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So spotten Schweizer über Kantons-Kennzeichen
Schweizer Nummernschilder verraten im Volksmund weit mehr als nur die Herkunft. Aus AG wird «Achtung Gefahr», aus ZH «Zwenig Hirni» und aus BE «Bruucht Ewig». Dahinter stecken alte Kantonsklischees, Rivalitäten – und ziemlich viel Schweizer Strassenspott.
Genau so funktionieren viele Schweizer Kantonsklischees. Zwei Buchstaben reichen, und im Kopf entsteht ein ganzes Bild. Der Berner? Braucht ewig. Der Zürcher? Hat «zwenig Hirni». Der Zuger? «Zviel Gäld». Der Bündner? Natürlich ein «Gebirgsraser».
Diese Sprüche sind meist älter als Social Media und lassen sich selten auf einen eindeutigen Ursprung zurückführen. Trotzdem halten sie sich hartnäckig. Denn sie docken an etwas an, das die Schweiz besonders gut kennt: den Kantönligeist. Jeder Kanton hat sein Image. Bern steht für Gemütlichkeit, Zürich für Tempo und Selbstbewusstsein, Zug für Geld und tiefe Steuern, Graubünden für Berge und Pässe. Das Nummernschild macht daraus eine praktische Kurzform. Zwei Buchstaben, ein Vorurteil, fertig.
Manche Spitznamen haben deshalb erstaunlich viel mit dem tatsächlichen Image eines Kantons zu tun. Andere sind bloss möglichst böse Wortspiele. Und bei einigen muss man schon ziemlich kreativ sein, um überhaupt einen Zusammenhang zu finden. Zeit also, die Kantone einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Norden der Schweiz
SH – Schaffhausen: «Schafshirni»
Den Schaffhausern wird nachgesagt, dass sie unachtsame, langsame und vor allem rücksichtslose Automobilisten sind. So wird das Kantonskürzel gleich mit zwei unschönen Spitznamen in Verbindung gebracht – «Schafshirni» und «Sauhund». Ableiten lässt sich der erste Spitzname wohl vom Schaffhauser Wappentier, einem Schafsbock. Generell wird Schafen nachgesagt, dass sie eher unachtsam und langsam sind. Ob die Assoziation daherkommt, lässt sich allerdings nicht belegen. Was den zweiten Spitznamen angeht: Da wollte man wohl einfach fies sein.
BL – Baselland: «Blöde Löu»
Auch die Baselbieter kriegen in dieser Aufzählung ihr Fett weg. Ihnen wird etwa vorgeworfen, dass sie eher ländlich, rasant oder stur Autofahren. Zudem gibt es das urbane Klischee, dass Baselbieter im Stadtverkehr von Basel-Stadt entweder überfordert sind oder die Parkplätze besetzen. Das Fahrverhalten auf den Landstrassen sei zudem auch immer wieder Thema. Damit entstand irgendwann aus dem Kantonskürzel BL «Blöde Löu». Warum dafür ein berndeutsches Wort verwendet wird? Nun: Die Berner haben damit nichts zu tun. Das Wort «Löu» wurde lediglich zweckentfremdet, weil es einfach perfekt zum L im Kürzel passt und schweizweit bekannt ist.
BS – Basel-Stadt: «Besonders Schlimm»
Direkt im Nachbarkanton geht der Spott munter weiter, und die Baselstädter kriegen davon jede Menge ab. Im Strassenverkehr wird ihnen Hektik, Überforderung und Aufbrausen nachgesagt. Das Kürzel «BS» wird daher gerne mit «Besonders Schlimm» übersetzt. Die Baselstädter haben aber auch weitere Spitznamen, die sogar in der Geschichte zurückgehen. So etwa der Spitzname «Bettelsack». Nach der Kantonstrennung von 1833 galt die Stadt zwar als reich, aber im Volksmund spottete man gerne darüber, dass die Stadtbewohner wegen ihres kleinen Kantonsgebiets bald am «Bettelsack» nagen würden.
Nordostschweiz
TG – Thurgau: «Todesgefahr»
Thurgauer sind dafür bekannt, eher gemütliche und unaufgeregte Verkehrsteilnehmende zu sein. Dass ausgerechnet für sie der Spitzname «Todesgefahr» gefunden wurde, ist für einen Kanton, der vor allem für Äpfel und weitläufige Landschaften bekannt ist, doch sehr düster. Aber: Sind Thurgauer auf schnellen Autobahnen rund um Zürich oder in engen Stadtgebieten unterwegs, kann ihr Fahrstil für die hektischen Städter oft als zu langsam oder unentschlossen wirken. In der Folge kann dies zu gefährlichen Situationen führen – eben: «Todesgefahr».
AI – Appenzell Innerrhoden: «Achtung Idioten»
Bei AI wird aus dem Nummernschild gleich eine Warnung: «Achtung Idioten» oder «Alles Idioten». Der Spitzname wird oft mit Touristen in Verbindung gebracht, die meist mit Mietautos samt AI-Schildern unterwegs sind. Da die Feriengäste mit unseren Strassen und Geschwindigkeiten oft überfordert sind, fallen die Reaktionen entsprechend negativ aus.
