Werbung
«Betrugsversuche an der Auto-Theorieprüfung haben zugenommen»
Was früher der Spickzettel war, sind heute Minikameras und versteckte Kopfhörer. Bei Theorieprüfungen zum Führerausweis wird professioneller geschummelt als je zuvor. Die Schweizer Strassenverkehrsämter reagieren mit verschärften Massnahmen.
Es war ein Fall, der für Aufsehen sorgte: Im Kanton Thurgau flüsterte ein Fahrlehrer mittels Kopfhörer seinen Fahrschülern die richtigen Antworten bei der Theorieprüfung ins Ohr (STREETLIFE berichtete).
Das ist kein Einzelfall. Immer wieder fliegen Betrüger mit neuen Maschen auf. Die Zahlen steigen, wie Monica Di Mattia von der Vereinigung der Strassenverkehrsämter asa auf Anfrage von STREETLIFE bestätigt: «In der Schweiz lässt sich in den letzten Jahren tendenziell eine Zunahme von Betrugs- oder Täuschungsversuchen bei theoretischen Führerprüfungen feststellen.»
Entsprechend haben die Strassenverkehrsämter reagiert. Das Kontrollsystem wurde ausgebaut, mit mehr Schulung, strengeren Abläufen und erhöhter Aufmerksamkeit für neue technische Tricks.
Personal wird zur ersten Verteidigungslinie
Auf Anfrage von STREETLIFE zeigt sich ein klares Muster bei den Strassenverkehrsämtern. Über alle befragten Kantone hinweg stehen heute Sensibilisierung und Schulung des Personals im Zentrum der Betrugsprävention. Die Behörden betonen, dass man sich laufend auf neue Betrugsformen einstellt, von technischen Hilfsmitteln bis zu organisierten Versuchen.
Der Kanton Thurgau kennt die «aktuellen Maschen besser denn je und ist entsprechend wachsam», sagt Alessandro Tani, Departement für Justiz und Sicherheit beim Strassenverkehrsamt. «Wir haben die Sicherheitsstandards kontinuierlich hochgefahren. Dazu gehört etwa die Präsenz einer zweiten Aufsichtsperson.» Der Kanton Bern ging sogar noch einen Schritt weiter und bot Mitarbeitenden Weiterbildungen in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei an.
Auch die Identitätskontrollen vor Prüfungsbeginn wurden in den vergangenen Jahren weiter verschärft. Dabei werden die Ausweisdokumente systematisch mit den Angaben des Prüfungsaufgebots abgeglichen. Zusätzlich ist zum Beispiel im Kanton Aargau technisch sichergestellt, dass ausschliesslich die angemeldete Person mittels korrektem Prüfungscode Zugriff auf das Prüfungsprogramm erhält.
Zudem gelten strenge Regeln im Prüfungsraum. So schreibt etwa Peter Hotz vom Kanton Zürich: «Vor Prüfungsbeginn müssen die Kandidatinnen und Kandidaten ihre elektronischen Geräte in den Flugmodus versetzen und in der Tasche verstauen. Holt jemand während der Prüfung ein Gerät hervor, brechen wir die Prüfung ab.»
Hinweise auf organisierte Netzwerke
Ermittlungen der asa zeigen punktuell, dass gerade beim Einsatz von Technik teilweise organisierte Vorgehensweisen vorkommen können. Der Kanton Thurgau arbeitet in diesem Zuge eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen, um solche Netzwerke frühzeitig zu erkennen.
In mehreren Kantonen wurden in den letzten Jahren Kandidaten erwischt, die während der Theorieprüfung von aussen unterstützt wurden, in einzelnen Fällen sogar mit Verbindungen zu organisierten Netzwerken. Im Kanton Bern flog 2023 ein solcher Betrugsring auf, der über Monate hinweg Prüfungen manipuliert haben soll (STREETLIFE berichtete). Auch in Zürich und St. Gallen wurden Personen erwischt, die mit versteckter Technik arbeiteten oder von externen Helfern Antworten erhielten.
Auch im Ausland sind solche Phänomene nicht fremd. In Deutschland steht derzeit eine mutmassliche Betrügerbande vor Gericht, die mit Doppelgängern, versteckter Technik und hohen Geldsummen systematisch Führerprüfungen manipuliert haben soll.
Die Strassenverkehrsämter betonen, dass jeder Betrugsversuch konsequent verfolgt wird. Wird jemand erwischt, wird die Prüfung sofort abgebrochen, und der Fall wird zur Anzeige gebracht.
Einzelfälle, aber mit neuen Methoden
Die angefragten Strassenverkehrsämter geben sich Mühe, ein insgesamt beruhigendes Bild zu zeichnen. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass wenn betrogen wird, dann clever und meist mit technischen Hilfsmitteln.
Das Spektrum sei vielfältig, so Alessandro Tani vom Strassenverkehrsamt Thurgau: «Es reicht vom versuchten Identitätsmissbrauch über klassische Spickzettel bis hin zu modernen technischen Hilfsmitteln für die Kommunikation nach aussen.» Zu letzterem zählen beispielsweise Mini-Kopfhörer und kleine Kameras.
Betrug beschränkt sich auf die Theorie
Auffällig ist, dass sich die Vorfälle fast ausschliesslich auf die Theorieprüfung beschränken. Denn wer heute die Theorieprüfung macht, kommt oft ohne klassische Fahrschule aus. Laut dem Schweizerischen Fahrlehrerverbanden bereiten sich viele Kandidatinnen und Kandidaten zunehmend mit Apps vor und treten dann direkt zur Prüfung an. Die persönliche Einschätzung durch Fahrlehrer fällt weg, gleichzeitig steigt der Druck, die Prüfung möglichst schnell zu bestehen.
Die praktische Prüfung gilt dagegen als deutlich weniger anfällig. Monica Di Mattia von der asa: «Die praktische Führerprüfung ist aufgrund der direkten Interaktion zwischen Prüfungsexperten und Kandidaten sowie aufgrund der Prüfungssituation deutlich weniger anfällig für Manipulationen.»
Werbung





