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Steigende Zulassungen

China setzt den Schweizer Motorradmarkt unter Druck

Der Schweizer Motorradmarkt erreicht neue Rekordwerte. Auch wegen chinesischen Herstellern, die mit einer stetig wachsenden Modellpalette und steigenden Zulassungszahlen zunehmend Marktanteile gewinnen. moto-suisse sieht traditionelle Hersteller «vor grossen Herausforderungen.»

China ist mit über 20 Millionen produzierten Motorrädern und Rollern pro Jahr der weltweit grösste Zweiradhersteller. Genau diese Marktmacht wird auch in der Schweiz immer sichtbarer. 

Laut aktuellen Zahlen von moto-suisse erreichte der Schweizer Zweiradmarkt 2025 mit 50’600 Neuzulassungen erneut ein Rekordniveau, getragen vor allem von preisgünstigen Rollern und stabil nachgefragten Freizeitmotorrädern. Genau in diesen wachstumsstarken Segmenten positionieren sich chinesische Hersteller erfolgreich, mit moderner Technik, umfangreicher Serienausstattung und attraktiven Preisen, was den Konkurrenzdruck erhöht und die Auswahl für Konsumenten deutlich erweitert. 

Die Vereinigung der Schweizer Motorrad- und Roller-Importeure moto suisse ordnet ein: «Das Marktgefüge ist ziemlich komplex, die Flut von immer wieder neuen Marken mit ähnlichen Produkten macht es nicht einfach, den Überblick zu bewahren. Aber ganz sicher ist diese Entwicklung eine grosse Herausforderung für die traditionellen Motorradhersteller, zumal zusätzlich auch die gigantische Motorradindustrie Indiens immer stärker auf den europäischen Markt drängt.» 

Wachstum von bis zu 30 Prozent 

Noch vor wenigen Jahren dominierten in der Schweiz nahezu ausschliesslich Hersteller aus Japan und Europa. Honda, Yamaha, BMW, Ducati oder KTM prägten das Bild auf den Strassen und in den Verkaufsstatistiken. Heute zeigt sich ein differenzierteres Bild. 

Chinesische Marken wie CFMoto, Benelli, Fantic Motor, QJMOTOR, Voge, Zontes, Brixton, Super Soco, Niu oder Kove sind längst keine Exoten mehr. Sie tauchen nicht nur regelmässig in den Zulassungsstatistiken auf, sondern verfügen auch über ein wachsendes Händlernetz und eine zunehmend loyale Kundschaft. 2026 tritt mit Benda eine weitere Marke offiziell in den Schweizer Markt ein. 

Ein besonders auffälliges Beispiel ist CFMoto: Die Marke, die seit April 2024 in der Schweiz erhältlich ist, erreichte letztes Jahr 931 Neuzulassungen. Eine Steigerung von über zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Weitere Senkrechtstarter sind Voge und Zontes. Beide Marken verzeichneten innerhalb 2025 ein Plus von rund 29 Prozent. 

«China erobert die europäischen Märkte vorwiegend über den Preis» 

Ein Blick auf die Schweizer Verkaufspreise zeigt, wo der Wettbewerbsvorteil liegt. Während etablierte Hersteller für ein mittelgrosses Adventure- oder Naked-Bike mit 700 bis 900 Kubikzentimetern Hubraum häufig 10’000 bis 14’000 Franken verlangen, liegen vergleichbare chinesische Modelle deutlich darunter. «China erobert die europäischen Märkte also weniger durch neue technische Errungenschaften und herausragende Fahreigenschaften, sondern vorwiegend über den Preis», sagt moto suisse auf Anfrage von STREETLIFE. 

So kostet etwa eine CFMoto 800MT, ein voll ausgestattetes Adventure-Bike mit 95 PS, in der Schweiz 9’900 Franken. Ein technisch vergleichbares Modell aus europäischer oder japanischer Produktion liegt je nach Marke schnell 1’000 bis 5’000 Franken höher. 

Im Einsteiger- und Pendlersegment wird der Unterschied noch deutlicher. Eine Voge 125R ist bereits für 4’000 Franken erhältlich. Für ähnlich ausgestattete 125er aus Japan oder Europa werden oft 6’000 Franken und mehr fällig.

Auch bei Rollern zeigt sich die Strategie: Elektrische Stadtroller von Niu, Zontes oder Super Soco bewegen sich je nach Leistungsklasse zwischen 3’000 und 5’000 Franken. Zum Vergleich: Eine Vespa 50ccm startet in der Regel bei 4'000 Franken. 

Chinesisch, aber nicht billig  

Der Begriff «China-Bike» greift heute zu kurz. Zwar stammen Entwicklung und Produktion grösstenteils aus China, doch viele Hersteller setzen bereits seit rund zwei Jahrzehnten auf europäisches Design, internationale Entwicklungszentren und Kooperationen mit bekannten Zulieferern. Fahrwerke von KYB, Bremsanlagen von Brembo oder Bosch-ABS sind längst keine Ausnahme mehr. 

Hinzu kommt das Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China, das den Marktzugang erleichtert: Zölle entfallen, was den Herstellern Spielraum bei der Preisgestaltung lässt. Ein klarer Wettbewerbsvorteil in einem preissensiblen Marktsegment. 

Wo China noch aufholen muss 

Trotz der rasanten Entwicklung bleiben bei vielen Käufern Fragen zur Langzeitqualität offen. Während etablierte Hersteller auf jahrzehntelange Erfahrung, bewährte Motorenkonzepte und hohe Wiederverkaufswerte verweisen können, fehlt diese Historie bei vielen chinesischen Marken noch. 

moto suisse betont jedoch: «Alle am Markt verfügbaren Modelle, egal aus welchen Land, müssen über eine Homologation verfügen. Die Schweiz orientiert sich dabei an den EU-Vorschriften. Diese garantiert dem Verbraucher ein Mindestmass an Qualität und Sicherheit.» 

Ein weiterer Punkt ist das noch im Aufbau befindliche Händler- und Servicenetz. Zwar investieren die Importeure in den Ausbau von Vertriebsstrukturen, doch im Vergleich zu japanischen oder europäischen Marken ist die Abdeckung regional teils noch lückenhaft. moto suisse empfiehlt den Endkonsumenten, auf einen vertrauenswürdigen Fachhändler zurückzugreifen, der neben einem fachkundigen Service auch eine zeitgemässe Ersatzteilversorgung inklusive kulante Garantieleistungen bieten könne

Und letzten endlich spielen neben Preis und Technik im Motorradmarkt das Markenimage eine entscheidende Rolle. Gerade bei Herstellern wie Harley-Davidson oder Kawasaki ist das Motorrad für viele Fahrende weit mehr als ein Fortbewegungsmittel. Es ist Ausdruck von Identität, Lebensstil und Zugehörigkeit zu einer Community. Genau hier stehen viele chinesische Hersteller noch am Anfang. 

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