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«Mein Töff ist mein Safe Place»
Immer mehr Frauen zeigen auf TikTok und Instagram ihre Leidenschaft fürs Töfffahren. Zwei junge Schweizerinnen erzählen, was sie am Leben auf zwei Rädern fasziniert und mit welchen Vorurteilen sie noch immer kämpfen.
Helm auf, Motor an – und für einen Moment ist alles andere weit weg. Genau dieses Gefühl entdecken immer mehr Frauen für sich. Auf TikTok und Instagram gehören Bikerinnen längst zum Alltag: Unter dem Hashtag #bikergirls zeigen sie ihre Maschinen, nehmen ihre Community mit auf Ausfahrten und sprechen offen über ihre ersten Erfahrungen auf zwei Rädern.
Dass sich bei den Bikerinnen etwas bewegt, zeigen auch die Zahlen des Bundesamts für Strassen ASTRA. 2025 wurden bei Frauen in der Schweiz 407 Motorrad-Führerausweise mehr registriert als noch im Vorjahr. Das entspricht einem Plus von fünf Prozent.
Auch bei Swiss Moto nimmt man diese Entwicklung wahr: «Sowohl Neulenkerinnen als auch Wiedereinsteigerinnen sind heute in der Szene präsent», sagt Paulina Milke, Member of the Board im Bereich Marketing, Events & Women bei Swiss Moto.
TikTok und Instagram schaffen neue Vorbilder
Ein wichtiger Treiber ist laut Milke die Sichtbarkeit. «Auf Social Media und YouTube sind heute deutlich mehr Frauen zu sehen, die selbst Motorrad fahren. Dadurch entstehen neue Vorbilder, und Frauen können sich leichter vorstellen, selbst zu fahren, wenn sie andere Frauen am Lenker sehen.»
Dazu kommt das Gefühl, das der Töff vermittelt. «Der Töff steht für viele Frauen für Freiheit und Selbstbestimmung – ein bewusster Ausgleich zum Alltag und etwas, das man sich oft gezielt erarbeitet und auf das gespart wird», sagt Milke.
Genau so erlebt es Anja. Die 25-Jährige aus dem Kanton Schwyz fährt erst seit rund einem Jahr Töff. Der Wunsch danach begleitete sie aber schon viel länger.
«Für mich war es schon als Kind immer ein Traum, einmal Töff zu fahren. Letztes Jahr habe ich mir diesen Traum erfüllt», erzählt sie. Warum sie heute so gerne fährt, beschreibt sie sehr emotional: «Für mich ist es wie eine Therapie. Auf dem Töff kann ich meine Probleme einmal vergessen und einfach fahren.»
Manchmal suche sie sich unterwegs spontan ein schönes Plätzchen und geniesse dort Natur und Aussicht. «Es ist ein ganz anderes Gefühl. Man spürt das Wetter, die Freiheit und das Adrenalin ganz anders als zum Beispiel beim Autofahren.»
Ein Zitat, das sie einmal gelesen habe, bringe dieses Gefühl für sie perfekt auf den Punkt: «Motorradfahren ist mehr als Leidenschaft – es ist Freiheit auf zwei Rädern und manchmal die beste Therapie für die Seele.»
«Nicht einfach nach dem Aussehen kaufen»
Anja entschied sich als erstes Motorrad für eine Kawasaki Z650. «Das ist ein super Einstiegstöff. Sie gehört zu den Naked Bikes und ist vom Handling her sehr gut.»
Ihr Rat an Einsteigerinnen lautet: «Man sollte die richtige Maschine auswählen – also etwas, das zur eigenen Grösse und zum Fahrstil passt – und nicht einfach einen Töff nach dem Aussehen kaufen.»
Ihren Tiktok-Account betreibt Anja mit einem klaren Ziel: «Ich will andere Frauen dazu ermutigen, Töff zu fahren. Und natürlich auch zeigen, wie schön es ist.»
Dabei zeigt sie nicht nur die Hochglanzseite des Hobbys. Als ihr einmal der Töff abstellte oder sie beim Rückwärtsparkieren leicht an eine Wand kam, folgten online prompt Kommentare wie «typisch Frau». Anja relativiert aber: «Im echten Leben habe ich selbst noch nie Vorurteile zu spüren bekommen.» Die Töff-Community erlebe sie vielmehr als sehr offen. Besonders Frauengruppen seien inzwischen verbreitet: «Frauen gehen zusammen fahren und können sich so connecten.»
