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Psychologen warnen: «Road Rage kann lebensbedrohliche Folgen haben»
Mehr Verkehr, mehr Autos und immer weniger Parkplätze: Der Dichtestress auf Schweizer Strassen nimmt massiv zu. Daraus resultieren immer mehr Road-Rage-Fälle, bestätigen Polizei und Verkehrspsychologen gegenüber STREETLIFE. Dabei bleibe die Eskalation beim Einzelnen ein unberechenbarer Risikofaktor.
Wie schnell eine Situation aus dem Ruder laufen kann, zeigte erst Anfang August ein Vorfall in der Berner Gemeinde Attiswil. An diesem Sonntagnachmittag kommt es mitten im Dorf zu einem Verkehrsunfall. Ein Auto kollidiert seitlich mit einer Hausmauer, wie die Kantonspolizei Bern einen Tag später mitteilt. In der Pressemeldung bleibt der Crash dann allerdings eher nebensächlich: «Nach dem Unfall gingen mehrere Personen mit Gegenständen aufeinander los», heisst es stattdessen. Und: «Sechs Personen wurden auf die Polizeiwache gebracht. Ein Baseballschläger, eine Eisenstange, ein Pfefferspray und ein Messer wurden sichergestellt.»
Was genau zur Gewalt-Eskalation in Attiswil führte, wird aktuell noch durch die Berner Kantonspolizei ermittelt. Sicher ist: Aggressives Verhalten im Strassenverkehr – sogenanntes Road Rage – nimmt auf Schweizer Strassen laufend zu. Das bestätigen auch die kantonalen Polizeikorps. «Fest steht, dass das anhaltend starke Verkehrswachstum unweigerlich zu mehr Konflikten auf der Strasse führt. Und vereinzelt kann ein solches Intermezzo darin gipfeln, dass die Widersacher anhalten und sich persönlich beschimpfen oder prügeln», sagt Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau auf Anfrage von STREETLIFE.
Konflikte in Fussgängerzonen steigen
Dabei gebe es unterschiedliche Gründe für die Auseinandersetzungen. «Mögliche Auslöser sind zu dichtes Auffahren, abrupte Spurwechsel, das Missachten des Vortritts oder zu langsames Fahren», erklärt Milo Frey von der Kantonspolizei St. Gallen. Die Folge: Es kommt zu Kopfschütteln, gezeigten Mittelfingern oder gar zum gefährlichen Ausbremsen. Das Problem werde zudem durch Trends wie E-Trottinetts befeuert, ergänzt Graser von der Kapo Aargau: «Deshalb nehmen auch die Konflikte in Fussgängerzonen und ähnlichen Bereichen zu.»
Ein zentraler Faktor für das aggressive Verhalten ist das wachsende Verkehrsaufkommen auf der ohnehin schon stark belasteten Infrastruktur. Insbesondere das Nationalstrassennetz stösst aktuell an seine Belastungsgrenzen. Gemäss dem Bundesamt für Strassen ASTRA wurden 2025 auf den Schweizer Autobahnen insgesamt 60'040 Staustunden verzeichnet – das ist ein Anstieg von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. «Rund 89 Prozent der Staus sind auf Verkehrsüberlastung zurückzuführen», teilte das ASTRA im Juni mit.
«genervt, intolerant und asozial»
Der Dichtestress im Verkehr ist für Psychologen dann auch der negative Treiber in Bezug auf die zunehmende Aggressivität. «Langes im Stau stehen macht ohnmächtig», sagt etwa Verkehrspsychologin Charlotte Wunsch. «Autofahrende sind dann extrem genervt und sie werden intolerant und asozial. Bei einer eher kurzen Zündschnur ist Road Rage sehr, sehr nahe.»
