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Politik & Wirtschaft •
«Keine Parkmöglichkeit, kein Service»

Handwerker rufen zum Zürich-Boykott auf

Nach einer Busse wegen eines zu langen Lieferwagens in der Stadt Zürich ist die Empörung gross. Zahlreiche Betriebe aus der ganzen Schweiz melden sich zu Wort und sprechen offen von Boykott.

Ein Lieferwagen in Zürich ist ein paar Zentimeter zu lang fürs Parkfeld und – zack – klebt eine Busse an der Windschutzscheibe: Handwerker Christian Müller wurde gebüsst, weil sein Fahrzeug leicht über die Parkfeldmarkierung hinausragte, obwohl niemand behindert wurde (STREETLIFE berichtete).  

Der Fall löste eine Welle der Empörung aus. Nach der Veröffentlichung des Artikels erreichten STREETLIFE zahlreiche Reaktionen von Handwerksbetrieben aus der ganzen Schweiz, insbesondere über Social Media. Frust und Unverständnis bestimmen den Tenor der Diskussion.  

Viele Betriebe berichten, dass sie Zürich zunehmend meiden oder Aufträge ganz ablehnen. «Keine Parkmöglichkeit, kein Service», schreibt etwa einer. Andere geht noch weiter und fordert offen: «Ganz einfach, nehmt keinen Job mehr in dieser Stadt an.» 

Zu wenig Platz für zu viele Regeln 

Die Reaktionen aus dem Netz zeigen, wie gross der Frust im Gewerbe ist – und wie komplex die Parkplatzfrage in der Stadt Zürich in der Praxis geworden ist. Mehrere Unternehmer berichten, dass sie ihre Geschäftsbedingungen bereits angepasst haben. So fordert ein Handwerker: «Der Kunde hat für passende Parkmöglichkeit zu sorgen. Ansonsten wird kein Auftrag angenommen.» 

Tatsächlich liegt die Verantwortung gemäss Tiefbauamt der Stadt Zürich weitgehend bei den Betrieben selbst. Projektleiter Kommunikation Roger Schaad betont auf Anfrage von STREETLIFE: «Der Stadt ist sehr wohl bewusst, dass Handwerksbetriebe auf Güterumschlagsflächen und Parkplätze angewiesen sind, wenngleich diese Parkierung primär auf Privatgrund erfolgen sollte.» 

Gleichzeitig verweist die Stadt auf bestehende Lösungen wie die Gewerbeparkkarte. Diese erlaubt das Parkieren in der Blauen Zone oder auf bestimmten Flächen mit Einschränkungen. In der Praxis stossen viele Betriebe jedoch an Grenzen: Gerade für grössere Lieferwagen sind die Parkfelder oft zu klein oder gar nicht vorhanden. 

Gewerbeparkkarten im Vergleich 

Handwerker und Betriebe in Zürich müssen für Parkplätze tief in die Tasche greifen. Die klassische Gewerbeparkkarte kostet 360 Franken pro Kalenderjahr für eine Kontrollschildnummer, für bis zu sechs Fahrzeuge steigt der Preis auf 480 Franken. Damit dürfen Fahrzeuge in allen Blauen Zonen der Stadt parken. Zum Vergleich: Im Kanton Basel Stadt kostet eine Jahreskarte für Handwerker nur 200 Franken. 

Die vom Zürcher Stimmvolk angenommene erweiterte Gewerbeparkkarte soll Handwerksbetrieben künftig flexibleres Parkieren ermöglichen, etwa auch ausserhalb markierter Parkfelder, sofern genügend Platz für Fussgänger frei bleibt. Die Einführung ist derzeit jedoch verzögert, da gegen die Regelung Einsprachen – unter anderem von Fussgängerorganisationen – eingereicht wurden und das Verfahren noch hängig ist.

Für viele Handwerker entsteht so ein Spannungsfeld: Öffentlicher Raum ist knapp und streng reguliert, private Parkplätze sind nicht immer verfügbar und selbst mit Bewilligungen bleibt die Situation oft unpraktisch.  

Vergleich mit anderen Städten 

Auffällig ist auch der Vergleich mit anderen Regionen. Ein Handwerker erinnert sich an einen Einsatz in Interlaken: Kaum habe er seinen Werkstattwagen kurz auf dem Trottoir abgestellt, sei die Polizei gekommen. Doch statt einer Busse habe es Verständnis gegeben. «Ohne Handwerker funktioniert die Stadt nicht», habe ihm der Polizist gesagt und ihn weiterarbeiten lassen. 

Auch Christian Müller, der Handwerker, der die Busse in Zürich kassiert hat, bevorzugt Aufträge abseits der grossen Städte: «Auf dem Land erlebe ich das pure Gegenteil. Die Leute sind freundlich und hilfsbereit. Man unterstützt sich gegenseitig. Es wäre schön, wenn das in der Stadt auch mehr so wäre.»  

Die Busse hat Müller inzwischen bezahlt. Zuvor hatte er sich jedoch direkt an die Stadtpolizei gewandt, um den Fall zu klären. In der Antwort wurde ihm mitgeteilt, dass die Mitarbeitenden angewiesen seien, die Vorschriften konsequent umzusetzen. Seine Konsequenz ist klar: «Ich werde in Zukunft einen noch grösseren Bogen um Zürich machen! Soll dort arbeiten wer will!» 

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