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125er wieder erst ab 18?

Jugendliche reagieren auf Töff-Debatte: «Grösster Schwachsinn»

Nach dem STREETLIFE-Bericht über steigende Unfallzahlen bei jungen Motorradfahrenden und möglichen strengeren Regeln meldeten sich zahlreiche Jugendliche auf Social Media zu Wort. Die Kommentare reichen von Angst vor neuen Altersgrenzen bis hin zu Kritik an der Ausbildung.

Die Diskussion um strengere Regeln für junge Töfffahrende sorgt für heftige Reaktionen auf Social Media. Nachdem STREETLIFE über die steigenden Unfallzahlen und die Forderungen von SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel berichtet hatte, das Mindestalter für 125-Maschinen wieder auf 18 Jahre hinaufzusetzen, meldeten sich zahlreiche Jugendliche zu Wort. Einige lassen ihren Frust freien Lauf: «Grösster Schwachsinn» schreibt ein User, «Komplett unnötig», ein anderer. 

@streetlife.ch Mehr Tote, mehr Schwerverletzte – und trotzdem mahlen die politischen Mühlen langsam. Neue Zahlen des ASTRA zeigen ein wachsendes Problem bei Motorradfahrern, besonders bei Jugendlichen. SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel fordert Tempo. #STREETLIFE#motorrad#schweiz#news#töfflibuebe🇨🇭♬ Originalton - Streetlife

Die Mehrheit der Jugendlichen äussert grosse Sorge und ist verwirrt. Sie befürchten, dass sie möglicherweise gar nicht mehr legal auf einen 125er steigen können, falls das Mindestalter tatsächlich wieder erhöht wird. Entsprechend emotional fallen viele Reaktionen aus: «Ich mache in ein paar Monaten die Prüfung, und jetzt heisst es plötzlich vielleicht wieder erst ab 18? Bitte nicht!» 

Aus psychologischer Sicht seien solche Reaktionen normal, wie Ariane Gautschi, psychologische Beraterin für Jugendliche und Erwachsene, auf Anfrage von STREETLIFE erläutert: «Es kann durchaus sein, dass gewisse Jugendliche nicht verstehen können und es sie frustriert oder sogar wütend macht, dass Ihnen dieses Recht wieder entzogen werden könnte. Dennoch ist es wichtig, Jugendlichen mit den konkreten Unfallzahlen zu konfrontieren. Wenn sie ihr Verhalten reflektieren, können sie es entsprechend anpassen und merken dadurch, dass das für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben sehr wichtig ist.» 

Angst vor neuen Altersgrenzen 

Viele Jugendliche sind überzeugt, dass die strengere Altersgrenze das Problem nicht lösen würde. Stattdessen befürchten einige sogar neue Risiken im Strassenverkehr: «Dann steigen die 18-Jährigen direkt auf schwere A2-Maschinen um. Das ist viel gefährlicher als ein 125er mit 16.»  

Die Jugendlichen argumentieren, dass der schrittweise Einstieg mit kleineren Maschinen eher zur Sicherheit beitrage. Oder man umgehe das Problem gänzlich: «Dann gibt es halt einfach noch mehr frisierte Töffli», meint ein Jugendlicher. Gemeint sind manipulierte Kleinmotorräder oder Mofas, die trotz gesetzlicher Beschränkungen schneller gemacht werden. 

Die Diskussion um strengere Regeln kommt nicht von ungefähr: Seit dem 1. Januar 2021 dürfen Jugendliche in der Schweiz bereits ab 16 Jahren einen 125er-Töff fahren. Zuvor lag das Mindestalter bei 18 Jahren. Mit der Änderung wollte der Bundesrat die Schweizer Regeln an jene der EU anpassen. Gleichzeitig stiegen jedoch auch die Unfallzahlen bei jungen Motorradfahrern deutlich an. Im ersten halben Jahr nach Erhalt des Führerscheins verunfallen gemäss Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU 60 Prozent der 16- bis 17-Jährigen, und 46 Prozent bei den 18- bis 24-Jährigen. 

Auch die Aussagekraft der Unfallzahlen selbst wird von einigen Jugendlichen hinterfragt. Ihrer Meinung nach müsse man berücksichtigen, dass heute schlicht mehr Motorräder unterwegs seien als früher. «Mehr Motorradfahrer = mehr Unfälle. Das gleiche sieht man bei E-Bikes», schreibt ein User. «Vor zehn Jahren gab es weniger E-Bike-Unfälle, weil es einfach weniger E-Bikes gab.»  

Tatsächlich legte der Gesamtmarkt gemäss Zahlen von moto-suisse in den vergangenen Jahren deutlich zu: Waren 2020 noch 206’642 Motorräder mit 125 cm³ Hubraum registriert, lag die Zahl im vergangenen Jahr bereits bei 245’789. Markus Lehner von motosuisse ordnet die Entwicklung ein: «Seit der Öffnung des Führerausweises ist der Bestand insgesamt um rund 20 Prozent gestiegen, etwa je zur Hälfte bei Rollern und Motorrädern.» 

