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20 ist das neue 30: Städte bremsen Autos radikal aus
Immer mehr Deutschschweizer Städte setzen auf Begegnungszonen mit Tempo 20: In den letzten fünf Jahren wuchs ihr Anteil um insgesamt 60 Prozent. Damit bremsen Städte Autofahrende gleich doppelt aus – denn hier haben Fussgänger Vortritt.
Städte treten beim Tempo noch härter auf die Bremse. In der Gesamtbetrachtung veränderte sich das Tempo-30-Netz seit 2021 kaum. Gleichzeitig bauten die Städte ihre Begegnungszonen mit Tempo 20 jedoch deutlich aus.
Das zeigt eine neue STREETLIFE-Auswertung der Angaben aus Winterthur, Luzern, Basel, Bern, Zürich und St. Gallen. Verglichen wurden die Zahlen des Städtevergleichs 2021 mit den aktuellen Angaben der Städte.
Tempo 30 stagniert
Das Resultat ist überraschend deutlich: 2021 umfassten die Begegnungszonen in den sechs Städten zusammen 128,4 Kilometer. Inzwischen sind es 204,9 Kilometer. Innerhalb weniger Jahre kamen damit 76,5 Kilometer hinzu – ein Plus von fast 60 Prozent.
Bei Tempo 30 zeigt sich ein komplett anderes Bild. Die Gesamtlänge stieg lediglich von 1104,7 auf 1106,4 Kilometer. Das entspricht einem Zuwachs von gerade einmal 1,7 Kilometern. Der eigentliche Wachstumstreiber der Verkehrsberuhigung ist somit nicht mehr Tempo 30, sondern Tempo 20.
Jetzt müssen Autofahrende noch mehr bremsen
Für Autofahrerinnen und Autofahrer ist der Unterschied beträchtlich. In einer Tempo-30-Zone bleibt der motorisierte Verkehr grundsätzlich vortrittsberechtigt.
In einer Begegnungszone werden Autofahrende hingegen doppelt ausgebremst. Nicht nur gilt hier höchstens Tempo 20. Fussgängerinnen und Fussgänger dürfen zudem die gesamte Verkehrsfläche benutzen und haben gegenüber Fahrzeugen Vortritt.
Bern wird zur Tempo-20-Hauptstadt
Ein Blick in die Zahlen zeigt: Bern verzeichnet den grössten absoluten Tempo-20-Ausbau. In der Bundesstadt nahm die Länge der Begegnungszonen von 48 auf 80 Kilometer zu. Das entspricht einem Plus von 32 Kilometern oder rund 67 Prozent.
Gleichzeitig sank die Länge der Tempo-30-Zonen und -Strecken von 177 auf 160 Kilometer. Bern ist damit die einzige untersuchte Stadt, in der das Tempo-30-Netz deutlich kleiner wurde, während die Begegnungszonen massiv zulegten.
Ein Teil dieser Verschiebung ist tatsächlich auf Umwandlungen zurückzuführen. «Es wurden einerseits weitere Tempo-50-Strassenbereiche temporeduziert. Deshalb dürfte die Gesamtkilometerzahl der Strassen mit Temporeduktionen angestiegen sein. Zudem sind mehrere Tempo-30-Zonen in den letzten fünf Jahren zu Begegnungszonen umgewandelt worden», sagt das Tiefbauamt der Stadt Bern gegenüber STREETLIFE.
St. Gallen verdreifacht Tempo-20-Netz
Prozentual fällt der Ausbau in St. Gallen am stärksten aus: Die Begegnungszonen wuchsen von neun auf 30,5 Kilometer. Damit hat die Stadt ihr Tempo-20-Netz mehr als verdreifacht. Bei Tempo-30 wurde hingegen 0,5 Kilometer abgebaut von 126 auf 125,5 Kilometer.
Winterthur setzt noch auf Tempo 30
Winterthur baute als einzige untersuchte Stadt sowohl das Tempo-30- als auch das Tempo-20-Netz deutlich aus. Tempo 30 wuchs von 140,7 auf 153 Kilometer, die Begegnungszonen von 15,4 auf 20,7 Kilometer.
Damit gilt auf 173,7 der insgesamt 340 Strassenkilometer Tempo 30 oder weniger. Winterthur hat die 50-Prozent-Marke überschritten.
«Die Anzahl der Begegnungszonen hat zuletzt nur leicht zugenommen. Der Fokus lag in den letzten Jahren auf dem Lückenschluss von Tempo 30 in den Quartieren. Die Einführung von neuen Begegnungszonen wurde mit zweiter Priorität behandelt», erklärt die Stadt Winterthur gegenüber STREETLIFE.
Zürich legt 40 Prozent zu
Auch Zürich legte in den vergangenen fünf Jahren bei den Begegnungszonen zünftig zu. So wurde das Netz von 29 auf 40,7 Kilometer ausgeweitet. Bei Tempo 30 kamen 1,4 Kilometer hinzu, was einem Plus an verkehrsberuhigten Strassen von 13,1 Kilometern entspricht.
Luzern eher moderat
In Luzern blieben die 118 Kilometer an Tempo 30 seit fünf Jahren unverändert. Doch auch hier nahmen die Begegnungszonen zu: Ihre Länge stieg von vier auf neun Kilometer.
Basel: Kleinster Anstieg – aber oho
Den kleinsten Anstieg von Begegnungszonen verzeichnete Basel mit einem zusätzlichen Kilometer (von 23 auf 24 Kilometer). Dafür plant der Kanton auf rund 50 weiteren Strassenkilometern Tempo 30 und auf zusätzlichen 20 Kilometern nächtliche Temporeduktionen. Damit sollen in spätestens 10 Jahren vier von fünf Strassen im Stadtkanton verkehrsberuhigt sein.
Tempo 30 – wie weiter?
Der Ausbau der Begegnungszonen dürfte die politische Debatte weiter anheizen. Bereits Tempo 30 führte zu erheblichem Widerstand aus der Politik und der Bevölkerung. Winterthur und Zürich sind dabei nicht die einzigen Städte, die das Tempo-30-Zepter bei den Hauptverkehrsachsen an den Kanton abtreten mussten. Ähnlich eskalierte der Streit zwischen Stadt- und Kantonsregierung auch in Schaffhausen und St.Gallen (STREETLIFE berichtete).
In St.Gallen ist der Streit nun sogar an der Urne angekommen. Ein Referendumskomitee von Tempo-30-Befürwortern, bestehend aus linksgrünen Parteien und Organisationen wie dem Verkehrs-Club der Schweiz VCS, Umverkehr, Fussverkehr Schweiz und Pro Velo reichte Anfang August 2026 insgesamt 5500 Unterschriften gegen strengere kantonale Vorgaben für Tempo 30 ein. Damit muss die Stimmbevölkerung entscheiden.
Der Widerstand richtet sich zwar in erster Linie gegen Tempo 30 auf wichtigen Verkehrsachsen und nicht gegen Begegnungszonen in Wohnquartieren. Die neuen Zahlen zeigen jedoch: Während über Tempo 30 gestritten wird, breiten sich in den Städten jetzt Zonen mit noch tieferer Geschwindigkeit und Fussgängervortritt aus.

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