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Phantombremsungen: Wie gefährlich sind Notbremsassistenten?
Ab dem 7. Juli gelten strengere Vorgaben für Notbremsassistenten: Neue Fahrzeuge müssen dann auch Fussgänger und Velofahrende erkennen. Doch Autofahrende berichten immer wieder von plötzlichen Vollbremsungen ohne klaren Grund. Wie zuverlässig sind die Systeme wirklich? STREETLIFE hat beim TCS nachgefragt.
Ab dem 7. Juli 2026 gelten in der EU verschärfte Vorschriften für Assistenzsysteme in Neuwagen. Nach Ablauf einer Übergangsfrist müssen neue Fahrzeuge unter anderem mit einem erweiterten Notbremsassistenten ausgestattet sein. Dieser erkennt nicht mehr nur andere Fahrzeuge, sondern auch Fussgänger und Velofahrer. Gleichzeitig werden Systeme zur Überwachung der Aufmerksamkeit des Fahrers ausgebaut.
Die neue Regelung soll die Zahl schwerer Unfälle senken. Doch sie wirft auch eine Frage auf, die viele Autofahrende immer wieder beschäftigt: Kann man den elektronischen Helfern wirklich trauen? Schliesslich tauchen immer wieder Berichte über sogenannte «Phantombremsungen» auf – Situationen, in denen das Auto plötzlich stark abbremst, obwohl der Fahrer kein Hindernis erkennen kann.
STREETLIFE hat beim TCS nachgefragt. Für den Experten ist klar – die Vorteile überwiegen. «Notbremsassistenten funktionieren im Alltag grundsätzlich zuverlässig und bringen einen klaren Sicherheitsgewinn», sagt TCS-Sicherheitsexperte Erich Schwizer. Je nach Situation könnten sie einen Unfall ganz verhindern oder die Folgen einer Kollision deutlich abschwächen. Allerdings gibt auch er zu: «Fehlerfrei sind sie nicht.»
«Phantombremsungen» kommen vor
Wie häufig unerwartete Bremsmanöver tatsächlich auftreten, lässt sich nicht exakt beziffern. Der TCS führt dazu keine Statistik. Die Zahl der Rückmeldungen sei jedoch klein. Wenn es zu einer Phantombremsung kommt, steckt laut Schwizer häufig nicht die Software selbst dahinter. «Defekte, verschmutzte oder gestörte Sensoren können das System zu einer Fehleinschätzung veranlassen.» Auch falsch erkannte Tempolimiten oder ein Navigationssystem mit fehlerhafter Positionsbestimmung könnten solche Eingriffe auslösen. Schwizer: «Bei der Schildererkennung wird einigen Herstellern eine schlechte Erkennungsrate zugeschrieben. Diese Kritik wird von den TCS-Testingenieuren bestätigt.»
Fahrerinnen und Fahrer sind in solchen Situationen allerdings nicht hilflos ausgeliefert. Ein kräftiger Druck aufs Gaspedal übersteuert den Bremsvorgang. Treten Phantombremsungen wiederholt auf, empfiehlt der TCS, das Fahrzeug in einer Garage überprüfen zu lassen.
Was aber ist, wenn solche unerwarteten Bremsmanöver während der Fahrt auf einer vielbefahrenen Strasse passieren? Eine Zunahme von Auffahrunfällen durch unerwartete Bremsmanöver ist zumindest dem TCS nicht bekannt. Der Experte: «Vollständige grundlose Notbremsungen bis zum Stillstand sind ungewöhnlich.»
Mehr Fehler bei Regen und Schnee
So leistungsfähig moderne Assistenzsysteme heute sind: unfehlbar sind sie nicht. Ihre Sensoren brauchen möglichst klare Bedingungen, um Verkehrssituationen richtig zu erfassen. Bei starkem Regen, Schneefall, Nebel oder schlechter Sicht können Kameras, Radar- und Lidarsensoren deshalb an ihre Grenzen kommen.
Tests des TCS zeigen, dass Assistenzsysteme bei Schlechtwetter nicht in jeder Situation zuverlässig arbeiten. Umso wichtiger sei es, dass das Fahrzeug klar anzeigt, wenn einzelne Funktionen vorübergehend eingeschränkt oder nicht verfügbar sind, sagt Schwizer.
Für den TCS-Experten ist deshalb klar: «Der Fahrer muss damit rechnen, dass die Technik Grenzen hat.» Assistenzsysteme seien eine wertvolle Unterstützung, könnten den Menschen aber nicht ersetzen.
Der Mensch bleibt der wichtigste Assistent
Genau hier liegt der Kern der Debatte um Notbremsassistenten: Die Technik kann in Sekundenbruchteilen reagieren – aber sie versteht den Verkehr nicht wie ein Mensch. Sie erkennt Objekte, Abstände und Geschwindigkeiten. Was sie nicht kann: Absichten lesen oder Situationen im weiteren Umfeld vorausahnen.
«Assistenzsysteme können beispielsweise nicht erkennen, ob in einer Fahrzeugkolonne weiter vorne jemand abbremst oder einschätzen, was ein anderer Verkehrsteilnehmer als Nächstes tun wird», erklärt Schwizer. Heisst: Ein Notbremsassistent kann helfen, wenn eine Gefahr unmittelbar vor dem Auto entsteht. Er ersetzt aber weder den Blick auf die Strasse noch das Mitdenken des Fahrers.
Schwizers Fazit fällt deshalb klar aus: «Assistenzsysteme sind nicht perfekt, aber sie werden ständig verbessert. Der Sicherheitsgewinn überwiegt. Bereits im Januar 2022 hat der ADAC Testergebnisse von Euro NCAP separat ausgewertet und festgestellt, dass jedes Notbremssystem besser ist als gar keines.»
Für Skeptiker bleibt theoretisch nur der Griff zur älteren Occasion: Wer Assistenzsysteme um jeden Preis vermeiden will, muss ein Fahrzeug wählen, das vor den neuen Pflichtvorgaben typgenehmigt wurde. Der TCS rät jedoch zur Gewöhnung statt zur Abwehr. Denn auch wenn die Systeme nicht perfekt sind, können sie das Fahrverhalten sicherer machen – gerade, weil sie im Ernstfall schneller reagieren als der Mensch.

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