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Halten Parkhäuser dem Gewicht moderner Autos noch stand?
Viele Parkhäuser in der Schweiz stammen aus den 60er- und 70er-Jahren. Doch sie müssen heute Fahrzeuge tragen, die teils doppelt so schwer sind wie damals. Ein Risiko? Eine ZHAW-Expertin ordnet ein.
Die Autos auf unseren Strassen werden immer grösser, breiter und schwerer. Vor allem Elektroautos und SUVs bringen schnell zwei Tonnen oder mehr auf die Waage. Gleichzeitig stammen viele Parkhäuser in der Schweiz aus den 60er- und 70er Jahren, als noch deutlich kleinere und leichtere Fahrzeuge unterwegs waren. Da drängt sich eine heikle Frage auf: Halten diese Bauten der heutigen Auto-Generation überhaupt noch stand?
Gewicht hat sich verdoppelt
Zum Vergleich: Ein VW Golf I aus den 70er-Jahren wog teils nicht einmal 800 Kilo. Der e-Golf kam später auf rund 1,6 Tonnen, ein heutiger ID.3 auf mindestens 1,8 Tonnen. Anders gesagt: Die elektrische Kompaktklasse von heute bringt teils mehr als doppelt so viel Gewicht auf die Waage wie frühere Modelle.
Grossbritannien sorgt sich um seine Parkhäuser
In Grossbritannien wurden die Sorgen über das wachsende Gewicht moderner Autos bereits öffentlich diskutiert. Medien berichteten über Bedenken, dass vor allem ältere und schlecht unterhaltene Parkhäuser an ihre Grenzen geraten könnten.
Expertin erklärt: Autos haben auch mehr Fläche
Melanie Truniger, Dozentin für Massivbau und Materialtechnologie an der ZHAW, gibt jedoch Entwarnung für die Schweiz: «Das Gewicht von modernen Fahrzeugen stellt in der Regel kein Problem dar für ein Parkhaus. Entscheidend ist die Last pro Fläche.» In der Schweiz ist diese genormt und liegt bei 200 Kilogramm pro Quadratmeter. Damit ist die Nutzlast der ganzen Fläche gemeint, nicht die nur von einzelnen Parkplätzen. Zusätzlich wird diese Last mit einem Sicherheitsfaktor von 1,5 erhöht. «Tragsicherheitsreserven gab es bereits in den 60ern», so die Expertin. Zudem seien in den meisten Parkhäusern Personenwagen mit einem Gesamtgewicht von 3,5-Tonnen zugelassen.
Und genau das ist der Punkt: Moderne Fahrzeuge sind zwar häufig schwerer, in der Regel aber auch grösser als die Modelle der 60er- und 70er Jahre. Ihr Gewicht verteilt sich daher über eine grössere Fläche. Gleichzeitig sind heutige Parkplätze, Fahrgassen und Rampen grosszügiger als früher. Wo einst drei kleine Autos Platz fanden, stehen heute mitunter nur noch zwei grössere Fahrzeuge.
Was sich hingegen geändert habe, sei die Modellvorstellung. «Im Massivbau arbeitet man oft mit Modellen. Hier gab es 2003 eine Änderung zum Thema Durchstanzen – sprich, wenn die Decke rund um eine Stütze versagt und ohne Vorwarnung runterfällt», erklärt Truniger.
Lehren aus dem Unglück in Gretzenbach
Genauso passierte das damals bei der grossen Feuerwehr-Katastrophe in Gretzenbach (SO) im Jahr 2004: Während eines Brands in einer Tiefgarage stürzte die Decke ein und begrub mehrere Feuerwehrleute unter sich. Sieben Menschen verloren ihr Leben. Beim Unglück spielten mehrere Faktoren eine Rolle. Unter anderem wurde im Zuge der Ermittlungen klar, dass auch das Gewicht der Erde auf der Tiefgaragendecke zu schwer war. Beim Bau der Garage wurde laut Truniger mit der alten Modellvorstellungen gerechnet. «Nach dieser Tragödie ging ein Ruck durch die Gesellschaft. Versicherungen und Immobilienfirmen überprüften daraufhin flächendeckend die Statik ihrer Parkhäuser und rüsteten diese wo nötig auf.»
Warum schwere Autos nicht automatisch gefährlich sind
Neben der Nutzlast einer Garage spielen jedoch auch ganz andere Faktoren eine wichtige Rolle. «Was uns viel mehr beschäftigt sind aktuelle Brandschutzvorgaben und die chemische Beanspruchung der Parkhäuser durch Chloride von Streusalz», so Truniger. Gelangen diese durch Risse im Beton und Feuchtigkeit in die Stahlstäbe, die sogenannte Bewehrung, können massive Schäden entstehen.
Was heute bei Sanierungen kontrolliert wird
Wird ein Parkhaus heute saniert oder umgebaut, wird die Statik in der Regel neu beurteilt. Melanie Truniger: «Dann wird geprüft, für welche Lasten die Garage ausgelegt werden soll und ob nachträgliche Verstärkungen nötig sind.»
Möglich sind zum Beispiel zusätzliche Sicherungen im Bereich von Stützen, nachträglich eingebaute Durchstanzsicherungen oder weitere Verstärkungselemente. Auch Gewichtsbeschränkungen können festgelegt und bei der Einfahrt signalisiert werden. Teilweise gibt es Einschränkungen bei der Höhe, doch das hat einen anderen Grund, so Truniger: «Das ist vor allem wegen den Brandschutzvorgaben, wenn an der Decke zum Beispiel nachträglich Notausgänge signalisiert oder Notbeleuchtung und Sprinkleranagen ergänzt werden.»
Wer in ein älteres Parkhaus fährt, muss also wegen schwerer (E-)Autos nicht nervös werden. Entscheidend ist, dass die Anlage fachgerecht überprüft und unterhalten wird. Genau das sollte im Interesse aller Eigentümer oder Betreiber eines Bauwerks sein. Denn: «Die Eigentümerschaft haftet, wenn wegen mangelndem Unterhalt eine Gefährdung entsteht», sagt Truniger abschliessend.

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