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Verkehr •
1300-Franken-Schwindel

Mein Chat mit einem Betrüger: Die miese Masche mit dem Fake-Führerschein

Ein offizieller Führerschein ohne Theorieprüfung? Ein verlockendes Angebot, das derzeit per E-Mail die Runde macht und ein vermeintlich echtes Billet verspricht. STREETLIFE-Redakteurin Swenja Willms ist in den Dialog mit den Phishing-Betrügern getreten.

«Guten Morgen! In Zusammenarbeit mit der kantonalen Kfz-Zulassungsbehörde unterstützen wir Bürger beim Erhalt ihres gültigen Führerscheins. Ohne Prüfung, in kürzester Zeit.»

Diese E-Mail landete vor wenigen Tagen in meinem Postfach. Ja, der Weg zum Führerschein ist in der Schweiz steinig und teuer. Das Angebot, den Prozess abzukürzen, dürfte also für so manchen verlockend klingen. Aber als Millennial bin ich mit dem Internet aufgewachsen, und als Redakteurin einer Mobilitätsplattform gehört die Skepsis gegenüber solchen «Spezialangeboten» zu meinem Berufsalltag. Schon beim Lesen der ersten Zeilen schrillen die Alarmglocken: Begriffe wie «Kfz-Zulassungsbehörde» oder der im späteren Verlauf auftauchende «Automobildienst» existieren im Schweizer Behördenjargon schlicht nicht – gemeint ist natürlich das Strassenverkehrsamt. Aber ich bin neugierig, mehr über den Weg zum schnellen Führerschein zu erfahren. Ich antworte auf die Mail…

Die 1300-Franken-Offerte

Das Perfide an der ersten Nachricht ist die Unaufdringlichkeit: Kein dubioser Link, kein Anhang und keine sofortige Geldforderung. Der Absender lädt lediglich zu einem Dialog ein.

Ich wolle mehr Informationen über den Erhalt des Führerscheins erfahren, schreibe ich. Die Antwort folgt prompt: «Um Ihnen korrekte Informationen zukommen zu lassen, teilen Sie uns bitte mit, in welchem Schweizer Kanton Sie wohnen. Formulare und Gebühren können je nach kantonaler Behörde leicht variieren.» Ich gebe vor, im Kanton Zürich zu leben. Der Absender rechnet mir ein entsprechendes Angebot vor: 1300 Franken für Verwaltungskosten beim Strassenverkehrsamt ZH, Pflichtkurse und sogar «Auffrischungstrainings nach dem Erwerb des Führerausweises». Der definitive Führerschein im Kreditkartenformat werde vom Automobildienst des Kantons Zürich innerhalb von 2 bis 5 Werktagen ausgestellt und per Post zu mir nach Hause geschickt. 

Psychotricks und Schweizer Konten

Ich stelle weitere Fragen: Wie kann ein Führerausweis ohne den obligatorischen Besuch beim Strassenverkehrsamt ausgestellt werden? Braucht es keine Prüfung?

Anstatt direkt auf die rechtliche Unmöglichkeit einzugehen, wird der Ball zurückgespielt. Man fragt nach meinem Alter und meinen Fahrkünsten. Dann folgt die psychologische Manipulation: Man könne den Ausweis ohne Theorieprüfung beantragen. Zwar könne man mich für die Prüfung anmelden, aber man warnte mich sogleich «dass die Bestehensquote niedrig ist.»

Mitnichten! Gemäss aktuellen Zahlen der Vereinigung der Strassenverkehrsämter liegt die generelle Erfolgsquote bei den theoretischen Prüfungen im Durchschnitt grob zwischen 70 und 80 Prozent. Aber indem Betrüger die offizielle Prüfung als fast unmöglich darstellten, versuchen sie, mich durch Verunsicherung zur vermeintlich sicheren, illegalen Abkürzung zu drängen.

Ich spiele das Spiel weiter und frage, wie die Zahlung der 1300 Franken ablaufen soll und welche Daten Sie von mir für die Bearbeitung des Antrags benötigen. Erst jetzt – nach neun Mails – fordert der Betrüger sensible Dokumente: ein Foto meines Personalausweises oder Reisepass. Klarer Fall von Identitätsdiebstahl. Die 1300 Franken sollen an ein Schweizer Postkonto überwiesen werden, lautend auf eine «NAF BIANCA». Ein Schweizer Konto suggeriert dabei zusätzliche Seriosität, doch oft stecken dahinter sogenannte «Money Mules», also Personen, die ihr Konto für Kriminelle zur Verfügung stellen, damit die Spur des Geldes im Sand verläuft.

Die Polizei warnt: Es geht nicht nur um Geld

Ich habe den Kontakt zu den Hintermännern abgebrochen, bevor es ernst wurde und den Fall Florian Frei von der Kantonspolizei Zürich vorgelegt, die auch die Seite cybercrimepolice.ch betreuen. Solche dubiosen und betrügerischen Angebote von angeblich echten Dokumenten sind der Polizei bekannt und werden häufig in sozialen Netzwerken, Messangerdiensten oder auch per E-Mail verbreitet.

Freis Einschätzung ist deutlich: «Wir gehen davon aus, dass die Absender zwei Ziele verfolgen. Zum einen handelt es sich um Betrug um 1300 Franken für ein Dokument, das nie zugestellt wird. Zum anderen geht es um ein Abfischen von persönlichen Daten, die dann im Rahmen weiterer Delikte eingesetzt werden, zum Beispiel bei Kontoeröffnungen oder die Täuschung weiterer Opfer bei Onlineverkäufen.»

