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Aus Uzwil in den Volvo EX60
Im neuen Volvo EX60 steckt mehr Schweiz, als man von aussen sieht. In Uzwil entwickelt Bühler riesige Megacasting-Anlagen, mit denen Volvo seinen Fahrzeugbau grundlegend verändert. Ein Besuch dort, wo aus flüssigem Aluminium, 8400 Tonnen Kraft und Schweizer Ingenieurskunst ein Stück automobile Zukunft entsteht.
Es ist warm in der Halle in Uzwil. Sehr warm. Zwischen Stahl, Rohren, Robotern und mächtigen Maschinen erklären die Bühler-Experten, wie Aluminium unter gewaltigem Druck in eine Form gepresst wird und daraus innert kürzester Zeit ein komplexes Karosserieteil entsteht.
Was hier zunächst nach klassischer Schwerindustrie aussieht, gehört zu den spannendsten Entwicklungen im modernen Automobilbau. Megacasting heisst die Technologie – und im neuen Volvo EX60 kommt sie erstmals bei einem Volvo in der Serienproduktion zum Einsatz.
Das Prinzip klingt bestechend einfach: Statt zahlreiche Einzelteile zu produzieren, zusammenzufügen und zu verschweissen, entsteht eine grosse Struktur in einem einzigen Guss. Beim neuen Volvo EX60 betrifft das den hinteren Unterboden. Bis zu 100 konventionelle Karosseriekomponenten werden dabei zu einem einzigen, rund 43 Kilogramm schweren Aluminiumteil.
Eine Maschine wie ein kleines Haus
Einfach ist daran allerdings nur die Idee. Die Technik dahinter hat Dimensionen, die man erst versteht, wenn man davorsteht. Für Volvo hat Bühler zwei Carat-840-Megacasting-Zellen entwickelt. Allein ihre Schliesskraft beträgt 84’000 Kilonewton – umgerechnet rund 8400 Tonnen und damit ungefähr das Gewicht des Eiffelturms. Eine vollständig installierte Zelle ist 7,6 Meter hoch, benötigt rund 160 Quadratmeter Fläche und wiegt mehr als 1000 Tonnen.
Beim eigentlichen Giessvorgang können innerhalb von Millisekunden mehr als 200 Kilogramm flüssiges Aluminium in eine präzise gefertigte Stahlform geschossen werden. Spätestens hier wird klar: «Ein Teil statt vieler» klingt zwar simpel. Industriell umgesetzt ist es Hochtechnologie. Und die kommt aus Uzwil.
Schweizer Technik für Schweden
Bühler ist eines jener Schweizer Unternehmen, deren Technologie viele Menschen täglich begegnet, ohne dass ihnen der Name unbedingt etwas sagt. Das Familienunternehmen wurde 1860 gegründet, beschäftigt heute über 12’000 Mitarbeitende und ist in mehr als 140 Ländern aktiv. Bis zu fünf Prozent des Umsatzes investiert Bühler in Forschung und Entwicklung.
Mit Druckguss beschäftigt sich das Unternehmen bereits seit 1927. Mehr als 60 Bühler-Megacasting-Lösungen sind 2026 weltweit auf dem Markt. Acht der zehn grössten Automobilhersteller setzen inzwischen auf Megacasting-Technologie, fünf davon arbeiten mit Bühler.
Für Volvo hat die Schweizer Technik deshalb mehr als symbolischen Wert. «Besonders stolz macht uns, dass mit der Megacasting-Technologie der Bühler Group Schweizer Innovationskraft eine wichtige Rolle bei dieser neuen Fahrzeuggeneration spielt», sagt Jesus Fernandez de Mesa, Managing Director Volvo Car Switzerland.
Wie die Maschinen im Volvo-Alltag eingesetzt werden, zeigen den anwesenden Journalisten auch Experten aus Schweden. Im Stammwerk Torslanda stehen die beiden Carat-840-Zellen und produzieren dort den hinteren Unterboden des neuen EX60.
Und was passiert bei einem Unfall?
Eine Frage drängt sich beim Anblick des grossen Gussteils auf: Wenn bisher viele Einzelteile zu einem einzigen Bauteil werden – was passiert bei einem Schaden? Wird eine Reparatur dadurch nicht erheblich schwieriger?
Die Antwort der Volvo-Experten kommt ohne grosses Zögern: «Alle sensiblen Teile können ersetzt werden, dafür wurde vorgesorgt.» Das ist ein wichtiger Punkt. Denn Megacasting soll die Produktion vereinfachen, nicht spätere Reparaturen verunmöglichen. Fahrzeug und Gussteil werden entsprechend konstruiert.
Die Vorteile beginnen bereits in der Fabrik. Weniger Einzelteile bedeuten weniger Verbindungsstellen und Montageschritte. Gleichzeitig kann die Bauweise Gewicht reduzieren und die Struktursteifigkeit verbessern. Gerade bei einem Elektroauto zählt jedes Kilo: Weniger Gewicht kann den Energieverbrauch senken und damit auch die Reichweite erhöhen.
Weniger ist hier tatsächlich mehr
Für Volvo ist Megacasting deshalb weit mehr als eine neue Produktionsmethode. Der neue Volvo EX60 ist das erste Modell auf der neuen SPA3-Architektur und gleichzeitig der erste Volvo, bei dem Megacasting serienmässig zum Einsatz kommt.
Dahinter steckt auch eine Nachhaltigkeitsfrage. Die Umweltbilanz eines Elektroautos entscheidet sich schliesslich nicht erst beim Fahren. Materialeinsatz, Produktionsaufwand, Gewicht und Energieverbrauch spielen ebenfalls eine Rolle.
Megacasting setzt genau dort an: weniger Teile, weniger Montageschritte, weniger Komplexität. Gleichzeitig lässt sich Material gezielter einsetzen.
«Dieser Meilenstein zeigt, wie enge Zusammenarbeit und Innovation im industriellen Massstab fortschrittliche Fertigungskonzepte in die Serienproduktion der nächsten Fahrzeuggeneration überführen können», sagt Cornel Mendler, Managing Director Bühler Die Casting.
Nach einigen Stunden in Uzwil wirkt der sperrige Begriff Megacasting deshalb erstaunlich anschaulich. Hier kann man die Technologie sehen, anfassen – und die Hitze spüren, die ihre Entwicklung begleitet. Im fertigen EX60 bleibt davon später wenig sichtbar. Der Schweizer Beitrag steckt unter der Karosserie.
Vielleicht ist das ziemlich typisch für Schweizer Ingenieurskunst: Sie drängt sich nicht in den Vordergrund. Aber ohne sie würde einiges anders – und im Fall von Bühler und Volvo: weniger gut – laufen.

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