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Polizei-Recherche zeigt

Für Likes aufs Gas: Auch Schweizer Polizei kennt gefährlichen Trend

Rasen, driften, riskant überholen – und das Ganze fürs Publikum auf Social Media filmen. Nach zwei schweren Unfällen mit insgesamt zwölf Toten wird in England und Irland über sogenannte Joyrides diskutiert. Auch Schweizer Polizeikorps kennen solche Fälle – und nicht wenige sehen Social Media als gefährlichen Verstärker.

Ein paar Sekunden Video, möglichst spektakulär, möglichst nah am Limit. Was früher vielleicht im Freundeskreis erzählt wurde, landet heute auf TikTok, Instagram oder Snapchat. Junge Lenker filmen sich bei stark überhöhter Geschwindigkeit, beim Driften oder bei riskanten Überholmanövern – und stellen die Aufnahmen anschliessend online.

Wie gefährlich solche Inszenierungen werden können, zeigen zwei aktuelle Fälle aus England und Irland. Auf der A66 bei Middlesbrough kamen sieben Menschen ums Leben, darunter fünf junge Männer und zwei Polizisten. Eine Woche zuvor starben auf der irischen M9 fünf Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Nach beiden Unfällen ist eine heftige Debatte über gefährliche Fahrvideos auf TikTok und anderen Plattformen entbrannt. Beim britischen Crash ist bislang nicht nachgewiesen, dass die Todesfahrt selbst für Social Media gefilmt wurde. Mehrere Beteiligte waren jedoch bereits zuvor durch riskante Fahrvideos im Netz aufgefallen.

Die Frage liegt deshalb nahe: Gibt es dieses Phänomen auch in der Schweiz?

Raserdelikte landen auch hier im Netz

Die Antwort mehrerer Kantonspolizeien ist klar: Ja, gefährliche Fahrmanöver werden auch hier gefilmt und online gestellt.

Die Kantonspolizei Bern etwa kennt das Vorgehen und verweist auf einen aktuellen Fall aus dem Berner Seeland. Dort wurden Raserdelikte auf Social Media geteilt, der mutmassliche Lenker zeigte sich später geständig.

Auch die Kantonspolizei Zürich ermittelt in solchen Fällen und verweist auf schwere Verkehrsdelikte vom Mai dieses Jahres. In Luzern wurden ebenfalls schon Videos von Raserdelikten sichergestellt und ausgewertet. Die Erkenntnisse daraus flossen teilweise in Strafverfahren ein oder führten zu Anzeigen, sagt Urs Wigger, Chef Mediendienst der Luzerner Polizei.

In Basel-Stadt kennt die Polizei einzelne Fälle, bei denen verbotenes oder gefährliches Fahrverhalten für Social Media dokumentiert oder gefilmt wurde; ein grossflächiges Phänomen sei bislang aber nicht festzustellen, sagt Rooven Brucker, Mediensprecher der Kantonspolizei Basel-Stadt.

Solothurn kennt ebenfalls entsprechende Fälle. Dort sei etwa ein Lenker aufgefallen, «der sich während der Fahrt selbst filmt, während er massiv überhöhte Geschwindigkeiten fährt und die Aufnahmen anschliessend eigenständig in sozialen Medien veröffentlicht», sagt Thomas Salzmann, Sachbearbeiter Kommunikation und Medien bei der Polizei Kanton Solothurn.

«Vor allem junge Männer wollen posen»

Besonders deutlich äussert sich die Kantonspolizei St. Gallen. Fälle mit gefährlichen Überholmanövern oder stark überhöhter Geschwindigkeit gebe es auch dort. Und die Polizei sieht zumindest eine Tendenz: «Durch die vermehrte Nutzung der sozialen Medien ist auch die Anzahl solcher Delikte mit Einbezug der sozialen Medien tendenziell gestiegen.»

Dabei spiele Selbstdarstellung durchaus eine Rolle. «Es kommt leider immer wieder vor, dass vor allem junge Personen – und insbesondere junge Männer – mit ihren Manövern und ihrem Fahrverhalten posen oder auf den sozialen Medien angeben wollen», teilt die Kantonspolizei St. Gallen auf Anfrage von STREETLIFE mit.

Ähnlich klingt es im Aargau. Gefährliche und illegale Fahrmanöver würden «seit geraumer Zeit» auf sozialen Medien veröffentlicht, sagt Dominic Zimmerli, Dienstchef Kommunikation der Kantonspolizei Aargau. Die Polizeikorps stünden deshalb schweizweit im Austausch, um Beschuldigte und Tatorte zu ermitteln. Auffällig sei unter anderem die Motorrad-Szene, in der ebenfalls «bedenkliches Bildmaterial» veröffentlicht werde.