AR – Appenzell Ausserrhoden: «Alpstein-Raser»
Wer im Appenzellerland Auto fährt, ist oft auf engen, kurvigen und steilen Strassen unterwegs. Die Einheimischen kennen jede Kurve in- und auswendig und fahren die Strecken deshalb meistens zügig und dynamisch. Autofahrer aus flacheren Kantonen wie zum Beispiel aus Zürich oder dem Thurgau sind mit diesen Bergstrassen oft überfordert und fahren darum deutlich vorsichtiger. Aus Sicht der auswärtigen Fahrer wirken die zügig vorbeiziehenden Appenzeller deshalb wie «Alpen-Raser», die über die Alpenpässe an ihnen vorbei jagen.
SG – St. Gallen: «Saugoofe»
Frech, ungeduldig oder unberechenbar: Mit diesen Adjektiven werden St. Galler Autofahrende gern beschrieben. Sie gelten im Vorurteil der Nachbarkantone manchmal auch als Hitzköpfe, die sich im Verkehr nicht immer an die feine englische Art halten. Wenig überraschend also, dass die Thurgauer und die beiden Appenzell ihnen den Spitznamen «Saugoofe» gaben. Neben den «Saugoofen» kursieren in der Ostschweiz noch andere, eher derbe Varianten für das Kürzel SG, wie zum Beispiel «Sauf-Gnossenschaft» oder «Sicher Gstört».
GL – Glarus: «Gottes Lieblinge»
Dieser Spitzname hat immerhin einen realen und historischen Aufhänger: Das Glarner Kantonswappen zeigt als einziges Schweizer Kantonswappen einen Menschen – den heiligen Fridolin. Er gilt als Schutzpatron des Kantons und bewacht damit das Glarner Kennzeichen.
Zürich und Umgebung
ZH – Zürich: «Zwenig Hirni»
Bei Zürich wird es persönlich: «ZH» steht im Spott für «Zwenig Hirni». Der Kanton ist mit rund 1,6 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste der Schweiz. Entsprechend viel Verkehr gibt es – und damit auch reichlich Gelegenheit für gegenseitiges Kopfschütteln, denn: Sie gelten im Strassenspott als arrogant, extrem hektisch und rücksichtslos. Zürcher Autofahrer sind den dichten, stressigen Verkehr auf der Nordumfahrung oder den mehrspurigen Autobahnen gewohnt. Wenn sie in ländlichere Kantone fahren, wird ihnen oft vorgeworfen, sie hätten keine Geduld. Im Klischee der anderen Schweizer drängeln Zürcher permanent, fahren zu dicht auf und wollen überall die Ersten sein.
AG – Aargau: «Achtung Gefahr»
Ein schwarzer SUV zieht mit 105 km/h auf die linke Autobahnspur. Hinter ihm bildet sich eine Kolonne. Irgendwann fällt der Blick auf das Heck: AG. Und schon ist das Urteil gefällt. «Typisch Aargauer.» Ob der Fahrer tatsächlich aus dem Aargau stammt, dort nur sein Auto eingelöst hat oder schlicht gerade einen Lastwagen überholt, spielt in diesem Moment keine Rolle mehr. Das Nummernschild liefert die Pointe gleich mit: AG – Achtung Gefahr.
ZG – Zug: «Zviel Gäld»
Kaum ein Spitzname greift das Image eines Kantons so direkt auf. Zug steht für tiefe Steuern, internationale Unternehmen, hohe Einkommen und Immobilienpreise, bei denen Menschen aus anderen Kantonen kurz ihre Banking-App schliessen. Im automobilen Klischee sitzt hinter einem ZG-Schild deshalb selbstverständlich jemand in einem Auto, das mindestens so viel kostet wie eine kleinere Eigentumswohnung im Mittelland.
Zentralschweiz
LU – Luzern: «Langsam unterwegs»
Luzern ist berühmt für seine chronisch überlasteten Autobahnabschnitte. Im Berufsverkehr geht es oft nur im Schneckentempo vorwärts. Der Luzerner an sich ist sich dieses Umstands gewohnt und gibt dem Verkehrsstress keine Macht. Im Gegenteil: Der Luzerner ist eher bekannt für eine etwas defensivere, korrekte und gemächliche Fahrweise. Doch nicht alle Verkehrsteilnehmenden sind von diesem Fahrverhalten begeistert. Wenn ein Luzerner auf der Autobahn strikt das Tempolimit einhält oder beim Einfädeln im Reissverschlussverfahren sehr vorsichtig agiert, wird das von ungeduldigen Autofahrernden sofort als «Schleichen» interpretiert – und der Spitzname «Langsam unterwegs» ist dafür perfekt.
