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«Sie verstopfen die Dörfer, um ein paar Minuten zu sparen»
Rund um die Skiferien kommt die Hauptachse zwischen Landquart und Chur an ihre Kapazitätsgrenzen. Um den Stau zu umfahren, schicken Navis Autofahrende ab der Autobahn und rein in die Dörfer. Anwohnende zeigen sich genervt und äussern Kritik an Bund und Kanton.
Die Skiferien stehen vor der Tür – und mit ihnen rollt die halbe Schweiz Richtung Graubünden. Familien mit Dachbox, Tagesgäste mit Frühstart und Ferienhungrige aus dem Unterland steuern die sonnigen Bündner Pisten an. Doch bevor der erste Schwung im Pulverschnee sitzt, heisst es für viele: Stop-and-go statt Carving.
@monikaveraguth
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Ferienverkehr zwischen Landquart und Chur wird zur Geduldsprobe
Besonders zwischen Landquart und Chur wird der Ferienverkehr jedes Jahr zur Geduldsprobe. Sobald es auf der Autobahn staut, lotsen die Navis Tausende Autofahrende durch die umliegenden Dörfer – sehr zum Ärger der lokalen Bevölkerung. Auf Social Media kursiert derzeit ein Video, in dem ein Stau vor einem Kreisel in Zizers zu sehen ist. In der Kommentarspalte kochen die Emotionen hoch: «Hatte von Trimmis nach Zizers mehr als eine halbe Stunde. Auf der Autobahn lief der Verkehr besser als auf der Hauptstrasse. Sogar die Ambulanz steckte fest», schreibt Userin Doris. Da helfe nicht mal mehr der ÖV, wie eine andere Einheimische schildert: «Wir mussten über 20 Minuten am Bahnhof warten, weil der Bus zurück ins Dorf Untervaz nicht durch Trimmis fahren konnte.»
Viele User verstehen nicht, warum die Polizei die Ausfahrt nicht sperrt. Auch Kritik am Kanton wird laut und es werden härtere Massnahmen gefordert, damit der Verkehr auf der Autobahn bleibt.
Ausweichverkehr belastet Dörfer rund um Trimmis und Zizers
Auf Anfrage von STREETLIFE bestätigt Nicola Stocker, Gemeindepräsident von Trimmis, dass der Ausweichverkehr in die umliegenden Dörfer in den letzten Jahren immer problematischer wurde. «Die Belastung hat spürbar zugenommen. Und es ist nicht per se der Skitourismus, sondern auch der Feiertagsverkehr an Pfingsten, Auffahrt oder Ostern. Das sind die Wochenenden mit absoluten Spitzen.»
Mehr Staustunden zu Stosszeiten – auch abseits der Autobahn
Zwar sei Trimmis weniger stark betroffen als der Nachbarort Zizers, wo die Hauptstrasse direkt durchs Dorf führt. «Bei uns verläuft die Hauptstrasse am Dorfrand. Dennoch beobachten wir auch in Trimmis eine klare Zunahme des Ausweichverkehrs auf der Hauptstrasse, insbesondere am Sonntagnachmittag und -abend.»
«Politisches Versagen, wenn man dieser Situation nicht Herr wird»
Das Problem: Ungeduldige Durchreisende vertrauen auf Google und Co.. «Wenn das Navi bereits eine Minute Zeitersparnis erkennt, gibt es eine Umwegroute an. Dann verstopfen sie die Dörfer, nur um ein paar Minuten zu sparen», so Stocker. So müssten sich die Fahrzeuge später wieder mühsam in die Hauptachse einfädeln. «Dass das bei der Bevölkerung auf Unverständnis stösst, ist nachvollziehbar», so Stocker und richtet seine Kritik an Bund und Kanton, «langsam ist einfach ein Mass erreicht, wo man sagen muss, das ist doch menschliches oder politisches Versagen, wenn man dieser Situation nicht Herr wird.»