Adrenalin und trotzdem Ruhe
Auch für Kizy aus Wohlen AG ist der Töff weit mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Die 21-Jährige beschreibt sich als jemanden, der Adrenalin braucht, aber gleichzeitig auch Ruhe sucht.
Beides findet sie auf dem Motorrad. «Als ich zum ersten Mal auf einen Töff gestiegen bin, habe ich dieses Adrenalin und diese Freude gespürt. Das kann man jemandem, der noch nie auf einem Töff war, fast nicht beschreiben.»
Besonders fasziniert sie die Konzentration, die das Fahren verlangt. «Beim Kurvenfahren muss ich mich fokussieren: Wie fahre ich in die Kurve hinein, was passiert rundherum?»
Darin liegt für sie auch der Reiz. «Töfffahren ist eigentlich etwas sehr Gefährliches. Trotzdem ist es mein Safe Place, weil ich alles unter Kontrolle habe.»
Bei der Kawasaki hat es sofort gepasst
Heute fährt Kizy eine Kawasaki ZX-4RR des Modelljahres 2026. Zuvor sass sie unter anderem auf einer Yamaha R7 – doch dort fehlte ihr etwas. «Ich habe gemerkt: Es ist einfach nicht mein Töff», sagt sie. Dann stiess sie auf die Kawasaki. «Ich habe die ZX-4RR gesehen, zuerst den Sound gehört und mich dann verliebt.» Spätestens bei der ersten Fahrt war für sie die Sache klar. «Wow. Es war, als wäre der Töff für mich gemacht.» Auch Kizy betont, wie wichtig die richtige Maschine ist: «Man fährt besser mit dem Töff, der auch zu einem passt.»
Moderne Töffs machen den Einstieg einfacher
Dass heute mehr Frauen den Schritt auf zwei Räder wagen, liegt laut Paulina Milke aber nicht nur an Social Media und neuen Vorbildern. Auch ganz praktische Hürden seien kleiner geworden.
«Moderne Maschinen sind leichter, besser ausbalanciert und einfacher zu handhaben, mit einer breiteren Auswahl an Modellen und Sitzhöhen – der Einstieg ist damit insgesamt zugänglicher geworden.»
Auch bei der Motorradbekleidung habe sich viel getan. «Während Frauen früher oft auf zu grosse Männer-Schutzkleidung ausweichen mussten, gibt es heute eine breitere Auswahl an passender Motorradbekleidung.»
Zudem gebe es vermehrt Women-only-Kurse. Und auch innerhalb des Verbands erhalten Frauen mehr Raum. Die neu gegründete Swiss Moto Women Kommission soll Frauen im gesamten Motorradbereich fördern und sichtbarer machen – vom Sport über Touring und Freizeitfahren bis zu Neu- und Wiedereinsteigerinnen.
«Genauso wichtig ist uns als Verband, Frauen stärker in Führungs- und Entscheidungsgremien einzubinden», sagt Milke. Weibliche Vorbilder und Frauen in verantwortungsvollen Funktionen seien für Swiss Moto wichtige Elemente einer nachhaltigen Entwicklung der gesamten Motorrad-Community.
«Frauen können nur geradeaus fahren»
Ganz verschwunden sind alte Klischees trotzdem nicht. Kizy hört etwa immer wieder Sprüche, wonach «Frauen nur geradeaus fahren können» oder sich einen Töff mit mehr Hubraum nur kaufen würden, um anzugeben.
«Ich finde das schade, weil man damit auch Frauen das Selbstvertrauen nimmt, die eigentlich etwas auf dem Töff können», sagt sie.
Zu viel Energie will sie solchen Kommentaren aber nicht schenken. «Vorurteile gibt es nicht nur in der Bikerszene, sondern auch im Leben. Das kann man nicht einfach wegschaffen.»
Ihre Botschaft an andere Fahrerinnen ist deshalb klar: «Egal, was gesagt wird: Dein Töff ist dein Safe Place. Man sollte gar nicht hinhören und sein Hobby geniessen.»

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