Forderung nach besserer Ausbildung 

Besonders häufig wird in den Kommentaren auch ein anderer Punkt genannt: die Ausbildung. Viele Jugendliche fordern statt Verboten mehr Prävention und strengere Schulung: «Wer mit 16 dumme Gedanken hat, hat diese auch noch mit 18», schreibt ein Nutzer. Deswegen wären längere Lernphasen, mehr praktische Fahrstunden und eine intensivere Sensibilisierung für Gefahren im Strassenverkehr wichtig. 

Dies bestätigt auch Christoph Jöhr, Leiter Verkehrsverhalten der Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU: «Wer auf ein Motorrad steigt, muss die Gefahren kennen, die eigenen Fähigkeiten richtig einschätzen und lernen, sicher zu fahren. Sonst ist Töfffahren schlichtweg zu gefährlich». Zudem reagieren Jugendliche impulsiver und neigen zu riskanterem Verhalten. Die BFU unterstützt deshalb die Idee, das Mindestalter für 125-ccm-Motorräder wieder auf 18 Jahre anzuheben. 

TCS startet neues Präventionsprojekt für Jugendliche 

Mit dem neuen Programm «Ready to Ride» will der TCS junge Motorradfahrer sicherer auf die Strasse vorbereiten. Jugendliche ab 15 Jahren können dabei erste Fahrpraxis in geschützter Umgebung sammeln, noch bevor sie alleine im Strassenverkehr unterwegs sind. Der Kurs findet ausschliesslich in TCS-Fahrtrainingszentren statt und besteht aus drei Modulen. Die Teilnehmenden lernen dabei Grundlagen der Fahrtechnik, sicheres Kurvenfahren, Bremsmanöver sowie den Umgang mit Risiken im Strassenverkehr. Auch Themen wie Eigenverantwortung und Gefahrenbewusstsein stehen im Fokus. 

Immer wieder wird auch der Vergleich mit dem Ausland gezogen. Mehrere User kritisieren auf Social Media die Schweizer Ausbildung als zu locker. «In der EU ist die Ausbildung deutlich besser», meint ein Kommentator. Dort dürfen Fahrschüler erst alleine fahren, wenn sie die praktische Prüfung bestanden haben. «Viele Unfälle passieren bei uns, obwohl manche noch nicht einmal den Grundkurs besucht haben. Wir haben das Ausbildungsniveau einer Bananenrepublik bei der Fahrausbildung. Der falsch verstandene Liberalismus.» 

Auch Verständnis in der Debatte 

Doch nicht alle lehnen strengere Regeln ab. Einige Jugendliche zeigen überraschend viel Verständnis für die Diskussion. «Finde das keine schlechte Idee. Leider habe ich selbst viel zu viele Unfälle mit jungen Fahrern erlebt», schreibt ein Nutzer. Ein anderer ergänzt: «Ich fahre selber einen 125er und bin 16, aber ich muss ehrlich sagen, dass es Sinn macht. Einige sind einfach zu jung und unerfahren, um so etwas zu fahren.» 

Das Thema Reife wird immer wieder angesprochen. Besonders ein Kommentar sorgt für Zustimmung: «Mit 16 bist du niemals erwachsen genug im Kopf, um 120 km/h zu fahren.» Viele sehen weniger das Motorrad selbst als Problem, sondern vielmehr die fehlende Erfahrung und das Risikobewusstsein. 

«Mit 18 ist man kognitiv an einem anderen Ort»  

Dass das Thema Reife in der Diskussion immer wieder auftaucht, überrascht auch Jugendpsychologin Ariane Gautschi nicht. Für sie machen zwei Jahre in diesem Alter einen grossen Unterschied. Zwischen 16 und 18 entwickle sich das Gehirn stark weiter, insbesondere bei der Einschätzung von Risiken und Konsequenzen. «Wir stehen mit 18 Jahren an einem anderen Ort als mit 16 Jahren», erklärt sie. Jugendliche würden in dieser Phase in kurzer Zeit viele prägende Erfahrungen machen und laufend Neues lernen. « Dazu gehört auch, dass wir Gefahren mit 18 besser einschätzen können als mit 16. Auch sind wir uns der Konsequenzen unserer Handlungen besser bewusst. Das gilt auch für den Strassenverkehr. »  

Gleichzeitig betont die Psychologin, dass Prävention eine zentrale Rolle spielen müsse. «Es braucht viel Präventionsarbeit in den Schulen und durch die Polizei», sagt sie. Auch Familien seien gefordert, über Risiken, Verantwortung und Sicherheit zu sprechen. Die steigenden Unfallzahlen seien für sie ein klares Warnsignal. Deshalb spricht sie sich auch für strengere Regeln aus. «Wenn sich Jugendliche mit 16 Jahren selber zu wenig schützen, dann müssen wir Erwachsene dies mit vernünftigen Gesetzen tun.» 

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