Wer hier aber Grenzen überschreite und sich seiner Rage hingibt, verhalte sich nicht mehr im normalen Bereich. «Betroffene sind nicht mehr objektiv. Das Fehlverhalten dient als eine Art Ventil, wodurch sich der Ärger entladen kann, erklärt Gianclaudio Casutt, Fachpsychologe für Verkehrspsychologie. Casutt führt aus: «Road Rage betrifft Verkehrsteilnehmer, welche bereits durch bewusste Regelverstösse auffällig geworden sind. Auch bekannt ist, dass ein Teil davon mehrdeutiges Verhalten anderer als absichtliche Provokation missdeutet. Ob dadurch die Aggression verursacht oder ob beides Ausdruck derselben Disposition ist, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Was wir wissen: Je dichter der Verkehr, desto mehr mehrdeutige Situationen – und desto häufiger greift diese Missdeutung.» Und das kann gefährliche Folgen haben. «Es kann zu einer Kurzschlussreaktion kommen, die Situation kann aus dem Ruder laufen, wodurch die Gefahr für ernsthafte Körperverletzung exponentiell steigt», so Casutt.
Verkehrspsychologin Wunsch fordert hier deshalb ein hartes Durchgreifen des Staates: «Um solche Fälle zu verhindern, braucht es drakonische Strafen und Pflicht-Kurse für bereits negativ aufgefallene Automobilisten, damit sie 'Wir machen zusammen Verkehr’- Konzepte entwickeln können, statt andere mit ihrem Verhalten in Gefahr zu bringen.»
Verkehrsteilnehmende trennen?
Wie aber kann man sich schützen, wenn man unmittelbar Opfer von Road Rage wird? Hier rät Graser von der Kapo Aargau: «Wir appellieren dazu, Ruhe zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen. Unüberlegte Kurzschlusshandlungen können auch für die vermeintlich im Recht stehende Person zum strafrechtlichen Eigentor werden.» Und Verkehrspsychologe Casutt ergänzt: «Gehen Sie nicht auf die Aggressionen ein, bleiben Sie neutral. Darum ist die beste Taktik: Entschuldigen Sie sich, ziehen Sie sich zurück und lassen Sie sich auf keinen Fall auf das Fehlverhalten der in Rage geratenen Person ein.»
Bleibt die Frage, ob verkehrsplanerische Massnahmen die Lage deeskalieren könnten? «Hier gibt es verschiedene Ansatzpunkte», sagt Verkehrspsychologe Casutt und er meint damit den Bau von Fussgängerübergängen, Trottoirs und Velowegen. Gerade letztere haben in letzter Zeit aber zunehmend für Zündstoff gesorgt. Casutt relativiert deshalb: «Das ist richtig. Hier gibt es immer wieder Reibungspunkte hinsichtlich des Kampfs zwischen Auto und Velo.» Im Hinblick darauf, dass der Dichtestress im Verkehr in den nächsten Jahren eher noch zunehmen wird, ist hier eine Lösung also eher nicht in Sicht.
Road Rage trifft auch die Polizei
Road Rage ist längst nicht nur ein Thema unter Verkehrsteilnehmenden. Es betrifft zunehmend auch die ausrückenden Polizisten. «Wir als Kantonspolizei werden bei Verkehrskontrollen oder Geschwindigkeitsmessungen nicht immer mit offenen Armen empfangen», erklärt Milo Frey, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen. «Grösstenteils verstehen die Personen den Sinn und Zweck, aber es fällt durchaus auch einmal ein ‘hässiges’ Wort.»
Bernhard Graser von der Kapo Aargau ergänzt: «Eine Person, die Road Rage zeigt, befindet sich ohnehin in einem Ausnahmezustand. Wenn da noch die Polizei eingreift, kann die Situation nur noch mehr eskalieren. Das wiederum kann für die Polizisten gefährlich werden.»
Gianclaudio Casutt, Fachpsychologe für Verkehrspsychologie ist über diese Entwicklung wenig erstaunt: «Gerade für Road Rage anfällige Personen fühlen sich durch Verschärfungen des Strassenverkehrsgesetzes in ihrer Freiheit stärker eingeschränkt, wodurch die Polizei bei denselben viel exponierter ist und als ‘böse Polizei’ gilt. Die Kombination von Gesetzesverschärfung und zunehmende Verkehrsdichte kann die Aggression gegenüber Beamten ansteigen lassen.»
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