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Politik & Wirtschaft •
«Wie ein Sack voller Flöhe»

Mitte-Nationalrat will das Lade-Chaos lösen

Wer mit dem E-Auto unterwegs ist, kennt das Theater: zu viele Apps, zu viele Karten, zu wenig Klarheit beim Preis. Jetzt macht ausgerechnet ein Politiker der Mitte Druck – mit zwei Vorstössen, die das Laden endlich einfacher und transparenter machen sollen.

Wer in der Schweiz ein Elektroauto fährt, kann ein Lied davon singen. Mal braucht es diese App, mal jene Karte, mal weiss man erst nach dem Einstecken, was der Strom eigentlich kostet. Für viele ist genau das der Punkt, an dem die schöne neue Welt der E-Mobilität plötzlich ziemlich mühsam wird. Jetzt will der Aargauer Mitte-Nationalrat Andreas Meier dieses Chaos politisch angreifen – und zwar mit zwei Vorstössen, die mitten ins Problem zielen.

Der erste verlangt transparente Preise an öffentlichen Ladestationen. Der zweite fordert, dass man beim spontanen Laden künftig auch ohne Abo und ohne Registrierung bezahlen kann – mit den im Detailhandel üblichen Zahlungsmitteln. Also ganz normal. So, wie man es vom Tanken, Parkieren oder Einkaufen kennt.

Dass ausgerechnet ein Politiker der Mitte dieses Thema aufnimmt, ist bemerkenswert. Klassische «Autothemen» werden in Bern sonst gern von rechts bewirtschaftet. Meier sagt selbst, er habe sich von direkten Rückmeldungen aus der Bevölkerung treiben lassen. «Ich habe selbst Zuschriften von verärgerten Konsumenten erhalten», sagt er. Der Frust sei real.

Und er formuliert sehr klar, worum es aus seiner Sicht geht: Wer E-Mobilität ernsthaft voranbringen wolle, müsse zuerst die Hürden im Alltag abbauen. «Damit E-Autos verkauft werden können, muss die Hemmung der Konsumentinnen und Konsumenten gegenüber der E-Mobilität abgebaut werden», sagt Meier. Eine dieser Hemmungen sei eben genau das Laden: «Man weiss nicht, wie laden. Man hat eine Kreditkarte oder eine Debitkarte, aber vielleicht nicht irgendeine Karte oder App. Und man weiss auch nicht, was es kostet.»

Chaos bei den Apps

Genau dort setzt seine Kritik an. Für Meier ist es nicht nachvollziehbar, dass man im Jahr 2026 an einer öffentlichen Ladesäule oft noch immer in ein System aus Apps, Karten und Tarifmodellen gezwungen wird. Er selbst fährt seit 2022 elektrisch und kennt das Problem aus eigener Erfahrung. «Ich habe mindestens etwa fünf Lade-Apps», sagt er. Dann zählt er gleich mehrere auf: «Fastned, Swisscharge, eVpass – da hört es doch auf. Es ist ein Chaos.»

Pointiert wird Meier, wenn er über das politische Umfeld bei diesem Thema spricht. Dort gebe es viele Einzelinteressen, viel Taktieren, wenig Klarheit. «Es ist wie ein Sack voller Flöhe», sagt er. Die einen wollten diese Lösung, die anderen jene, manche wollten gar nichts verändern. Für ihn ist das unverständlich. «Das Ganze muss einfach generell transparent und einfach werden», sagt er.

Seine Logik ist simpel: Wer etwas verkaufen will, muss zeigen, was es kostet. «Jeder Detailhändler, jeder, der Ware ausstellt und kein Preisschild dranhängt, verkauft nichts», sagt Weinhändler Meier. Genau das passiere heute bei vielen Ladestationen.

Die Gegenargumente aus Teilen der Branche – etwa, dass variable Strompreise oder technische Anpassungen das Ganze erschweren – lässt er nicht gelten. «Das darf kein Argument sein», sagt der Politiker. «So viel teurer kann es nicht werden, dass es die Vorteile überwiegen würde.» Und wenn Strompreise im Tagesverlauf schwanken, sei das im Gegenteil sogar attraktiv: «Dann merken die Leute: Jetzt ist es ein bisschen günstiger, jetzt kann ich laden.»

Für Meier ist das Thema denn auch grösser als bloss eine Komfortfrage. Er sieht darin auch einen Grund, warum viele Autofahrerinnen und Autofahrer noch immer beim Hybrid hängen bleiben. «Solange die Infrastruktur nicht für jeden einfach da ist, wird es dieses Misstrauen gegenüber der neuen Technologie geben. Deshalb kaufen aktuell so viele Leute einen Hybrid», sagt er. Dabei sei gerade das für ihn die falsche Zwischenlösung: zwei Antriebssysteme, mehr Aufwand, mehr Komplexität.

Den «Sack voller Flöhe» bändigen

Sein Ziel ist klar: Laden soll so banal werden, dass der Umstieg aufs Elektroauto nicht mehr an Karten, Apps und Tarifrätseln scheitert. «Man soll hinfahren und normal bezahlen können – ohne Apps», sagt Meier. Zumal durch das heutige System viele wenig technikaffine oder ältere Menschen abgeschreckt würden.

Dass für dieses ewige Thema in Bern nun ausgerechnet die Mitte Druck macht, ist fast schon eine Pointe. Doch Unterstützung erhält Meier laut eigenen Aussagen aus allen politischen Lagern. Und auch die Rückendeckung des Branchenverbands auto-schweiz ist dem Aargauer Nationalrat sicher.

Meier will nicht locker lassen

Wie schnell sich für Schweizer E-Auto-Fahrerinnen und -Fahrer tatsächlich etwas ändert, ist allerdings offen. Zunächst wartet Meier nun auf die Antwort des Bundesrats, die er spätestens bis zur Sommersession erwartet. Danach geht das Geschäft in die parlamentarische Mühle. Wird der Vorstoss vom Bundesrat unterstützt, steigen die Chancen deutlich. Falls nicht, will Meier trotzdem weitermachen und Mehrheiten im Nationalrat suchen.

Klar ist: Damit aus dem verbreiteten Ärger an der Ladesäule konkrete Regeln werden, braucht es politischen Druck – und den Willen, aus einem «Sack voller Flöhe» endlich ein verständliches System für alle zu machen.

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