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«Ölpreis bald bei 40 oder 200 Dollar? Beides ist möglich»
Der Iran-Konflikt stürzt den Ölmarkt ins Chaos. Etzelpark-Tankstellen-Unternehmer Michael Knobel erklärt, warum die Preise weiter explodieren könnten – und warum sich der Ölpreis aktuell wie ein Meme-Coin verhält.
Der Ölmarkt hält in diesen Tagen die Welt in Atem. Der Grund: Niemand weiss, was als Nächstes passiert. Der Konflikt rund um Iran, Israel und die USA hat eine Dynamik ausgelöst, die selbst erfahrene Marktteilnehmer überrascht. «Erdöl ist derzeit wie ein Meme-Coin. So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Unternehmer Michael Knobel vom Tank-Discounter Etzelpark.
Tasächlich: Was früher berechenbarer war, ist heute ein wildes Hin und Her gespeist aus Erwartungen, Ängsten und geopolitischen Eskalationen. Dazu passt, das US-Präsident Donald Trump mit mal mehr, mal weniger glaubhaften Tweets über Friedensgespräche mit dem Iran oder der Öffnung der Strasse von Hormus die Märkte regelmässig in einen Yoyo-Zustand versetzt – möglicherweise bewusst, um von der Volatilität an der Börse zu profitieren, wie vermutet wird.
Preise auch in der Schweiz hoch
Tatsächlich ist die einzige Konstante derzeit, dass die Preise an der Tankstelle in die Höhe schiessen. Dieselpreise über 2.25 Franken sind inzwischen auch in der Schweiz normal, Benzin liegt oft bei rund 2 Franken. Auch die sonst günstigen Etzelpark-Tankstellen müssen nachziehen. Aktuell verlangt Knobel je nach Standort rund 1.659 Franken für Benzin 95, etwa 1.799 für Benzin 98 – Diesel liegt um 2.099 Franken. Das ist auch bei ihm teuer als sonst. Aber: «Unsere Preise für Benzin 95 und 98 zum Beispiel sind immer noch tiefer als bei anderen Tankstellen vor dem Krieg», sagt er.
Der Einkauf ist aber auch für den Tankstellen-Discounter deutlich teurer geworden: «Allein der Liter Diesel ist im Einkauf um 55 Rappen gestiegen», sagt er. Das ist eine enorme Bewegung – und ein Hinweis darauf, wie verzerrt der Markt derzeit ist. Der Grund: Diesel ist besonders abhängig von Lieferketten, die durch den Ukraine-Krieg und nun zusätzlich durch den Nahost-Konflikt gestört sind. Russische Lieferungen fehlen, Ersatz aus dem Mittleren Osten gerät unter Druck.
Der entscheidende Faktor bleibt die Strasse von Hormus. Durch diese Meerenge läuft ein grosser Teil des weltweiten Ölhandels. Was dort passiert, bestimmt die Richtung der Preise. Aber: «Niemand weiss, wie es dort weitergeht. Wirklich niemand», sagt Knobel.
Genau daraus ergibt sich die extreme Bandbreite der möglichen Szenarien. Im schlimmsten Fall eskaliert der Konflikt weiter: Angriffe auf Infrastruktur, blockierte Seewege, vielleicht sogar beschädigte Förderanlagen oder atomare Einrichtungen mit dramatischen Folgen. «Wenn kein Schiff mehr durch Hormus geht und gleichzeitig der Boykott gegen Russland bestehen bleibt, dann kann das Angebot weiter massiv einbrechen», erklärt Knobel. In diesem Fall sei ein Ölpreis von 200 Dollar pro Barrel «absolut möglich».
Auch eine plötzliche Wende ist möglich
Hinzu kommt: Selbst wenn die Lage später wieder entspannt wird, kann es Monate dauern, bis beschädigte Infrastruktur wieder funktioniert. «Wenn Ölfelder oder Anlagen getroffen werden, braucht es zwei bis sechs Monate, bis sie wieder liefern.» Die Folge wäre ein länger anhaltender Preisschock – auch an der Zapfsäule.
Doch es gibt auch das Gegenstück: ein Szenario, in dem der Preis massiv fällt. Dafür müsste sich die geopolitische Lage schnell beruhigen. «Wenn plötzlich ein Deal mit dem Iran kommt, die Schiffe wieder fahren und gleichzeitig Russland wieder mehr liefern darf, dann kommt sehr viel Öl zurück in den Markt», sagt Knobel.
Zusätzlich könnten andere Produzenten hochfahren: US-Fracking, Brasilien, neue Förderländer. Kombiniert mit einer schwächeren Weltwirtschaft würde die Nachfrage sinken. «Dann kann der Preis auch stark unter das Vorkriegs-Niveau fallen – vielleicht sogar Richtung 40 Dollar», so Knobel.
Unvorhersehbarkeit bleibt bestehen
Für Konsumenten bedeutet das vor allem eines: schnelle und teils heftige Preisschwankungen. «Erhöhungen kommen sofort an der Zapfsäule an. Senkungen deutlich langsamer», sagt Knobel. Ein Mechanismus, der sich in volatilen Phasen besonders stark bemerkbar macht.
Auch für ihn selbst wird die Situation zur Herausforderung. «Auch ich muss meine Preise anpassen», sagt er. Gleichzeitig versucht Knobel, möglichst günstig zu bleiben – doch der Spielraum wird kleiner. «In so einer Phase ist es unmöglich, immer der Günstigste zu sein.»
Die Reaktion der Autofahrer folgt einem einfachen Muster: tanken, solange es noch einigermassen ins Budget passt. Knobel berichtet von Rekordverkäufen zu Beginn der Eskalation. Inzwischen hat sich die Lage etwas normalisiert. Aber wenn der Zahltag eintrifft und die Lage weiter angespannt bleibt, werden die Schlangen vor den Zapfsäulen wieder länger.
Wie es weitergeht, bleibt offen. Zu viele Faktoren spielen hinein – militärische Entscheidungen, politische Deals, wirtschaftliche Entwicklungen. «Es ist völlig unvorhersehbar im Moment», sagt Knobel. Denn in einem Markt, der sich wie ein Meme-Coin verhält, ist nur eines sicher: Es bleibt alles anders.

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