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Wenn du am Steuer rot siehst: Diese Road-Rage-Typen gibts
Einer hupt, einer flucht, einer klebt am Kofferraum – und einer lächelt so freundlich, dass es schon wieder aggressiv wirkt. Im Strassenverkehr zeigt sich unser Temperament so ungefiltert wie sonst kaum. STREETLIFE zeigt dir fünf Road-Rage-Typen, die die meisten kennen dürften – und vielleicht sogar ein bisschen selbst sind.
Wer im Alltag als ausgeglichener Mensch durchs Leben geht, kann sich hinter dem Steuer erstaunlich schnell verwandeln. Ein Auto zieht ohne Blinker vor uns rein, jemand fährt auf der linken Spur gemütliche 102 km/h oder die Ampel springt auf Grün – und der Vordermann bewegt sich auch nach gefühlten drei Monaten noch nicht. Schon ist sie da: die Wut. Und offenbar immer häufiger, wie STREETLIFE berichtet hat.
Das Phänomen hat einen Namen: Road Rage. Gemeint sind aggressive Reaktionen im Strassenverkehr – vom gemurmelten «Was macht dieser Idiot denn hier?» über Hupkonzerte bis zu gefährlichem Drängeln oder handfesten Auseinandersetzungen. Aber: Nicht jede Form von Ärger ist gleich gefährlich. Und nicht jeder Wüterich funktioniert gleich. Zeit also für eine kleine Typologie.
Der Interieur-Vulkan
Von aussen sieht alles harmlos aus. Beide Hände am Lenkrad, Geschwindigkeit korrekt, Sicherheitsabstand vorbildlich. Im Innenraum hingegen läuft ein sprachliches Feuerwerk, das selbst einen Hafenarbeiter erröten lassen würde.
Der Innenraum-Vulkan kommentiert jeden Fahrfehler persönlich: den Nichtblinker, den Schleicher, den Drängler, den Velofahrer, den Lieferwagen und natürlich den SUV, der «wieder einmal» zwei Parkfelder braucht. Immerhin: Solange die Tirade im eigenen Auto bleibt, ist dieser Typ vergleichsweise ungefährlich. Verkehrspsychologen weisen sogar darauf hin, dass Fluchen kurzfristig als Ventil funktionieren kann. Entscheidend ist, dass die Wut nicht vom Mund in den rechten Fuss wandert.
Erkennungsmerkmal: Nach zehn Minuten Fahrt kennt der Beifahrer 17 neue Schimpfwörter.
Der Oberlehrer
Er fährt nicht einfach Auto. Er überwacht die Verkehrsordnung. Der Oberlehrer sieht sich als mobile Kontrollinstanz zwischen Bundesamt für Strassen und Kantonspolizei. Blinker vergessen? Sofortige Lichthupe. Falsch eingeordnet? Kopfschütteln. Zwei km/h zu langsam? Demonstratives Vorbeifahren mit strengem Seitenblick.
Besonders gern erklärt dieser Typ anderen Verkehrsteilnehmenden ihre Fehler an der nächsten roten Ampel. Natürlich nur «ganz sachlich». Zumindest beginnt das Gespräch meistens so. Das Problem: Wer andere erziehen will, macht eine banale Verkehrssituation schnell zu einem persönlichen Konflikt. Und plötzlich geht es nicht mehr darum, wer Vortritt hatte, sondern darum, wer sich von wem nichts gefallen lässt.
Erkennungsmerkmal: Ist überzeugt, dass ohne ihn auf der Strasse Anarchie ausbrechen würde.
Der Heckklappen-Inspektor
Sein bevorzugter Aufenthaltsort liegt ungefähr 10 Zentimeter hinter deiner Stossstange. Der Drängler hat es immer eilig. Weshalb, weiss niemand. Vielleicht wartet ein Spenderherz. Vielleicht gibt es zuhause Lasagne. Vielleicht möchte er einfach zeigen, dass sein Auto auch 143 km/h fahren könnte, wenn du endlich aus dem Weg wärst.
