Skip to main content

Werbung

Verkehr •
Pferde im Strassenverkehr

Olympiareiter Pius Schwizer: «Gefahren werden unterschätzt.»

Der Transport von Pferden gehört im Reitsport zum Alltag. Im Strassenverkehr stellt das jedoch eine besondere Herausforderung dar. Weil Pferde als Fluchttiere unberechenbar reagieren können, sind gefährliche Situationen schnell entstanden. Springreit-Legende Pius Schwizer berichtet von seinen Erfahrungen.

Ein Pferd ist ein Fluchttier. Es denkt nicht wie ein Mensch, reagiert instinktiv und kann sich innert Sekunden erschrecken. Gerade im Strassenverkehr kann das gefährlich werden, sowohl für Reiter, Autofahrer, Velofahrer und das Tier selbst. 

Kaum jemand weiss das besser als der Schweizer Springreiter Pius Schwizer. Seit Jahrzehnten transportiert der Solothurner seine Sportpferde quer durch Europa. Tausende Kilometer legt er jedes Jahr mit Pferdeanhängern und Pferdelastwagen zurück. Dabei hat auch er schon Momente erlebt, die er nicht vergessen wird.  

Eine besonders heikle Situation ereignete sich auf der Autobahn. Während der Fahrt platzte am Lastwagen ein Reifen: «Sechs Pferde waren hinten drin, das bedeutet sehr viel Gewicht. Durch den Platten zog der Lastwagen auf die Überholspur. Zum Glück war niemand links von uns und wir haben die Situation wieder unter Kontrolle bekommen. Aber das war sehr brenzlich.» Dass damals niemand verletzt wurde, sei vor allem der besonnenen Reaktion des Fahrers zu verdanken.  

Ein weiterer Zwischenfall, der Schwizer in Erinnerung blieb: In einem engen Wohnquartier kam es während dem Reiten zu einem Unfall, als ein Pferd plötzlich schnell auswich und dabei auf die Kühlerhaube eines Autos geriet. Das Pferd blieb unverletzt, verursachte aber einen erheblichen Schaden am Fahrzeug. 

Solche Erlebnisse zeigen für Schwizer aber auch, wie wichtig es ist, dass andere Verkehrsteilnehmer genügend Abstand halten und genügend Reserven einplanen. 

Nicht drängeln – Pferde brauchen sanfte Fahrmanöver 

Viele Autofahrende seien sich laut Schwizer gar nicht bewusst, welchen Belastungen ein Pferd während einer Fahrt ausgesetzt ist. Anders als Menschen sitzen die Tiere nicht angeschnallt auf einem Sitz. Sie stehen und müssen bei jeder Bremsung, jeder Kurve und jeder Beschleunigung ihr Gleichgewicht halten. 

Deshalb appelliert Schwizer an alle Autofahrer, die hinter einem Pferdeanhänger unterwegs sind, nicht zu drängeln oder unnötigen Druck aufzubauen: «Wenn Autofahrende überholen und sich knapp vor dem Pferdeanhänger wieder reindrücken, muss man als Fahrer plötzlich unschön Abbremsen. Das ist unangenehm für das Pferd.»

Ein Pferdeanhänger verhält sich anders

Wer Pferde transportiert, trägt eine besondere Verantwortung. Ein Pferdeanhänger reagiert anders als ein gewöhnlicher Anhänger, weil sich die lebende Last bewegt und ständig das Gleichgewicht halten muss. Kommt es zu einer Vollbremsung, einem Reifenplatzer oder einem plötzlichen Ausweichmanöver, können selbst erfahrene Fahrer in kritische Situationen geraten. Auch zu hohe Geschwindigkeiten bergen Risiken: In schnellen Kurven oder Kreisverkehren kann der Anhänger instabil werden, auf der Autobahn bei hohen Geschwindigkeiten ins Schlingern geraten oder im schlimmsten Fall ausbrechen.

Wer selbst einen Pferdeanhänger fährt, müsse laut Schwizer besonders vorausschauend unterwegs sein: «Vor Kurven muss man unheimlich runterbremsen. Und. in den Kurven selbst muss man sehr langsam fahren, da dort die Pferde ihr Gleichgewicht halten müssen. Das kann einem Pferd richtig Angst machen.» Geschwindigkeit sei generell einer der wichtigsten Faktoren. «Die jungen Leute dürfen einfach nicht schnell fahren. Schnell ist lebensgefährlich, vor allem mit Tieren.»  

Das Schlimmste für Pius Schwizer aber ist: Ablenkung durch Smartphones. Wer aufs Handy schaut, gefährde nicht nur sich selbst, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer, insbesondere dann, wenn Tiere transportiert werden oder unerwartete Situationen entstehen. «Das ist absolut lebensgefährlich», so Schwizer. 

Jedes Pferd reagiert anders 

Pferde sind Fluchttiere, doch nicht jedes Tier reagiert gleich auf den Verkehr. Manche bleiben auch in ungewohnten Situationen ruhig, andere werden schon beim Verladen nervös. Für Schwizer gibt es deshalb kein Patentrezept. Viel wichtiger sei es, jedes Pferd genau zu beobachten und individuell auf seine Bedürfnisse einzugehen. 

Ob sich ein Pferd unwohl fühlt, lasse sich meist gut erkennen: «Wenn es anfängt zu trappeln, nicht mehr ruhig läuft oder seitwärts geht, merkt man eigentlich, dass etwas nicht stimmt.» Gerade auf schmalen Strassen oder Waldwegen komme es immer wieder zu Situationen, in denen Verkehrsteilnehmende, sei es ein Velo oder ein Auto, möglichst schnell noch vorbeiwollen. Für Schwizer ist genau das der falsche Ansatz: «Unbedingt anhalten. Stehen bleiben. Nicht irgendwie noch durchzwängeln. Das ist das Allerschlimmste.» Wer kurz wartet, gebe dem Pferd und dem Reiter die Möglichkeit, die Situation ruhig zu meistern. Das koste nur wenige Sekunden, könne aber einen schweren Unfall verhindern. 

Velofahrende sollten sich früh bemerkbar machen 

Besonders häufig beobachtet Schwizer kritische Situationen mit Velofahrenden. Viele seien schnell unterwegs und wollten ihre Fahrt ohne Tempoverlust fortsetzen. Dass Pferde plötzlich zur Seite springen können, werde dabei oft unterschätzt. «Wenn ein Velo sehr schnell kommt, und das Pferd plötzlich etwas sieht oder hört und auf die Seite schiesst, kann man als Reiter gar nichts machen.»  

Dabei gefährden Velofahrer in erster Linie sich selbst: «Sie kommen mit einem Höllentempo vorbei. Wahrscheinlich wissen sie gar nicht, wie schnell ein Pferd auf eine Seite springen kann.» Sein Rat ist deshalb einfach: frühzeitig bemerkbar machen, Tempo reduzieren und genügend Abstand halten. 

Die wichtigsten Tipps von Pius Schwizer

  • Tempo reduzieren, wenn Pferde oder Pferdeanhänger unterwegs sind. 

  • Genügend Abstand halten und nicht drängeln. 

  • Pferdeanhänger nur mit genügend Platz überholen. 

  • In der Nähe von Pferden nicht hupen oder unnötig Lärm verursachen. 

  • Velofahrer sollten sich früh bemerkbar machen und langsam vorbeifahren. 

  • Wirkt ein Pferd nervös: anhalten, warten und dem Reiter Zeit geben. 

  • Wer Pferde transportiert, fährt vorausschauend, langsam und besonders vorsichtig durch Kurven. 

  • Hände weg vom Handy, jede Ablenkung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Werbung