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Das Automobilverbot und die skurrile Zeit der Bündner Pferde-Autos
An der Kantonsgrenze zu Graubünden endete zwischen 1900 und 1925 jede moderne Reise mit dem Automobil. Wer in den Bergkanton vordringen wollte, musste den Motor abstellen und Pferde vor die Kühlerhaube spannen lassen. Es war die Geburtsstunde eines beispiellosen Kulturkampfes.
Die Geschichte der Mobilität in der Schweiz kennt viele Eigenheiten, doch keine ist so kurios wie der 25-jährige Widerstand des Kantons Graubünden gegen das Automobil. Um die Jahrhundertwende war die Strasse weniger Transportachse, sondern vor allem ein Lebensraum. Kinder spielten dort, Vieh wurde getrieben, Fussgänger und Pferdekutschen teilten sich den Platz. Als die ersten Automobile auftauchten – damals kaum schneller als 20 km/h –, brach das Chaos aus. So schreib ein gewisser Dr. Töndury, Präsident der Tarasp-Schulser Gesellschaft, im August 1990 an die Kreispostdirektion in Chur folgendes:
Seit einigen Tagen kursiert auf unsern Landstrassen ein Ungetüm von einem Automobil, dessen Zulässigkeit in Anbetracht des regen Verkehrs auf unsern Strassen und der Schmalheit derselben, uns nicht einleuchten will. Wir hatten Gelegenheit zu beobachten, wie Pferde beim Anblick dieses Ungetüms geradezu rasend wurden, und wenn dies nicht auf ebener Strasse passiert wäre, so wäre ein Unglück unvermeidlich gewesen.
Viele Unfälle auf den engen Strassen und Berichte der Postdirektion über scheuende Pferde reichten aus, um die Angst zu befeuern. Das Auto galt als «bluttriefendes Ungeheuer», wie die Presse die Autos damals oft nannte, das Lärm, Gestank und Staub brachte, ohne der lokalen Bevölkerung einen Nutzen zu bieten.
Es war der 24. August 1900, als die Bündner Regierung ein Machtwort sprach: Motorfahrzeuge wurden von sämtlichen öffentlichen Strassen verbannt. Während im restlichen Europa zur Jahrhundertwende der Siegeszug der Motoren begann, entschied sich die Bündner Regierung für einen radikalen Kurswechsel.
Ein absurder Kompromiss
In dieser frühen Phase des Verbots entstand eine weltweit einzigartige Zwischenlösung. Da die wohlhabenden Touristen aus dem Unterland und dem Ausland nicht auf ihre Luxuskarossen verzichten wollten, entstand das Ross-Auto.
Wer nach St. Moritz oder Davos wollte, musste sein Auto an der Kantonsgrenze – etwa in Maienfeld – von Pferden abschleppen lassen. Der Motor blieb aus, die Insassen sassen im Wagen, und vorne trotteten die Huftiere. Was für die Bauern ein lukratives Geschäft war, war für die Autobesitzer eine öffentliche Demütigung. Es war der verzweifelte Versuch, die alte Welt mit der neuen zu verknüpfen.
Zehnmal Nein: Die Macht der Direkten Demokratie
Was die Bündner Geschichte so besonders macht, ist die Hartnäckigkeit des Stimmvolks. Insgesamt zehnmal wurde über das Verbot abgestimmt.
Im Jahr 1907 versuchte die Regierung erstmals, das Verbot für bestimmte Strecken zu lockern, scheiterte aber kläglich an der Urne. Das Stimmvolk sah im Auto ein reines Vergnügungsgerät für Reiche, das der einheimischen Bevölkerung nur Nachteile brachte.
Im Jahr 1911 erreichte der Konflikt einen neuen Höhepunkt mit der sogenannten Zizerser Initiative. Über 6'900 Stimmberechtigte – damals ein Viertel der Wählerschaft – forderten ein absolutes, verfassungsmässiges Verbot. Sie wehrten sich damit auch gegen die Regierung in Chur, die versuchte, das Verbot durch immer neue Ausnahmebewilligungen, wie etwa für Postautos und Militärfahrzeuge, aufzuweichen. Die Strasse sollte Eigentum des Volkes bleiben.
Die Fronten verliefen geografisch: Die Südtäler wie Mesocco und Roveredo waren für das Auto, da sie wirtschaftlich nach Italien und ins Tessin orientiert waren. Die Durchgangsgemeinden im Rheintal hingegen fürchteten den Staub und die Kosten für den Strassenunterhalt, ohne vom Tourismus zu profitieren.
Die Wende: Krieg, Grippe und wirtschaftlicher Kollaps
Der entscheidende Wendepunkt kam nicht durch politische Einsicht, sondern durch die globale Krise des Ersten Weltkriegs. Zwischen 1914 und 1918 geriet die traditionelle Mobilität in Graubünden massiv unter Druck, da das Militär einen Grossteil der Pferde für den Kriegsdienst einzog. Die daraus resultierende Transportkrise verteuerte den Warenverkehr in den bahnlosen Tälern enorm.
Als schliesslich im Jahr 1918 die Spanische Grippe ausbrach, wurde das Auto plötzlich zum lebensrettenden Werkzeug. Ärzte mussten schnell von Tal zu Tal gelangen, und die Regierung war gezwungen, grosszügige Generalauskünfte für medizinische Fahrten zu erteilen.
Nach dem Krieg erhöhte auch die Tourismusbranche den Druck massiv. Die Hoteliers in St. Moritz und Davos fürchteten, den Anschluss an die internationale Konkurrenz zu verlieren, wenn Gäste ihre Ziele nicht mehr modern per Auto erreichen konnten. In der Abstimmung von 1923 gelang ein erster Teilerfolg, als das Stimmvolk dem sogenannten Reiseautomobil zustimmte: mehrsitzige Fahrzeuge, die für die gewerbsmässige Beförderung von Gästen zugelassen waren.
1925: Das Ende einer Ära
Am 21. Juni 1925 fiel die letzte Festung. Mit einer knappen Mehrheit von 52 Prozent Ja-Stimmen hob die Bevölkerung das Verbot im zehnten Anlauf endgültig auf. Graubünden war der letzte Ort in Europa, der sich dem Motor öffnete.
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