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«Im Ernstfall ist die Schweizer Armee nicht einsatzfähig»
SVP-Nationalrat Alois Huber warnt vor gravierenden Mängeln bei der Schweizer Armee: In Logistikzentren stünden zahlreiche Fahrzeuge defekt herum. Besonders stört ihn ein Systemfehler bei den Fachkräften – mit direkten Folgen für die Einsatzbereitschaft.
Herr Huber, Sie haben in Ihrer Frage an den Bundesrat den Zustand der Armeefahrzeuge im Schweizer Militär scharf kritisiert. Wie sind Sie überhaupt darauf aufmerksam geworden?
Ich wohne in der Nähe von Othmarsingen und konnte aus Zufall beim dortigen Logistikzentrum reinschauen. Dabei sind mir beschädigte Fahrzeuge aufgefallen. Ich habe nachgefragt, weiter recherchiert – und gemerkt, dass das Problem bei allen fünf Schweizer Logistikzentren offenbar systematischer Natur ist. Ein Punkt ist mir dabei besonders aufgefallen: Die Armee bildet viele junge Fachkräfte aus, lässt sie nach der Lehre aber gehen. Genau diese Leute fehlen dann später bei Wartung und Reparatur. Die fehlenden Fachkräfte wurden in der Antwort vom Bundesrat denn auch als Hauptargument für das Problem angegeben.
Sehen auch Sie darin den zentralen Grund für das Problem?
Ja, absolut. Diese Leute sind gut ausgebildet und in der Privatwirtschaft sehr gefragt. Aber die Armee darf sie nicht behalten. Das ist aus meiner Sicht ein grosser Fehler. Genau diese Fachkräfte bräuchte man, um die Fahrzeuge instand zu halten – vor allem bei grösseren Schäden.
Wie schlimm ist die Situation konkret?
Ich habe in Othmarsingen selbst gezählt und kam auf 35 bis 45 Prozent der Fahrzeuge, die nicht oder nur eingeschränkt einsatzfähig sind. Das ist massiv. Teilweise brauchen sie stundenlange Reparaturen, bevor sie überhaupt fahrbereit sind. Wir sprechen hier von grossen Lastwagen, Jeeps und Motorrädern. Und dass auch unsere Panzer in einem schlechten Zustand sind, hat der Bundesrat kürzlich ja sogar selber zugeben müssen.
Was sind die Hauptgründe für diesen Zustand?
Vor allem mangelnder Unterhalt. Services werden nicht konsequent gemacht, deshalb sind sogar sicherheitsrelevante Teile wie Bremsen oder Differentialgetriebe betroffen. Dazu kommen Schäden aus dem Gelände oder Unfälle, beispielsweise am Chassis. Dazu stehen viele Fahrzeuge auch zu lange ungenutzt herum, was ihre Einsatzfähigkeit auch nicht verbessert.
Ist die Schweizer Armee so überhaupt einsatzfähig?
Das ist der entscheidende Punkt. Wenn heute ein Einsatz ansteht, müssen zuerst funktionierende Fahrzeuge zusammengesucht werden. Das ist kein Witz – die Soldaten müssen zuerst ein Fahrzeug finden, das einsatzfähig ist. Das kostet Zeit – und Zeit ist im Ernstfall entscheidend. Man muss es so deutlich sagen: Wenn ein grosser Teil des Fuhrparks nicht bereit ist, ist die Armee nur bedingt einsatzfähig, respektive: nur bedingt leistungsfähig. Deshalb bin ich der Meinung, dass der Bundesrat hier dringend handeln muss.
Sie sprechen von einem Einsatz im Ernstfall – was meinen Sie konkret?
In erster Linie denke ich an grosse Naturkatastrophen. Überschwemmungen, Erdrutsche oder zerstörte Infrastruktur – solche Ereignisse nehmen zu, wir haben es in den letzten Monaten leider immer wieder erlebt. Dann braucht es schnell viele funktionierende Fahrzeuge, um Material zu transportieren oder Strassen freizuräumen. Wenn diese fehlen, wird es kritisch.
Könnte die Armee in so einer Lage an ihre Grenzen kommen?
Das Risiko besteht. Wenn ganze Regionen betroffen sind, reichen die einsatzfähigen Fahrzeuge möglicherweise nicht. Im Extremfall müsste man sogar private Fahrzeuge beschlagnahmen. Das ist eine reale Möglichkeit in ausserordentlichen Situationen.
Naturkatastrophen sind das eine – die aktuelle globale Konfliktlage das andere. Wie sieht es Ihrer Meinung nach mit militärischen Szenarien aus?
Ich will nicht schwarzmalen. Ich glaube nicht, dass morgen ein Krieg ausbricht, der die Schweiz direkt betrifft. Aber die Weltlage hat sich verändert. Man kann solche Szenarien nicht einfach ausblenden. Gerade moderne Konflikte zeigen, wie wichtig eine funktionierende Logistik ist. Ohne Fahrzeuge ist man aufgeschmissen.
Waren wir zu lange zu blauäugig?
Tatsächlich denke ich, dass man lange zu sorglos war. Es lief alles gut, also hat man gewisse Probleme nicht ernst genug genommen. Jetzt merken wir, dass sich sowohl die Naturgefahren als auch die geopolitische Lage verändern. Und genau dann braucht es eine funktionierende Basis.
Was muss jetzt konkret passieren?
Der wichtigste Hebel ist für mich klar: Man muss die eigenen Fachkräfte behalten. Es kann nicht sein, dass man junge Leute ausbildet und sie dann gehen lässt. Wenn man ihnen ermöglicht, noch ein paar Jahre zu bleiben, hätte man sofort mehr Kapazitäten für Wartung und Reparaturen. Zusätzlich braucht es generell mehr Personal im Unterhalt und klare Prioritäten bei der Einsatzbereitschaft. Fahrzeuge müssen regelmässig gewartet werden. Wenn die Armee Fahrzeuge besitzt, müssen diese auch funktionieren.
Was planen Sie politisch?
Die Antwort des Bundesrats auf meine Frage ist für mich nicht zufriedenstellend. Deshalb plane ich, spätestens auf die kommende Sommersession eine Interpellation einzureichen. Mir geht es dabei nicht um die Schlagzeilen oder die grosse Aufregung – ich möchte einfach, dass sich die Situation bald verbessert.

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