Die Parkbussen per SMS

Während ich noch mit dem Führerschein-Betrüger tippte, vibrierte das Handy eines STREETLIFE-Kollegen. Die Nachricht, die er erhielt, ist ein Paradebeispiel für modernes Smishing (SMS-Phishing). Sie warnt vor einem vermeintlich offenen Restbetrag von lediglich 4,00 Schweizer Franken für einen Parkvorgang.

Sofort wird massiver Druck aufgebaut. Wer die 4 Franken nicht bis 23:59 Uhr bezahlt, dem drohen «Säumniszuschläge in Höhe von bis zu 100 Schweizer Franken». Eine fiktive Referenznummer (CH-SAL-075394) und ein präziser Zeitpunkt des Parkvorgangs suggerieren behördliche Genauigkeit.  

High-Tech-Betrug: Der SMS-Blaster

Wie landen diese Nachrichten eigentlich auf unseren Handys, oft sogar ohne Absendernummer? Hier kommt moderne Technik zum Einsatz: sogenannte SMS-Blaster.

Wie ein aktueller Beitrag des SRF zeigt, handelt es sich dabei um mobile Geräte – oft IMSI-Catcher genannt –, die eine Mobilfunkantenne simulieren. Alle Handys in der näheren Umgebung loggen sich kurzzeitig in diese gefälschte Antenne ein. Die Betrüger können so tausende SMS direkt an die Geräte senden, ohne das offizielle Netz der Provider zu nutzen. Das macht es für Sicherheitsbehörden extrem schwierig, die Nachrichten im Vorfeld zu blockieren.

Wir haben bei verschiedenen Kantonspolizeistationen nachgefragt, wie sie die aktuelle Lage solcher Spam-SMS einschätzen. Unser spezifisches Beispiel ist gemäss Rückmeldung im Kanton Luzern noch nicht aufgetreten. In der Vergangenheit wurden allerdings bereits mehrfach ähnlich gelagerte Betrugsversuche festgestellt.

Die Kantonspolizei Bern gibt Entwarnung bezüglich einer massiven Welle, bestätigt aber: «Phishing-Nachrichten treten immer wieder in unterschiedlichen Formen auf. Das Ziel ist immer dasselbe: Die Opfer auf gefälschte Webseiten zu locken, um sensible Finanzdaten abzugreifen.»

Die Kantonspolizei Bern mahnt deshalb zur Vorsicht: «Persönliche Daten sowie Kreditkarten- oder Bankdaten sollten niemals über Links in unerwarteten SMS oder E-Mails eingegeben werden.» Wurden bereits Daten eingegeben oder Zahlungen ausgelöst, sollten Betroffene umgehend ihre Bank oder das Kreditkarteninstitut kontaktieren und gegebenenfalls Anzeige bei der Polizei erstatten.

Die Tricks der Betrüger: Druck und Angst

Laut der Kantonspolizei Basel-Landschaft ist das wichtigste Merkmal dieser Nachrichten der künstlich erzeugte Druck. Werden Sie mit Konsequenzen wie Geldverlust, Strafanzeigen oder Kontosperrungen bedroht, sollten sofort alle Alarmglocken schrillen.

Der Experten-Rat der Polizei: «Seien Sie skeptisch bei SMS/E-Mails, die eine Aktion von Ihnen verlangen. Nutzen Sie niemals die Kontaktlinks aus der Nachricht und suchen Sie die offizielle Webseite der Behörde manuell im Browser und fragen Sie dort nach», erklärt Adrian Gaugler von der Polizei Basel-Landschaft.

Checkliste mit der LINDA-Methode

Polizei und Sicherheitsexperten empfehlen bei Verdacht auf Betrugsmaschen die LINDA-Methode. Dabei sollte jede verdächtige Nachricht nach diesen fünf Punkten durchgegangen werden:

  • L – Links und Anhängen misstrauen: Klicken Sie niemals auf Links oder Anhänge von Ihnen unbekannten Absendern oder mit einer dubiosen Verlinkung.

  • I – Inhalte kritisch prüfen: Kann das wirklich stimmen, was da geschrieben steht? Ein Führerschein ohne Prüfung ist in der Schweiz schlicht unmöglich.

  • N – Neutrale Anreden: Behörden oder Firmen, bei denen Sie ein Konto haben, sprechen Sie in der Regel direkt und persönlich mit Namen an, nicht mit einem anonymen „Guten Morgen“.

  • D – Dringlichkeit hinterfragen: Kann der Inhalt wirklich so dringend sein, dass er innerhalb weniger Stunden erledigt sein muss? Zeitdruck ist das Hauptwerkzeug von Betrügern.

  • A – Absender überprüfen: Schauen Sie sich die E-Mail-Adresse oder die Nummer genau an. Stammt sie wirklich von der angeblichen Firma oder Behörde?

Mein kleines Experiment mit dem vermeintlich echten Führerschein endete mit einem klaren Schnitt: Ich habe den Kontakt abgebrochen, noch bevor sensible Daten flossen. Seither herrscht Funkstille; weitere Nachrichten oder Einschüchterungsversuche des Absenders blieben aus. Den gesamten Fall habe ich dem Nationalen Zentrum für Cybersicherheit NCSC gemeldet, damit die Spur der Schweizer IBAN verfolgt werden kann.

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