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In diesen Städten sind die grössten Velo-Raudis unterwegs
Rotlicht missachten, über Trottoirs abkürzen oder Stoppschilder ignorieren. Ein Realitätscheck in drei Städten zeigt, dass im Veloverkehr nicht immer nach Vorschrift gefahren wird. STREETLIFE hat sich an die Front gewagt und eine Stunde lang das Chaos an Schweizer Kreuzungen protokolliert.
Wir alle kennen diesen Moment im Auto: Man wartet geduldig bei Rot, und zack – rechts schiesst ein Velofahrer vorbei, schlängelt sich mit einer Nonchalance durch den Querverkehr und ignoriert die Ampel als gehöre ihm die Strasse alleine. Ein Einzelfall? Schön wär’s.
Um dem Mythos vom gesetzesuntreuen Velofahrenden auf den Zahn zu fühlen, haben wir uns bewaffnet mit Notizblock und Adleraugen direkt an die Front begeben. Drei Städte, drei Teams und genau 60 Minuten geballter Feierabendverkehr zwischen 17 und 18 Uhr. Im Einsatz standen die Reporter Claudia Brüngger, Salvatore Iuliano und Swenja Willms. Sie wollten es ganz genau wissen, wie oft die Strassenverkehrsregeln an den Kreuzungen missachtet werden.
Zürich: Hohlstrasse/Duttwylerbrücke
Salvatore Iuliano positionierte sich an einem der Brennpunkte in Zürich. Zwischen 17 und 18 Uhr rollten 506 Velos an der Kreuzung Hohlstrasse/Duttwylerbrückevorbei. Die Bilanz: Rund 11 Prozent pfiffen auf die Regeln. 55 Velofahrer ignorierten das Rotlicht. Entweder wurde frech rechts abgebogen oder die grüne Rechtsabbiegerspur der Autos zweckentfremdet, um geradeaus über die Kreuzung zu brettern.
Einer trieb es so bunt, dass er tatsächlich vom Radarkasten erfasst wurde. 17 Velos nutzten den Zebrastreifen als Abkürzung, 10 weitere fuhren einfach übers Trottoir, um die Lichtsignale komplett zu umgehen.
Winterthur an der Technikumstrasse
Claudia Brüngger beobachtete den Feierabendverkehr stadtauswärts. Bei 121 Velos in einer Stunde ignorierten sechs Fahrer das Rotlicht – einer davon schlängelte sich sogar freihändig durch die wartenden Autos.
Eine Frau mit Kinderanhänger ignorierte das Rotlicht beim Rechtsabbiegen in die Zeughausstrasse. Zehn Fahrer nutzten den Ausgang des Parkings Technikum, um die Strasse zu überqueren, alle zehn missachteten das Stoppschild.
Basel an der Klybeck- / Feldbergstrasse
3357 Velos passieren im Durchschnitt die Johanniter-Brücke in Basel und fahren entlang der Feldbergstrasse. STREETLIFE-Kollegin Swenja Willms positionierte sich an der Ecke zur Klybeckstrasse, in jeder Richtung steht hier eine rote Ampel, dazu ist linksabbiegen verboten.
Von 318 gezählten Velos nahmen es 31 nicht so genau mit der Strassenverkehrsordnung. 16 Mal wurde Rot schlichtweg ignoriert. 14 Fahrer nutzten unerlaubterweise den Fussgängerstreifen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Ein besonders Mutiger entschied sich für ein illegales Linksabbiege-Manöver mitten im dichten Verkehr.
Das Urteil vom Experten: «Hirn aus, wenn der Sattel drückt»
Was wir beobachtet haben, ist für Ulrich Pfister keine Überraschung. Der Zürcher Kantonsrat und pensionierte Kantonspolizist findet deutliche Worte für das Verhalten auf zwei Rädern: «Die Regeln im Strassenverkehrsgesetz gelten für alle. Aber sie werden von einem gewissen Teil der Velofahrer schlicht ignoriert.» Er sieht eine gefährliche Mentalität: «Ein gewisser Teil der Velofahrenden sieht das Velo als Freipass. Wenn der Sattel am Hinterteil drückt, schaltet bei manchen das Hirn aus.»
Besonders kritisch sieht der Ex-Polizist die Situation an Fussgängerstreifen. «Die Velofahrenden haben dort keinen Vortritt, aber viele nehmen ihn sich einfach. Das ist ein ganz schlechtes Signal für Kinder, die zuschauen.» Pfister fordert deshalb mehr Kontrollen durch die Polizei. Sein Fazit: Während Autofahrer bei Verstössen sofort sanktioniert werden, herrscht beim Velo oft noch eine «Kavaliersdelikt-Kultur».
Schaut man in die sozialen Medien, kochen auch hier die Emotionen regelmässig hoch. Unter einem Post von Pro Velo schreibt ein User entnervt: «Wenn ihr euch auch an die Verkehrsregeln halten würdet, gäbe es weniger Diskussionen und Unfälle. Ich fahre selber Rad und bin beruflich tagtäglich auf der Strasse – was man da sieht, ist zum Teil haarsträubend.»
Die bittere Quittung: Unfallzahlen steigen
Dass dieses «Laissez-faire» auf dem Sattel kein harmloser Sport ist, zeigt die Statistik. Die Unfallzahlen für das Jahr 2025 sprechen eine deutliche Sprache: Die Zahl der Schwerverletzten ist massiv gestiegen.
44 Velofahrende verloren vergangenes Jahr ihr Leben, 20 davon auf dem klassischen Velo, 24 auf E-Bikes. Insgesamt wurden 1'257 Personen schwer verletzt. Im Vergleich zum Vorjahr gab es bei den klassischen Velos 38 Schwerverletzte mehr, bei den E-Bikes liegt das Plus sogar bei 53 Fällen.
Wegen der Zunahme der Schwerverletzten fordert Pro Velo eine Verstärkung der Schutzmassnahmen für Velofahrende. So soll ein Mindestüberholabstand eingeführt und die Velowege ausgebaut werden.
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