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Die Schweiz als heimliche Wiege der Elektromobilität
Als Nicolas Hayek in den 90er-Jahren das elektrische Stadtauto erfand, erntete er bei den grossen Autobauern nur Kopfschütteln. Doch der Swatch-Gründer reihte sich mit seiner Erfindung in einer langen Tradition ein: Schon über 100 Jahre zuvor hatte die Schweiz aus strategischer Notwendigkeit auf den Elektroantrieb gesetzt.
Das weltweit erste anerkannte Elektrofahrzeug – ein dreirädriges Gefährt – wurde zwar 1881 vom Franzosen Gustave Trouvé in Paris präsentiert, aber die Schweiz war punkto Erfindungsreichtums im Bereich der Elektromobilität ebenfalls ganz vorne mit dabei. Mangels eigener Kohlevorkommen und Ölquellen war der Griff zum Strom eine strategische Notwendigkeit für die nationale Unabhängigkeit. Die Schweiz hat die Elektromobilität auf Schiene und Strasse massgeblich mitgeprägt.
So nahm 1888 zwischen Vevey, Montreux und Chillon die erste elektrische Strassenbahn der Schweiz ihren Betrieb auf. Es war eine der ersten kommerziellen elektrischen Bahnen weltweit. Die Schweiz erkannte früh, dass die Zukunft in der heimischen Wasserkraft und der Elektrizität liegen musste. Besonders ein Mann aus Zürich, lege für diese Idee den Grundstein…
1902: Die erste Elektroauto-Fabrik in Feldbach
Bereits 1902 gründete Johann Albert Tribelhorn in Feldbach am Zürichsee die erste Schweizer Elektromobil-Fabrik. Zu einer Zeit, als Benzinmotoren laut, schmutzig und unzuverlässig waren, baute Tribelhorn elektrische Personenwagen und Lastwagen.
Die Schweiz war aufgrund ihrer Topografie und des Mangels an eigenen fossilen Brennstoffen – dafür aber viel Wasserkraft für Strom – das ideale Testgelände. Tribelhorns Fahrzeuge waren damals so fortschrittlich, dass sie sogar von der Post eingesetzt wurden. Tribelhorn legte den Grundstein für das Verständnis, dass die Schweiz prädestiniert für den Elektroantrieb ist.
Nach dem Ersten Weltkrieg: Die SBB elektrifiziert die Nation
Der Erste Weltkrieg war ein Schock für die Schweiz. Da man keine Kohle besass und die Importe aus Deutschland und Frankreich ausblieben, kam der Schienenverkehr fast zum Erliegen. Die Konsequenz war radikal und weltweit einzigartig: Die SBB beschlossen die vollständige Elektrifizierung ihres Netzes. Bereits 1906 und 1913 gingen erste Streckenabschnitte, wie beispielsweise die Simplon-Lötschberg-Achse, in Betrieb.
Während der Rest der Welt noch Jahrzehnte auf Dampf und später Diesel setzte, nutzte die Schweiz ihre «weisse Kohle» – die Wasserkraft. Dies schuf eine nationale Infrastruktur und ein Know-how in der Leistungselektronik, das bis heute (etwa bei Firmen wie ABB) Weltspitze ist.
Der Niedergang: Das Zeitalter des billigen Öls
Trotz der Erfolge auf der Schiene geriet das Elektroauto ab den 1920er Jahren ins Abseits. Das billige Erdöl aus Übersee, die steigenden Reichweiten der Verbrenner und der massive Ausbau des Strassennetzes verdrängten den Elektroantrieb in Nischen. Jahrzehntelang war die Elektromobilität in der Schweiz auf Gepäckkarren an Bahnhöfen, Milchwagen in autofreien Kurorten wie Zermatt oder Postfahrzeuge reduziert. Der Traum vom individuellen E-Auto schien gestorben.
Die 80er und 90er: Die Solar-Pioniere
Ein paar Lichtblicke gab es: Bevor Tesla die Weltbühne betrat, feierte die Schweiz in den 80ern mit der Tour de Sol, dem ersten Rennen für Solarmobile in den Alpen, Welterfolge. 1985 in der Schweiz lanciert, sollte sie das Potenzial der Solarenergie demonstrieren und der damals wenig beachteten Technologie neue Aufmerksamkeit verschaffen.
Die erste Austragung führte von Romanshorn nach Genf und lockte rund 60 Solarmobile an. Bis 1993 wurde das Rennen regelmässig durchgeführt und entwickelte sich zu einer wichtigen Plattform für Innovationen in den Bereichen Photovoltaik, Batterietechnik und Leichtbau.
Der Geist von Nicolas Hayek: Die Swatch-Auto-Vision
Fast 90 Jahre nach Tribelhorn trat der legendäre Swatch-Gründer Nicolas Hayek auf den Plan. Hayeks Vision in den frühen 90er-Jahren war radikal: Er wollte ein «Swatchmobile». Ein kleines, leichtes Stadtauto, zwei Sitzplätze, bunte Paneele und – das war sein Kernpunkt – ein reiner Elektroantrieb.
Hayek verstand, dass Städte keine 2-Tonnen-Limousinen brauchen, um eine Person zwei Kilometer weit zum Bäcker zu transportieren. Er suchte Partner und fand sie zunächst in Volkswagen, später in Mercedes-Benz. Doch die etablierten Autobauer bekamen kalte Füsse. Sie hielten die Batterietechnik für nicht marktreif und drängten auf Verbrennungsmotoren.
Das Resultat war der Smart Fortwo, der 1998 auf den Markt kam. Er war zwar revolutionär kurz, aber im Herzen ein Verbrenner. Hayek war enttäuscht und zog sich aus dem Projekt zurück.
Der Microlino und die Rückkehr der Vernunft
Heute sind Elektroautos das normalste der Welt. Auch in der Schweiz mischt hier ein Hersteller mit: Die Familie Ouboter aus Küsnacht ZH, bekannt für die Micro-Scooter, hat mit dem Microlino Hayeks Vision vollendet. Erstmals vorgestellt 2016, startete 2022 die Serienproduktion. Seither wurden tausende Exemplare des Quadricycle ausgeliefert. Das Modell ist inspiriert von der BMW Isetta der 50er Jahre, aber konsequent elektrisch und leicht. Er adressiert genau das, was Hayek wollte: Weniger Platzverbrauch, weniger Gewicht, mehr Effizienz.
Und der Smart? Nun ja, die Geschichte nahm dieses Jahr eine faszinierende Wendung. Nachdem Smart unter der Führung von Mercedes und Geely zuletzt eher grössere SUVs (Smart #1, #3 und #5) baute, die wenig mit der ursprünglichen Vision zu tun hatten, wurde nun in Paris der Smart #2 vorgestellt.
Das Feedback ist euphorisch, denn der #2 kehrt zu den Wurzeln zurück: Er ist wieder ein echter Zweisitzer, ultrakompakt und rein elektrisch. Es scheint, als hätte die Industrie 30 Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass Hayeks ursprüngliche Vision für den urbanen Raum eine absolut logische Antwort ist.
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