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auto-schweiz kritisiert: «Solche Kampagnen sind Geldverschwendung»
Mit Gratis-GA, Carsharing und E-Bikes sollen Autofahrende in der Schweiz einen Monat lang auf ihr Fahrzeug verzichten. Das ist das Ziel der 31DAYS Challenge. Während die Organisatoren von nachhaltiger Mobilität sprechen, warnt die Autobranche vor politischer Einflussnahme und millionenschwerer Umverteilung.
Die aktuell in Bern, Luzern, St. Gallen und weiteren Regionen laufende 31DAYS Challenge wird als unkomplizierter Selbstversuch verkauft: Wer sein Auto für einen Monat stehen lässt, erhält kostenlosen Zugang zu öffentlichem Verkehr, Carsharing und E-Bikes. Mit deutlichen Worten wird auf der Webseite für die Aktion Werbung gemacht: «Der Kluge fährt im Zuge. Denn ohne Auto unterwegs zu sein kann dir richtig viel Geld sparen.» Das Angebot hat eine klare strategischen Stossrichtung: Die Bevölkerung soll davon überzeugt werden, vom Auto auf den öffentlichen Verkehr zu wechseln.
Ein millionenschweres Mobilitätspaket
Auf den ersten Blick hört sich das Angebot für den Konsumenten gut an. Wird allerdings etwas gratis angepriesen, muss es in der Regel jemand anderes bezahlen. STREETLIFE hat sich deshalb die Kostenstruktur etwas genauer angeschaut: Addiert man die Leistungen der Challenge – darunter Schnupper-GA, Angebote von Carsharing-Anbietern wie der Mobility Genossenschaft, E-Bike-Angebote sowie weitere Mobilitätsdienstleistungen – kommt man schnell auf einen Gegenwert von mindestens 1400 Franken pro Teilnehmer.
Dass durch die 31DAYS Challenge Kosten entstehen, bestätigt auch Tom Suter von der 42hacks Genossenschaft, die das Projekt ins Leben gerufen hat. Die Leistungen würden über Partnerbeiträge, Fördermittel und bestehende Mobilitätsbudgets querfinanziert. Rund 10'000 Personen will die Aktion erreichen, kumuliert man das mit den errechneten 1400 Franken, liegt der Gesamtaufwand bei 14 Millionen Franken. Suter bestätig: Eine realistische Rechnung. Die Gelder dafür stammen teilweise aus der öffentlichen Hand – verwendet werden also Steuergelder. Allein der Kanton Wallis steuert 90'000 Franken bei (siehe Box: Wer bezahlt die Challenge?).
Autolobby spricht von politischer Einflussnahme
Und genau das stösst der Schweizer Automobilbranche sauer auf. Für auto-schweiz, der Vereinigung der Automobilimporteure, handelt es sich hier um eine Verhaltenssteuerung, die auch noch der Steuerzahler berappen muss. Frank Keidel, Mediensprecher von auto-schweiz spricht dann auch von einer gezielten politischen Einflussnahme und bezeichnet die Aktion als «Geldverschwendung». Mobilität sei ein Grundbedürfnis, und die Menschen würden ihre individuellen Bedürfnisse selbst am besten kennen.
Das Geld für die Unterstützung solcher Kampagnen könne folglich anders verwendet werden, so Keidel: «Wenn die Gemeinden und der Staat etwas Gutes tun wollen, sollten sie Programme anhand der Alltagsnutzung aufbauen. Dazu gehören Parkmöglichkeiten, auch zum Umstieg auf alternative Transportmittel, sowie Infrastrukturmassnahmen, um den Verkehr zu verflüssigen.»
Auch für Christian Imark, SVP-Nationalrat, ist die 31DAYS Challenge ein falsches Signal: «Dieses Projekt ist in meinen Augen völlig daneben. Den Teilnehmenden werden Geschenke gemacht, die von Steuergeldern finanziert werden. Dies, obwohl der ÖV bereits in hohem Masse subventioniert ist. Wo soll das noch hinführen?»
Fern der Realität
Pauschale Aufforderungen zum Verzicht auf das Auto würden gemäss auto-schweiz zudem die Realität vieler Schweizerinnen und Schweizer nicht gerecht werden: «Mehr als zwei Drittel aller zurückgelegten Distanzen im Personenverkehr in der Schweiz entfallen auf den privaten motorisierten Verkehr, ob Pendlerweg zur Arbeit oder Freizeitverkehr», so Mediensprecher Keidel. Der Öffentliche Verkehr komme nur auf knapp ein Viertel, also 22 Prozent.
Keidel argumentiert, ein solcher Ansatz wirke aus der Zeit gefallen: «Erstens leisten moderne Fahrzeuge – insbesondere Elektroautos –bereits heute einen wichtigen Beitrag zur Emissionsreduktion. Sie fahren lokal emissionsfrei und erhöhen die Verkehrssicherheit. Zweitens hat die Bevölkerung sich zuletzt in mehreren Abstimmungen – etwa in Städten wie Lugano, Zürich oder Luzern – wiederholt für eine ausgewogene Verkehrspolitik ausgesprochen, die auch die Interessen der Automobilisten berücksichtigt.»
Organisatoren weisen Kritik zurück
Die Organisatoren der 31DAYS Challenge wollen vom Vorwurf der politischen Einflussnahme oder fragwürdiger Subventionen nichts wissen. Gemeinden und Kantone hätten viele Möglichkeiten, Nachhaltigkeitsziele zu fördern, etwa über Solarprojekte, Wärmepumpen oder eben Mobilitätsprogramme wie 31DAYS.
In dieser Aktion gehe es vielmehr darum, dass Menschen ausprobieren können, wie gut ein Alltag ohne Auto funktioniert. Suter von der 42hacks Genossenschaft beteuert dann auch: «Wir zeigen nicht mit dem Mahnfinger auf das Auto. Vielmehr handelt es sich um eine Verhaltensänderungskampagne.»
Frühere finanzielle Anreize seien zudem reduziert worden. Denn wer in der Vergangenheit an der Challenge teilnahm, und sein Auto anschliessend verkaufte, erhielt ein Preisgeld von 1500 Franken. Diesen finanziellen Anreiz brauche man heute nicht mehr, so Suter. Die Erfahrungen während der Challenge seien mittlerweile überzeugend genug.
Wer bezahlt die Challenge?
Finanziert wird die 31DAYS Challenge durch ein Netzwerk von Akteuren mit klaren Interessen. Dazu gehören die öffentliche Hand, die ÖV-Branche sowie private Mobilitätsanbieter. Institutionen wie die Schweizerische Bundesbahnen oder der ZVV profitieren direkt davon, wenn Menschen vermehrt auf ihre Angebote umsteigen. Gleiches gilt für Anbieter wie Bolt, Dott oder die Mobility Genossenschaft, die über solche Programme neue Kunden gewinnen können. Auch Städte und Kantone sind eingebunden, nicht zuletzt, weil solche Projekte helfen sollen, klimapolitische Ziele zu erreichen. Der Kanton Wallis beispielsweise unterstützt die Kampagne mit 90'000 Franken.
Auf Anfrage von STREETLIFE bestätigt die Alliance SwissPass, dass die Finanzierung gemeinsam durch die ÖV-Branche sowie teilnehmende Städte und Kantone erfolgt. Die genaue Aufteilung wolle man jedoch nicht offenlegen.
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