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Racheaktion oder Sicherheitsdenken? – Jetzt diktiert China
Was steckt hinter der grössten Auto-Rückrufaktion, welche China laut Reuters jemals erlebt hat? Wird China plötzlich zum weltführenden Konsumentenschützer, welchem die Sicherheit der Autofahrer besonders wichtig ist? STREETLIFE-Autor Pentti Aellig stellt in seiner Kolumne noch eine andere Frage: «Ist es vielleicht ein Racheakt im Strafzollkrieg gegen die USA?»
China demonstriert eindrücklich, dass es als Automacht die Zügel in die Hand nimmt. Zuerst ordnet Peking an, dass 2027 bei allen Neufahrzeugen elektronisch versenkbare Türgriffe aus Sicherheitsgründen sowohl innen als auch aussen über eine mechanische Entriegelungsmöglichkeit verfügen müssen.
Und jetzt werden auch bestehende Autos an die Kandare genommen. 4,3 Millionen Autos müssen als erste Sicherheitsmassnahme die Notöffnungs-Griffe besser kennzeichnen sowie Software-Updates durchführen, welche auch bei Stromausfall die mechanische Öffnung zulassen. Nicht nur 3 Millionen Teslas müssen ihre Sicherheitsstandards optimieren. Auch 25 chinesische Modellreihen müssen zurück in die Werkstatt, darunter auch Autos chinesischer Giganten wie Xiaomi, Zeekr, Chery oder Dongfeng.
UN-Regelung zuerst umgesetzt
Plötzlich drängt sich China an die Spitzenposition im automobilen Sicherheitsdenken. Wer hätte das je gedacht? Geht es um den Schutz der Konsumenten, reguliert das Reich der Mitte strenger als Europa oder die USA. Nachdem China weltweit als erstes Land das Problem der versenkten Türgriffe regulatorisch angeht, setzen die chinesischen Behörden der Automobilbranche auch in anderen Sicherheitsbereichen engere Leitplanken.
Blinker, Warnblinker, Hupe und Notruf müssen wieder zwingend mit physischen Knöpfen bedient werden. Und nachdem immer mehr Elektroautos wegen Unfällen oder technischen Problemen in Brand geraten, gelten in China jetzt neue, verbindliche Sicherheitsstandards für Traktionsbatterien. Und beim autonomen Fahren handelten China und andere Länder eine globale UN-Regelung aus, welche Peking nun als erstes Land bindend umsetzt.
Autokrieg gegen Tesla?
Aber geht es China tatsächlich nur um die Sicherheit der Autofahrer? Geht es bei der neusten Rückrufaktion nicht auch um einen Racheaktion gegen die USA im aktuellen Zollkrieg? Soll der Autohersteller Tesla, welcher auf seine aerodynamischen Türgriffe besonders stolz ist, im weltgrössten Automarkt China eingebremst werden?
Kaum. Tesla geniesst in China Privilegien. Die Gigafactory in Shanghai ist das erste vollständig ausländische Automobilunternehmen in China. Shanghai ist Musks weltweit grösstes Werk. Rund eine Million Fahrzeuge entstehen hier – jeder zweite weltweit verkaufte Tesla entsteht in dieser Gigafactory. Selbst für China ist diese gigantische Produktionsstätte systemrelevant. Und da auch rund 1,3 Millionen Autos chinesischer Produzenten zurück in die Werkstatt gerufen werden, sieht es tatsächlich nicht nach einem Wirtschaftskrieg gegen den amerikanischen Tesla-Konzern aus.
China ist mittlerweile technologisch und wirtschaftlich so überlegen, dass es sich plötzlich leisten kann, den Mitbewerbern aus Europa und Amerika strengere Sicherheitsregeln aufzuzwingen – zum Wohle aller Autofahrer. Wer hätte diese Entwicklung vor 10 Jahren vorausgesehen?
Chinas Führungsrolle
Zuerst profitierte China von tiefen Produktionskosten. Dann schloss es im Zeitalter der Elektrifizierung technologisch zum Westen auf. Dann nutze China die Grösse des heimischen, weltgrössten Automarktes. Und jetzt übernimmt China die globale, prestigeträchtige Führungsrolle im Sicherheitsdenken.

Kolumnist und Autor Pentti Aellig ergänzt als erfahrener Autokenner und Publizist das STREETLIFE-Redaktionsteam. Als SVP-Kantonsrat und Gemeindepräsident politisiert er im Kanton Schaffhausen aktiv mit. Wir weisen darauf hin, dass die Ansichten unserer Kolumnisten nicht mit jenen der STREETLIFE-Redaktion übereinstimmen müssen.
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