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Politik & Wirtschaft •
Dollar im Keller

Tiefer Benzinpreis – soll ich jetzt meine Kanister füllen?

Der Dollar ist aktuell so schwach wie schon sehr lange nicht mehr – und an der Zapfsäule spürt man das sofort. Benzin und Diesel sind günstig, tanken lohnt sich. Doch hinter dem Preissturz steckt mehr als nur ein tiefer Rohölpreis.

Tanken fühlt sich dieser Tage fast schon ungewohnt leicht an. In vielen Regionen der Schweiz liegen die Preise für Bleifrei und Diesel auf dem tiefsten Niveau seit Jahren. Der wichtigste Treiber dieser Entwicklung ist nicht nur der globale Ölmarkt, sondern vor allem der Wechselkurs. Denn: Der US-Dollar ist gegenüber dem Franken deutlich abgesackt und liegt so tief wie seit Dekaden nicht mehr. Aktuell kostet ein Dollar gerade mal noch knapp 77 Rappen. Da Rohöl weltweit in Dollar gehandelt wird, profitieren Länder mit starker Währung direkt. Für die Schweiz bedeutet das: Ölimporte werden günstiger – und mit etwas Verzögerung kommt dieser Effekt auch an der Zapfsäule an.

Dollar als Preismotor

Der Franken gilt in unsicheren Zeiten als sicherer Hafen. In Phasen geopolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Nervosität fliesst Kapital in die Schweiz, was den Franken stärkt und den Dollar schwächt. Genau das ist aktuell der Fall. Ein tiefer Dollar reduziert die Kosten für den Einkauf von Rohöl, Benzin und Diesel. Für Autofahrerinnen und Autofahrer heisst das: Jeder Rappen, den der Dollar verliert, kann den Literpreis an der Zapfsäule drücken. Allerdings ist dieser Effekt hochgradig volatil. Schon kleine politische oder wirtschaftliche Signale können den Dollar wieder nach oben treiben – und damit auch die Treibstoffpreise.

Öl im Überfluss

Neben dem Wechselkurs spielt auch der Rohölmarkt selbst eine wichtige Rolle. Weltweit herrscht derzeit ein Überangebot an Rohöl. Die Nachfrage wächst langsamer als erwartet, während wichtige Förderländer ihre Produktion hoch halten. Diese Kombination hat den Rohölpreis auf den tiefsten Stand seit Jahren gedrückt. Für die Konsumentinnen und Konsumenten ist das kurzfristig eine gute Nachricht. Doch auch hier gilt: Der Markt reagiert sensibel. Ein einziger Konflikt in einer Förderregion oder eine politische Entscheidung grosser Produzenten kann den Preis innert Tagen wieder nach oben schiessen lassen.

Geopolitik als Unsicherheitsfaktor

Die aktuelle Lage ist von Unsicherheit geprägt. Handelskonflikte – zuletzt hat US-Präsident Donald Trump erneut mit Zöllen als Druckmittel agiert – sorgen für Nervosität an den Märkten. Gleichzeitig bleiben Krisenherde im Nahen Osten – aktuell vor allem im Iran – ein ständiges Risiko für die Energieversorgung. Zudem ist es auch innerhalb der USA derzeit alles andere als entspannt. Der Konflikt um Trumps ICE-Truppen mit den tödlichen Zwischenfällen in Minneapolis sorgt für zusätzliche Unsicherheit. Solche Spannungen können paradoxe Effekte auslösen: Einerseits schwächen sie den Dollar und treiben Anlegerinnen und Anleger in den starken Schweizer Franken als «safe Haven». Das macht den Sprit hierzulande günstiger. Andererseits können Konflikte den Ölpreis selbst auch plötzlich steigen lassen, etwa wenn Lieferketten bedroht sind. Für den Endpreis an der Zapfsäule bedeutet das ein permanentes Auf und Ab.

Warum billiges Öl nicht automatisch billiges Benzin heisst

Viele Autofahrende fragen sich, warum der Preis nicht noch stärker fällt, wenn Öl doch so günstig ist. Der Grund liegt in der Struktur des Schweizer Benzinpreises. Ein grosser Teil besteht aus fixen Steuern und Abgaben. Mineralölsteuer, CO₂-Abgabe und Mehrwertsteuer machen zusammen rund die Hälfte des Endpreises aus. Diese Beträge bleiben gleich, egal wie billig oder teuer das Rohöl ist. Deshalb kommen starke Schwankungen am Ölmarkt nur gedämpft bei den Konsumenten an.

Ein weiterer Faktor liegt fernab der Börsen: der Transport. Die Schweiz bezieht einen grossen Teil ihrer Treibstoffe über den Rhein. Niedrige Wasserstände haben in der Vergangenheit die Fracht verteuert, weil Schiffe weniger laden konnten. Aktuell ist die Lage entspannter, was ebenfalls hilft, die Preise niedrig zu halten. Doch auch hier kann sich die Situation schnell ändern – etwa bei längeren Trockenperioden.

Wer billig tanken will, muss aber nicht nur auf den richtigen Zeitpunkt achten, sondern auch auf den Ort. Entlang der Autobahnen ist Sprit fast immer teurer als in peripheren Regionen. Wo viele Tankstellen um Kundschaft konkurrieren, spielt der Markt stärker – und die Preise sinken. Das erklärt, warum man in manchen Dörfern deutlich günstiger fährt als in Städten oder an Transitachsen.

Lohnt es sich, jetzt auf Vorrat zu tanken?

Die aktuelle Kombination aus schwachem Dollar, tiefem Ölpreis und entspannten Transportbedingungen spricht dafür, die günstigen Preise zu nutzen. Wer regelmässig fährt oder Heizöl braucht, trifft mit einem Kauf auf heutigem Niveau sicher keine schlechte Entscheidung. Gleichzeitig ist klar: Der Markt bleibt nervös. Experten sind sich einig, dass Prognosen derzeit schwierig sind. Zu viele Faktoren – von Währungen über Politik bis hin zum Wetter – spielen gleichzeitig hinein.

Ein günstiger Sommer – vielleicht

Kurzfristig stehen die Chancen aber gut, dass Benzin und Diesel auch in den kommenden Wochen günstig bleiben. Solange der Dollar so schwach ist und keine grossen geopolitischen Schocks eintreten, dürfte der Druck auf die Preise nach unten anhalten. Mittelfristig hängt vieles vom Wechselkurs und von der Weltpolitik ab. Langfristig rechnen viele Beobachter eher wieder mit steigenden Energiepreisen.

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