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In flagranti beobachtet – so gehen Benzin-Trickdiebe in der Schweiz vor
Es passierte auf einer Überlandstrasse im Zürcher Unterland: Die Gegend ist ländlich, einen Betrugsversuch erwartet man hier kaum. Doch genau dazu kam es am letzten Sonntag gegen 10 Uhr. Die Autorin machte Bekanntschaft mit einem mutmasslichen Benzin-Trickdieb. Die Polizei warnt: Aktuell nehmen solche Fälle deutlich zu.
Der Vorfall ereignete sich auf einer Landstrasse, wenig ausserhalb von Dielsdorf ZH. Hier ist die Fahrbahn so schmal, dass der Mittelstreifen fehlt und sich SUVs kaum kreuzen können. Es ist eine Überlandstrasse, die nur wenig frequentiert wird. Wenn überhaupt, dann von Ortsansässigen, die das grössere Verkehrsaufkommen auf der Hauptstrasse meiden.
Und plötzlich präsentiert sich ein eher ungewohntes Bild: Am rechten Strassenrand steht ein Fahrzeug mit deutschem Kontrollschild. Neben dem etwas in die Jahre gekommenen Mercedes steht ein dunkelhaariger Mann. Er ist zirka 30 Jahre alt, wirkt südländisch – und er scheint in einer Notlage zu stecken.
Als die Autorin auf die Szene zufährt, winkt er einem entgegenkommenden Fahrzeug zu und fordert es auf, anzuhalten. Auch die Autorin hält an, da ihr die Weiterfahrt auf der schmalen Strasse nicht möglich ist. Sie beobachtet: Der Lenker lässt die Scheibe runter, diskutiert kurz mit dem Mann am Strassenrand. Dann schüttelt er den Kopf und fährt weiter.
Der Mann neben dem Auto sucht jetzt den Kontakt zur Autorin. Als sie das Seitenfenster öffnet, fragt er in gebrochenem Deutsch: «Mir ist das Benzin ausgegangen, können Sie mir helfen?» In einem kurzen Gespräch sagt er: «Ich hab leider kein Geld, ich bin in einer Notlage. Aber ich kann Ihnen Schmuck für ein bisschen Bargeld geben.»
Polizei spricht von steigenden Fallzahlen
Es ist ein Vorgehen, das aktuell in der Schweiz vermehrt in Erscheinung tritt. So warnte die Kantonspolizei Aargau: «Die Masche solcher Treibstoff-Bettler ist uns bekannt. Tatsächlich stellen wir diesen Sommer eine plötzliche Zunahme der Fälle fest. Die Betrüger stehen am Strassenrand mit einem Auto und einem angeblich leeren Tank und betteln um Benzin», sagt Bernhard Graser, stellvertretender Dienstchef Kommunikation.
Der Modus Operandi sei dabei immer der gleiche. «Als Gegenleistung geben sie den hilfsbereiten Leuten vermeintlich wertvollen Schmuck, der sich als Billigware erweist.» Und es werden längst nicht nur Fälle aus dem Kanton Aargau gemeldet. Auch in den Kantonen Zürich und St. Gallen wurden Anzeigen registriert, wie es auf Anfrage von STREETLIFE heisst.
Harmlos ist der scheinbar kleine Trickdiebstahl nicht. So zeigen Ermittlungsergebnisse: Hinter den Benzin-Trickdieben steckt die organisierte Kriminalität. Und zwar in Form von europaweit agierender Familienclans oder Banden. Bernhard Graser: «Nach unseren Feststellungen handelt es sich bei der Täterschaft um Roma, die aus Süd- oder Osteuropa sowie aus Frankreich einreisen.»
«Verlassen Sie nicht das Auto»
Besonders dreist: Die Täter appellieren mit ihrem Vorgehen an die Hilfsbereitschaft ihrer potenziellen Opfer. So versuchen sie gemäss Polizei ihr Gegenüber mit «erfundenen Notlagen oder emotionalen Geschichten» unter Druck zu setzen und zur Geldzahlung zu bewegen. Graser empfiehlt deshalb dringend: «Lassen Sie sich auf kein Gespräch ein, verlassen Sie nicht das Auto und alarmieren Sie sofort die Polizei.»
Der mutmassliche Benzin-Trickbetrüger vom letzten Sonntag hat sich seine Stelle auf der abgelegenen Überlandstrasse offenbar ganz bewusst ausgesucht. Bleibt die Frage, ob er wusste, dass sich nur rund 1000 Meter entfernt ein Polizeiposten befindet. Ob er an diesem Sonntag seine Masche erfolgreich anwenden konnte, ist ungewiss. Sicher ist: Bei der Kantonspolizei Zürich ging keine entsprechende Anzeige ein.
Trickbetrüger im Visier
Die Kantonspolizei Aargau stellt nicht nur eine Zunahme bei den Benzin-Trickdieben fest. Eine weitere Masche, die aktuell häufiger auftritt, ist der Kettentrickdiebstahl. Dabei werden die Opfer unter einem Vorwand – zum Beispiel die Auskunft nach dem richtigen Weg – angesprochen. «Betroffen sind besonders häufig ältere Menschen», informiert die Kantonspolizei Aargau.
Und weiter: «Während des Gesprächs suchen die Täter gezielt Körperkontakt. Sie legen den Betroffenen als Zeichen des Dankes eine Halskette um oder greifen nach deren Schmuck. Dabei entwenden sie unbemerkt echte Halsketten oder Armbänder und ersetzen diese teilweise durch wertlosen Modeschmuck. Oft bemerken die Betroffenen den Diebstahl erst später, wenn sie wieder zu Hause sind.»
Die Tipps der Polizei:
- Lassen Sie sich von unbekannten Personen keinen Schmuck anlegen
- Geben Sie Ihren eigenen Schmuck niemals aus der Hand
- Weisen Sie aufdringliche Personen laut und bestimmt zurück
- Machen Sie andere Personen auf die Situation aufmerksam
- Brechen Sie Gespräche ab, wenn Ihnen eine Situation unangenehm ist
- Tragen Sie wertvollen Schmuck möglichst verdeckt unter der Kleidung.
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