuell keinen Parkplatz, der automatisiertes Parkieren erlaubt.
Der dritte Anwendungsfall mit führerlosen Fahrzeugen wird aktuell in der Ostschweiz und im Furttal vorbereitet. Dieses Szenario ist auf den öffentlichen Verkehr und den Warentransport ausgelegt. Mit letzterem befasst sich ein dritter Pilotversuch in Bern. Dabei setzt das Transportunternehmen Planzer führerlose Lieferwagen für die Verteilung von Waren an 14 Umladepunkte in der Stadt Bern ein. Nach aktuellem Stand kommen also der öffentliche Verkehr und das Gewerbe vor den Autofahrenden in den Genuss von selbstfahrenden Fahrzeugen.
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