Werbung
Hat die Schweiz den Kreisel erfunden?
Heute sind sie aus unserem Strassenbild nicht mehr wegzudenken: Kreisel. Sie regeln den Verkehrsfluss und erhöhen die Sicherheit. Doch wo fing eigentlich alles an? Die Spurensuche führt von den Metropolen der Welt bis zu einem kuriosen Obelisken im Luzernbiet.
In der Schweiz kommt man kaum fünf Kilometer weit, ohne mindestens einmal um eine Mittelinsel zu kurven. Laut Daten aus den Landeskarten des Bundesamtes für Landestopografie regeln mehr als 3000 Kreisel den Verkehr in der Schweiz. So selbstverständlich sie heute wirken, einst waren sie eine internationale Kuriosität. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm die Idee der runden Verkehrsführung weltweit Fahrt auf. Die grossen Metropolen machten den Anfang, um dem wachsenden Chaos der ersten Automobile Herr zu werden.
Die Pioniere: Von Görlitz bis Paris
Die Geschichte des modernen Kreisverkehrs begann 1904 an der Südwestecke des Central Parks in New York. Hier errichtete der Geschäftsmann William Phelps Eno den berühmten Columbus Circle. Es war das Urbild dieser Knotenpunktform, auch wenn es sich optisch noch stark von heutigen Kreiselbauten unterschied.
Kurz darauf, im Jahr 1906, adaptierte der Stadtplaner Eugène Hénard die Idee für Paris. An der Place de l’Étoile (heute Place Charles-de-Gaulle) herrschte durch zwölf einmündende Strassen pures Chaos. Hénard zwang den Verkehr in eine einzige Richtung um den Arc de Triomphe. Der Erfolg war messbar: Schon im ersten Jahr sank die Zahl der Unfälle um 40 Prozent. Diese Pionierleistung ist wohl ein Grund, warum Frankreich heute mit über 30'000 Anlagen unangefochtener Kreisel-Weltmeister ist.
Als vermutlich ältester Kreisverkehr Deutschlands gilt der Görlitzer Brautwiesenplatz, der bereits um 1899 angelegt, aber erst 1930 offiziell zum Kreisverkehr erklärt wurde. Er war ursprünglich kein Verkehrsbauwerk, sondern ein rein «gestalterisches Element»: Eine grüne Parkinsel diente als optisches Zentrum für ein neues Wohnquartier, an dem sechs Strassen zusammenliefen.
Erst als der Autoverkehr in den 1920er-Jahren massiv zunahm, erkannte man den praktischen Nutzen dieser Form und funktionierte das Rondell zum Verkehrsknoten um.
Die Luzerner Sensation: Ein grüner Obelisk als Weltpremiere?
Doch eigentlich hat die Schweiz beim Thema Kreisel weltweit die Nase. Eine Entdeckung aus dem Ortsmuseum Hochdorf wirft ein völlig neues Licht auf die Zeitrechnung. Im Jahr 1860, also Jahrzehnte vor den offiziellen Weltrekorden, fand in Hochdorf ein grosses Offiziersfest statt.
Zu Ehren dieses Anlasses wurde mitten im Dorf ein fünf Meter hoher, begrünter Obelisk aufgestellt. Die historische Sensation: Alle Fuhrhalter und Ochsenkarrer wurden damals angewiesen, dieses Denkmal im Gegenuhrzeigersinn zu umfahren. Zwar war er keine dauerhafte bauliche Anlage, doch das Prinzip der kreisförmigen Verkehrsführung wurde hier bereits vor über 160 Jahren durchexerziert. Damit wäre dieser provisorische Fest-Kreisel theoretisch der älteste Kreisverkehr der Welt. Der Obelisk von Hochdorf schrieb zwar Verkehrsgeschichte, doch weil er nur vorübergehend stand und nicht als dauerhafter Kreisel geplant war, wanderte die Krone später an eine andere Schweizer Anlage weiter.
Zollikon 1935: Der erste «echte» Schweizer Kreisel
Als die Zolliker Stimmbürger 1930 den Bau einer neuen Oberdorfstrasse beschlossen, lösten sie damit ein Verkehrsproblem mit Stil: Am Knotenpunkt, an dem damals sechs Strassen zusammenliefen, entstand der Dufourplatz – ein rundes Platzbauwerk, das heute höchstwahrscheinlich als erster dauerhaft angelegter Kreisel der Schweiz gilt. Zumindest gibt es offiziell kein Kreisverkehr, der älter dokumentiert ist.
Gebaut wurde ab 1931; 1933 rollten bereits erste Fahrzeuge, 1935 war die Anlage fertig. Fotos aus dem Sommer jenes Jahres zeigen Bus und Personenwagen, die fast vorführartig eine Kurve nach der anderen ziehen. Der Coup: Der Gemeinderat hatte erst nach der Fertigstellung um kantonale Genehmigung gebeten – die Regierung nickte den Kreisel am 14. November 1935 ab, als er längst befahren war.
Mit seinem grasbewachsenen Mittelkreis, einer beleuchteten Betonmast-Skulptur und sogar einem Wartehäuschen für die Buslinie Zürich–Zollikon–Küsnacht setzte der Dufourplatz damals echte Massstäbe.
Vom Exoten zum Massenphänomen
Trotz der Pionierleistung in Zollikon verschwand der Kreisel nach dem Zweiten Weltkrieg fast völlig aus der Verkehrsplanung. Der Grund war paradox: Er war ein Opfer seines eigenen Erfolgs und veralteter Regeln. Lange galt in Kreiseln die klassische «Rechts-vor-Links»-Regel, die sogar im Wiener Übereinkommen über den Strassenverkehr von 1968 festgehalten wurde. Das Problem: Die einfahrenden Autos hatten Vortritt, was dazu führte, dass sich der Kreisel bei hohem Aufkommen von innen heraus selbst blockierte.
Da zudem präzise Berechnungsgrundlagen für die Kapazität fehlten, galten Kreisel als ineffizient und unsicher. Man ersetzte die «verwirrenden» Rundläufe durch Lichtsignalanlagen. Ampeln galten als modern, steuerbar und wissenschaftlich überlegen.
Der Wendepunkt kam erst in den 1980er-Jahren dank einer revolutionären Änderung der Vortrittsregel: «Wer im Kreisel ist, hat Vortritt»(Links-vor-Rechts). Frankreich führte diese Regel 1984 offiziell ein, die Schweiz verankerte den Vortritt im Kreisel und das charakteristische blaue Signal mit den drei weissen Pfeilen anfangs der 1990er-Jahre (nach erfolgreichen Testphasen in den 80ern) fest im Gesetz. Diese einfache Umkehrung verhinderte die Selbstblockade und machte den Kreisel schlagartig zum Effizienzwunder.
Werbung