Raserfälle nehmen generell zu

Dass riskantes Fahren in der Schweiz kein Randphänomen ist, zeigen auch aktuelle Zahlen. Laut einer Auswertung von RTS, über die 20 Minuten berichtet, haben Fälle rücksichtslosen Fahrens in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

In der Westschweiz stieg die Zahl von 166 Fällen im Jahr 2021 auf 326 im Jahr 2025 – fast eine Verdoppelung. Im Kanton Zürich nahm sie im gleichen Zeitraum von 141 auf 230 Fälle zu, ein Plus von 63 Prozent.

Diese Zahlen zeigen allerdings die Entwicklung der Raserdelikte insgesamt. Ob Social Media dabei eine treibende Rolle spielt, wird nicht separat erfasst.

Ein besonders drastischer Fall ereignete sich bereits 2022 auf der A1 zwischen Avenches und Payerne. Ein junger Mann fuhr mit mehr als 300 km/h über die Autobahn – und filmte sich dabei. Er wurde später zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.

Likes als zusätzlicher Anreiz

Mehrere Polizeikorps sehen Social Media nicht nur als Bühne, sondern auch als möglichen Verstärker für riskantes Fahrverhalten.

Besonders deutlich formuliert es Dominic Zimmerli von der Kantonspolizei Aargau: TikTok, Instagram und ähnliche Plattformen hätten «einen erheblichen Einfluss auf diese Delikte». Die Ersteller erhielten dort Aufmerksamkeit und Zuspruch für riskante Fahrmanöver. Die Gefahr werde dabei oft unterschätzt.

Auch Thomas Salzmann von der Polizei Kanton Solothurn berichtet, dass bei einzelnen bekannten Fällen «teilweise das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit beziehungsweise die Nachahmung von Szenen aus Filmen oder ähnlichen medialen Inhalten im Vordergrund» gestanden habe. Meist seien jüngere Fahrzeuglenker betroffen gewesen.

Die Kantonspolizei Schwyz sieht ebenfalls einen möglichen Verstärker. Die Aussicht auf Aufmerksamkeit und Reaktionen könne «einen zusätzlichen Anreiz darstellen, Fahrmanöver entsprechend zu inszenieren», sagt Roman Gisler, Chef Kommunikation der Kantonspolizei Schwyz.

Wie gross dieser Einfluss insgesamt ist, lässt sich allerdings nicht beziffern. Die meisten Polizeikorps erfassen Social-Media-Bezüge bei Verkehrsdelikten nicht separat. Auch Uri führt dazu keine eigene Statistik und kann deshalb weder eine Zu- noch eine Abnahme feststellen, sagt Mario Kiefer von der Kantonspolizei Uri.

Kein Schweizer Geisterfahrer-Trend

Entwarnung gibt es trotzdem an einem wichtigen Punkt. Für gezielte Falschfahrten auf Autobahnen oder andere extreme Manöver wie in England und Irland gibt es derzeit keine Hinweise auf einen vergleichbaren Schweizer Trend.

St. Gallen kennt keine entsprechenden Fälle im Zusammenhang mit Geisterfahrern. Luzern kann keine Manöver feststellen, die eindeutig dem aktuellen britisch-irischen Phänomen zugeordnet werden können. Auch im Aargau seien bewusstes Fahren auf der Gegenfahrbahn oder absichtliche Falschfahrten auf Autobahnen «nach wie vor eine Seltenheit beziehungsweise uns so nicht bekannt».

Das Problem beginnt also eine Stufe früher: bei Tempo, Drifts, Rennen und riskanten Überholmanövern, die für ein paar Sekunden Aufmerksamkeit gefilmt werden. Und genau diese Videos können am Ende nicht nur Likes bringen – sondern auch ein Strafverfahren.

Was ist ein Joyride?

Der englische Begriff «Joyride» bezeichnet ursprünglich eine Fahrt, die vor allem zum Spass oder Nervenkitzel unternommen wird – teilweise auch mit einem ohne Erlaubnis benutzten oder gestohlenen Fahrzeug.

Im aktuellen Zusammenhang wird der Begriff für besonders riskante Fahrten verwendet, bei denen sich meist junge Fahrer filmen und die Aufnahmen anschliessend auf Social Media verbreiten. Dazu gehören etwa extremes Tempo, Drifts, illegale Rennen, gefährliche Überholmanöver oder – in besonders drastischen Fällen – Fahrten auf der falschen Strassenseite.

Der Reiz besteht nicht nur im Fahrmanöver selbst: Aufmerksamkeit, Likes und Anerkennung in sozialen Netzwerken können Teil der Inszenierung sein.

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