SZ – Schwyz: «Sozialzürcher»
Der Kanton Schwyz gilt als extremes Steuerparadies. In den letzten Jahrzehnten sind Tausende wohlhabende Zürcher über die Kantonsgrenze nach Schwyz gezogen, um Steuern zu sparen. Sie meldeten dort ihren Wohnsitz an und bekamen prompt ein SZ-Nummernschild verpasst. Da diese Neubürger aber weiterhin in Zürich arbeiten, dort einkaufen und vor allem ihren typisch hektischen, drängelnden Zürcher Fahrstil beibehalten, spottet man in der Region: Das sind keine echten Schwyzer, das sind «Sozialzürcher», also Zürcher, die wegen der sozialen und steuerlichen Vergünstigungen umgezogen sind. Die alteingesessenen, gemütlicheren Innerschwyzer nutzen den Namen deshalb besonders gerne, um sich von den zugezogenen «Zürchern mit Schwyzer Schild» auf den eigenen Strassen abzugrenzen.
OW – Obwalden: «Ohne Waldbewilligung»
Obwalden ist ein wunderschöner, stark bewaldeter Kanton mitten in den Bergen. Das Vorurteil: Autofahrer aus den Städten wie Luzern oder Zürich behaupten scherzhaft, die Obwalder dürften eigentlich nur im eigenen Wald herumfahren. Wenn sie die Hauptstrassen oder die Autobahn benutzen, tun sie das im Klischee der anderen «ohne Waldbewilligung» – sprich: Sie wirken im dichten, modernen Verkehr angeblich etwas verloren. Manchmal wird das Kürzel auch ganz ohne böse Absicht einfach als «Ohne Witz» oder als direkte Erinnerung an den Kantonsnamen «Ob Wald» übersetzt. Der Nachbarkanton Nidwalden sieht sich mit demselben Spot konfrontiert. Dort wird das Kürzel NW für «Nur Wald» verwendet.
Mittelland und Westschweiz
BE – Bern: «Bruucht Ewig»
Für die Berner kommt das klassische Langsamkeitsklischee zum Einsatz. Aus BE wird «Bruucht Ewig». Dass Berner tatsächlich langsamer fahren, ist natürlich nicht belegt. Mit rund 6000 Quadratkilometern ist der Kanton allerdings gross und manche brauchen für die Strecken tatsächlich etwas länger. Einen ähnlichen Ruf haben auch die Solothurner. Diese tragen den Spitznamen «Schlaf Organisation».
NE – Neuenburg: «Nicht einschlafen»
Hinter dem Spruch steckt das klassische Deutschschweizer-Klischee über die Romands. Man sagt ihnen allgemein einen etwas entspannteren Lebensstil nach. Im Strassenverkehr wird das von den oft hektischen Deutschschweizern gerne als Langsamkeit ausgelegt. Wenn ein Neuenburger auf der Autobahn gemütlich auf der rechten Spur fährt, wirft man ihm scherzhaft vor, er solle am Steuer «nicht einschlafen». Ob Neuenburger tatsächlich häufiger schleichen, ist allerdings nicht belegt.
Alpen und Süden der Schweiz
GR – Graubünden: «Gebirgsraser»
Graubünden ist der grösste Bergkanton der Schweiz. Die Einheimischen haben ein gutes Image, wenn es um das Fahren auf Schnee, Eis und engen Passstrassen geht. Dort hängt ein GR-Fahrer jeden Zürcher mühelos ab. Da sie sich dementsprechend auch flink auf den Berg- und Passstrassen bewegen können, werden sie auch gerne «Gebirgsraser» genannt Das Vorurteil dreht sich um, sobald die Bündner das Rheintal verlassen und ins Flachland kommen: Auf den mehrspurigen Autobahnen rund um Zürich oder auf grossen Kreuzungen gelten sie im Klischee der Städter als unsicher oder langsam. Wenn ein Bündner stur mit 110 km/h auf der linken Spur der Autobahn bleibt, schimpfen die hinter ihm fahrenden Pendler gerne über den gemütlichen «Bergler», der die Welt nicht mehr versteht.
TI – Tessin: «Tessiner Idioten»
Zum Schluss geht es in die Südschweiz. Während man in der Deutschschweiz eher korrekt und nach festen Regeln fährt, gilt der Fahrstil im Tessin als deutlich dynamischer, emotionaler und ungeduldiger. Blinken wird im Vorurteil der Deutschschweizer eher als freiwillige Option angesehen. Auch das dichte Auffahren und das schnelle Hupen gehören im Tessiner Stadtverkehr, etwa in Lugano oder Locarno, zum Alltag. Deutschschweizer Feriengäste, die gemütlich durch den Süden kurven, fühlen sich von diesem südländischen Tempo oft bedrängt und fluchen dann über das TI‑Schild. So entstand irgendwann auch der Spitzname: «Tessiner Idioten».
Haben wir einen vergessen?
Die Schweizer Strassenwelt steckt voller kreativer Kantons-Spitznamen. Aber bestimmt kennt ihr noch den einen oder anderen, den wir in unserer Liste übersehen haben. Welches Kantonskürzel hat für euch die beste – oder fieseste – Bedeutung? Ab damit in die Kommentare!
Und bitte: Nicht gleich beleidigt sein – wir haben die Spitznamen nicht erfunden.
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