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Aufstieg und Fall der amerikanischen Autoindustrie
Die Vereinigten Staaten werden 250 Jahre alt – und feiern damit auch ein Stück Mobilitätsgeschichte. Kaum ein Land hat das Auto so stark geprägt wie die USA: Sie machten es massentauglich, formten daraus ein Freiheitsversprechen und exportierten diese Idee in die Welt. Selbst bei der Elektromobilität waren US-Tüftler früh dabei – lange vor Elon Musk und Tesla.
Henry Ford und Carl Benz: Diesen beiden Männern verdanken wir das Auto. Der Deutsche Carl Benz gilt als Erfinder des Automobils, als er 1886 das Patent für den «Benz Patent-Motorwagen Nummer 1» anmeldet und am 3. Juli eine erste öffentliche Probefahrt durchführt. Zwanzig Jahre später baut die Daimler Motoren Gesellschaft nicht einmal tausend Autos pro Jahr und ein Exemplar kostet 1909 über 150'000 Mark (inflationsbereinigt heute ca. 950'000 Franken).
Ab dann prägen die Vereinigten Staaten von Amerika die weitere Entwicklung des Autos – und der gesamten Branche. Das Unternehmen Olds Motor Works produziert mit dem Oldsmobile Curved Dash das erste Fahrzeug in Grossserie. Es ist mit seinem 3 PS starken Einzylindermotor nicht viel mehr als eine Kutsche mit Motor. Dafür kostet es nur 650 US-Dollar (heute ca. 20'000 Franken). Im Jahr 1904 erreicht die Produktion 5508 Oldsmobile pro Jahr.
Fliessband lässt Preise purzeln
Der Amerikaner Henry Ford revolutioniert die Herstellung schliesslich, indem er für das Model T im Jahr 1913 die Fliessbandproduktion einführt. Das macht das Model T mit 15 Millionen verkauften Exemplaren zum meistverkauften Auto der Welt. Es wird erst 1972 vom VW Käfer abgelöst. Noch wichtiger ist aber, was die effiziente Produktion für den Preis bedeutet: Dieser sinkt für das Model T bis 1927 auf 290 US-Dollar (ca. 4500 Franken).
Damit machen Ford und seine Mitbewerber Chrysler und General Motors Automobile für die breite Masse erschwinglich. Um das noch weiter zu fördern, führen die Hersteller in den 20er Jahren die Ratenzahlung ein. Zudem verkaufen Fords Konkurrenten 1916 die ersten Leasing-Autos, um mit dem Preis des Model T mithalten zu können. Schon im Jahr 1925 werden etwa drei Viertel der Neuwagen in den USA per Kredit finanziert. In der Schweiz ist heute rund die Hälfte aller Autos mittels Leasing oder Kredit bezahlt.
Einfluss bis heute
Fliessbandproduktion, Ratenzahlung und Leasing prägen die Wirtschaft nachhaltig und begründen die heutige Konsumgesellschaft. Ein Beispiel: Das Smartphone bezahlen viele auch in Raten mit der Abo-Rechnung. Aber auch weniger kundenfreundliche Entwicklungen nehmen ihren Anfang in den USA. In den 1920ern erreicht der Markt eine Sättigung. Um die Verkäufe anzukurbeln, führt General Motors in den 1930er Jahren die sogenannte «geplante Veralterung» ein. Neues Design und kleine Neuerungen alle drei Jahre kurbeln die Verkäufe wieder an. Diese Strategie hält sich bis heute, nur die Zyklen sind etwas länger geworden. Und auch andere Branchen übernehmen die Taktik. So bringt die Smartphone-Industrie fast jährlich ein neues Modell heraus.
Spannend: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Verbrennungsmotor in den USA noch praktisch unbedeutend. Die meisten Fahrzeuge laufen mit Dampf oder Strom. Aber Elektroautos werden schneller zum Auslaufmodell als die Dampfautos. Innerhalb von fünf Jahren landet der E-Antrieb auf dem letzten Platz der beliebtesten Antriebe in den USA.