Kanton Graubünden setzt auf Verkehrslenkung statt Sperrungen
Gegenüber STREETLIFE nimmt der Kanton Graubünden Stellung zu den Vorwürfen. Es seien bereits diverse Massnahmen umgesetzt worden, um das hohe Verkehrsaufkommen zu bewältigen – und weitere seien in Planung: «Wie bereits in den vergangenen Jahren stützen wir uns auch für den Winterbetrieb 2025/26 auf ein Dispositiv, das fortlaufend optimiert und aktiv betrieben wird. Im Fokus steht dabei der Raum Zizers bis zur Kantonsgrenze sowie das vordere Prättigau», sagt eine Sprecherin des Tiefbauamts Graubünden. So wurde in Zizers beispielsweise eine teilautomatisierte Verkehrslenkung installiert. Diese erfasst Verkehrszahlen in Echtzeit und ermöglicht und dosiert den Verkehr durchs Dorf mittels einer Ampelanlage. «Die Erfahrungen der letzten Winter zeigen deutlich, dass ein solches abgestimmtes und flexibel aktivierbares Dispositiv erforderlich ist, um die temporären Spitzenbelastungen im Freizeit- und Tourismusverkehr wirksam zu bewältigen», so das Tiefbauamt Graubünden.
«Dürfen wirtschaftlichen Nutzen nicht vergessen»
Auf Anfrage von STREETLIFE bestätigt Daniel Freund, Gemeindepräsident von Zizers, dass die Anlage bereits eine grosse Entlastung bringt. Freund betont aber auch den wirtschaftlichen Nutzen des Verkehrs: «Viele Gewerbetreibende des Rheintals profitieren stark vom Tourismus und dies ist im Allgemeinen der Motor der Bünder Wirtschaft. Das dürfen wir nicht vergessen.»
Mehr Dosieranlagen und temporäre Tempo-Reduktionen auf der A13 geplant
Weitere Dosieranlagen sind auch rund um den Isla Bella Tunnel in Betrieb. «Die Dosierstellen werden Schritt für Schritt in feste technische Anlagen, analog Zizers, überführt», erklärt das Tiefbauamt Graubünden. Auch von zwei Massnahmen des Bundesamts für Strassen ASTRA erhofft sich der Kanton eine Besserung der Verkehrssituation: «Mittelfristig erwarten wir mit der Realisierung von Geschwindigkeitsharmonisierung und Gefahrenwarnungs-Anlage und Pannenstreifen-Umnutzung auf der A13 eine deutliche strukturelle Entlastung des Verkehrs im vorderen Prättigau, im Raum Landquart und der Bündner Herrschaft. Diese Projekte werden wesentlich dazu beitragen, die Leistungsfähigkeit des Netzes zu optimieren und das heute notwendigen temporäre Dispositiv schrittweise reduzieren zu können.» Heisst konkret: Der Kanton setzt auf das in der Politik umstrittene Tempo 80 (STREETLIFE berichtete) und Spurenerweiterung, um die Leute auf der Autobahn zu halten. Auch in der Kommentarspalte zum Video sieht User kendudel die Temporeduktion skeptisch: «So sieht es aus, wenn sie 80 auf Autobahnen machen.»
Warum Autobahnausfahrten nicht einfach gesperrt werden
Und wie sieht es mit den geforderten Sperrungen von Autobahnein- und ausfahrten aus, analog der Gotthard-Region? Das Tiefbauamt winkt ab: «Einzelne Massnahmen – wie etwa eine vollständige Sperrung der Autobahnausfahrt Landquart – wären in ihrer Wirkung begrenzt. Beispielsweise zeigte sich am Pfingstsamstag 2025 bereits frühmorgens eine Überlastung beim Autobahnkreuz A13/A3 in Sargans. In der Folge wich der Verkehr bereits weit vor dem Kantonsgebiet Graubünden über St. Luzisteig und Mastrils aus. Eine punktuelle Sperrung einzelner Ausfahrten hätte in diesem Fall kaum eine spürbare Entlastung bewirken können.» Ausserdem sei es aus rechtlichen und praktischen Gründen kaum umsetzbar, dass eine Strasse nur auf Einheimische beschränkt werde.
Zwischen Tourismus, Verkehr und Lebensqualität
Der Verkehr wird also bleiben. Die Herausforderung besteht darin, ihn so zu lenken, dass er für alle erträglich bleibt – für die Gäste auf dem Weg in die Berge ebenso wie für jene, die entlang der Route leben.

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