Dichtes Auffahren gehört zu den gefährlicheren Formen von Road Rage. Denn hier wird aus Ärger unmittelbar Fahrverhalten. Der Sicherheitsabstand schrumpft genau dann, wenn Konzentration und Geduld ohnehin schon abnehmen. Hinzu kommen gerne Lichthupe, hektische Spurwechsel und das berühmte Überholmanöver, nach dem demonstrativ knapp vor dem anderen Fahrzeug wieder eingeschert wird. Eine Art automobile Machtdemonstration mit erstaunlich schlechtem Risiko-Ertrag-Verhältnis.
Erkennungsmerkmal: Kann aus 200 Metern Entfernung erkennen, ob die linke Spur «ihm gehört».
Der Gesten-Zampano
Kommunikation ist wichtig. Dieser Typ nimmt das ernst. Er arbeitet mit Händen, Armen, Augenbrauen und gelegentlich dem kompletten Oberkörper. Da wird fragend die Hand gehoben, dramatisch auf die Stirn getippt oder mit beiden Armen eine kleine Pantomime aufgeführt, die ungefähr bedeutet: «Wie hast DU jemals eine Fahrprüfung bestanden?»
Der Gesten-Künstler hält sich meistens für deutlich friedlicher als den Drängler. Schliesslich fährt er niemandem ins Heck. Trotzdem kann auch ein vermeintlich harmloses Handzeichen eine Situation eskalieren lassen – insbesondere wenn der Empfänger das Zeichen anders interpretiert als der Absender.
Und nein: Der ausgestreckte Mittelfinger gilt international eher selten als konstruktiver Beitrag zur Verkehrssicherheit.
Erkennungsmerkmal: Braucht keine Worte, um einen Streit anzufangen.
Der Zen-Master
Und dann gibt es noch den Menschen, den alle anderen heimlich hassen. Jemand schneidet ihn? Er lässt Abstand. Ein Auto schleicht vor ihm? Er denkt: «Dann bin ich halt zwei Minuten später da.» Ein Drängler klebt hinten? Er macht Platz, sobald es sicher möglich ist. Der Zen-Meister hört Musik, atmet durch und weigert sich konsequent, einen Verkehrskonflikt in eine Frage der persönlichen Ehre zu verwandeln. Genau das empfehlen auch Verkehrspsychologen: Abstand zur Situation schaffen, nicht provozieren lassen und vor allem die Emotion nicht aufs Gaspedal übertragen.
Natürlich ist auch der Zen-Meister nicht unverwundbar. Spätestens wenn jemand im Parkhaus zum vierten Mal rückwärts ansetzt und dabei noch immer beide Nachbarplätze blockiert, beginnt auch bei ihm die Augenbraue leicht zu zucken. Aber er weiss etwas Entscheidendes: Im Strassenverkehr gewinnt nicht, wer recht behält. Sondern meistens derjenige, der heil ankommt.
Erkennungsmerkmal: Sagt «Lass ihn doch» – und meint es tatsächlich.
Und welcher Typ bist du?
Die unbequeme Antwort: vermutlich mehrere. Wir fluchen vielleicht wie der Vulkan, werden beim dritten Spurwechsel zum Oberlehrer und entdecken unter Zeitdruck plötzlich einen kleinen Drängler in uns. Road Rage beginnt selten mit der grossen Eskalation. Meist beginnt sie mit dem Gefühl, jemand anderes habe uns etwas «angetan».
Genau da lohnt sich der Perspektivwechsel. Vielleicht ist der andere nicht komplett unfähig. Vielleicht hat er dich schlicht übersehen. Vielleicht kennt er die Strasse nicht. Vielleicht hat er gerade einen schlechten Tag. Und selbst wenn der andere tatsächlich ein Idiot ist: Lass ihn ziehen. Der nächste Idiot wartet ohnehin schon an der nächsten Kreuzung.

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