Parallelen zwischen USA und Alpen
Einer der Gründe ist die Abhängigkeit vom Stromnetz. Denn das Auto spielt eine entscheidende Rolle dabei, die ländliche Isolation in den USA zu beenden. Abgeschiedene Regionen des Landes haben plötzlich Anschluss an die Zentren, und städtischer Luxus wie medizinische Versorgung und Schulen verteilt sich dank des Automobils im ganzen Land. Weil es noch kaum befestigte Strassen gibt, bauen die Amerikaner sogenannte Highwheeler. Diese Fahrzeuge mit riesigen Holzspeichenrädern sind quasi die Vorgänger der Pick-ups und SUVs.
Diese Fahrzeugtypen sind gerade in den ländlichen Gegenden der USA immer noch sehr beliebt. In diesen Gebieten ist das Auto auch heute noch der einzige Anschluss an die Zivilisation. Viele Schweizer Bergregionen kennen diese Ausgangslagen und verdanken dem Auto ebenfalls den Zugang zu besserer Infrastruktur und neuen Einnahmequellen durch den Tourismus. Eine Idee, die sie von den Amerikanern übernommen haben. Die legendäre Route 66 etablierte Roadtrips, Motels und Fastfood-Ketten.
Vom eigenen Erfolg überholt
Bis 1980 sind die USA die führende Autonation. Im Jahr 1978 erreicht die Produktion mit 12,87 Millionen Fahrzeugen ihren Höchststand. Aber die Konkurrenz schläft nicht und die Globalisierung bringt japanische und europäische Fahrzeuge in die USA. Beide bieten mehr Qualität als die amerikanischen Autos, und die japanischen Hersteller punkten ausserdem mit besserer Zuverlässigkeit, während die europäischen und vor allem die deutschen Marken mit Luxus überzeugen. 1980 löst Japan die USA als weltweit führenden Autohersteller ab.
Die amerikanischen Autobauer, allen voran die sogenannten «Grossen Drei» Ford, General Motors und Chrysler, geraten ins Strudeln und es kommt zu Umstrukturierungen. Chrysler durchläuft mehrere Besitzerwechsel und gehört heute zu Stellantis. Vom Aufschwung und Niedergang der amerikanischen Auto-Industrie ist die Stadt Detroit direkt betroffen. Weil die «Grossen Drei» dort ihren Hauptsitz haben, wird die Stadt am Eriesee auch «Motor City» genannt. Die Stadt blüht mit der US-Autoindustrie auf und leidet unter dem Niedergang. Detroit hat heute noch mit einer überdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit zu kämpfen.
Was bringt die Zukunft?
Nach der Jahrtausendwende rücken die USA wieder vermehrt in den Fokus der internationalen Autobranche. Der Grund sind Elon Musk und Tesla. Ihre frühen Erfolge bringen in den 2010er Jahren den Elektrostein ins Rollen. Doch die Konkurrenz in den USA verschläft die Entwicklung ebenso wie jene in Europa. Heute gelten die chinesischen Autobauer als führend in der Elektromobilität.
Den USA hingegen haben wir indirekt die leicht autofeindliche Grundhaltung in der Schweiz zu verdanken. Denn der letzte echte Exportschlager der einst innovativen amerikanischen Auto-Industrie ist der SUV. Mit dessen Verbreitung in den letzten Jahrzehnten steigt hierzulande die Anti-Auto-Stimmung in den Städten. Die Rettung für das Automobil kann noch aus den USA kommen, aber vielleicht nicht aus der Auto-, sondern aus der Tech-Industrie. Wenn es den Amerikanern gelingt, selbstfahrende Autos vor den Chinesen zur Serienreife zu bringen, könnte sie das zurück an die Spitze führen.
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