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Warum sind in Bern die Strassenschilder bunt?
Wer durch die Berner Innenstadt fährt, merkt schnell: Hier stimmt etwas nicht mit der Schweizer Norm. Statt blau-weisser Strassenschilder leuchten rot, grün, gelb, schwarz und weiss von den Hauswänden. Der Grund? Nicht etwa ein Designtrend, sondern eine militärische Navigationshilfe aus der Besatzungszeit.
Wer durch die Berner Altstadt fährt oder spaziert, merkt schnell: Irgendetwas läuft hier anders als im Rest der Schweiz. Statt der üblichen blau-weissen Strassenschilder hängen in Bern rote, grüne, gelbe, schwarze und weisse Tafeln an den Hauswänden. Fast wirkt es, als hätte sich die Stadt irgendwann ein besonders ehrgeiziges Farbkonzept verpasst. Der wahre Grund ist allerdings deutlich spezieller – und führt zurück ins Jahr 1798, mitten in die Zeit der französischen Besatzung.
Denn die bunten Schilder sind keine Design-Laune, sondern ein Relikt aus einer Zeit, als Orientierung in Bern zu einem militärischen Problem wurde.
Ein Leitsystem für Soldaten, die nicht lesen konnten
Als französische Truppen 1798 Bern einnahmen, standen sie in der verwinkelten Altstadt vor einem simplen, aber ziemlich praktischen Problem: Sie fanden sich schlecht zurecht. Die Gassen waren eng, unübersichtlich und für ortsfremde Soldaten schwer lesbar – im wörtlichen Sinn. Denn viele von ihnen konnten gar nicht lesen.
Wie ein Beitrag auf dem Blog des Landesmuseums zeigt, brauchte der französische Kommandant Alexis Balthasar Henri Antoine von Schauenburg deshalb ein Orientierungssystem, das auch ohne Schrift funktionierte. Die Lösung war ebenso einfach wie wirkungsvoll: Farben statt Worte.
Er beauftragte den Berner Künstler Franz Niklaus König damit, ein visuelles Leitsystem zu entwickeln. König teilte die Innenstadt in fünf Zonen ein und gab jedem Quartier eine eigene Farbe. Wer sich in der richtigen Farbe bewegte, wusste: Das Ziel ist nicht mehr weit. Im Grunde war das ein analoges GPS des 18. Jahrhunderts.
Fünf Farben, fünf Zonen
Das System war präzise organisiert. Schwarz stand für Matte und Nydegg, Weiss für das Gebiet bis zur Kreuzgasse. Grün, Gelb und Rot setzten sich weiter westwärts durch die Altstadt fort. Was heute fast wie ein urbanes Gestaltungskonzept wirkt, war damals nüchterne Logistik.
Offiziell orientierten sich die Farben an der helvetischen Trikolore, die Frankreich in jener Zeit propagierte. Dahinter steckte auch Symbolik: Die Bevölkerung sollte sich an die neuen revolutionären Ideale gewöhnen.
Ganz so eindeutig war die Botschaft dann aber doch nicht. Denn Rot und Gelb waren gleichzeitig auch die Farben einer traditionellen Berner Bürgergesellschaft. Man könnte also sagen: Das System funktionierte nach aussen als politisches Signal – und enthielt daneben noch einen kleinen lokalen Insider-Code.
Verkehrslogik statt Folklore
Was heute charmant, speziell oder leicht touristisch wirkt, war ursprünglich knallharte Verkehrstechnologie. Das Prinzip dahinter ist erstaunlich modern: Gute Orientierung muss sofort funktionieren. Ohne Nachdenken, ohne Studium eines Plans, im Zweifel auch unter Stress.
Genau das leisteten die Farbschilder. Sie strukturierten die Stadt auf einen Blick und halfen Menschen, sich schnell zu orientieren – auch dann, wenn sie Strassennamen nicht lesen konnten. Im Kern gilt diese Logik bis heute: Wer sich im Verkehr nicht orientieren kann, kommt nicht vorwärts.
Warum Bern die Schilder nie wieder abgeschafft hat
Eigentlich hätte Bern nach dem Abzug der Franzosen im Jahr 1813 problemlos zur normalen Beschilderung zurückkehren können. Passiert ist das nicht. Stattdessen blieb das System bestehen – und wurde mit der Zeit selbst Teil der Stadt.
Heute hängen rund 360 dieser emaillierten Tafeln in der Altstadt. Jede einzelne wird separat gefertigt, kostet mehrere hundert Franken und ist vandalensicher montiert. Das ist kein günstiges Hobby, aber eines, das Bern sich bewusst leistet.
Der Grund ist einfach: Die Schilder sind längst mehr als Orientierungshilfe. Sie gehören zur Identität der Stadt. Während andere Orte ihre Signalisation möglichst vereinheitlichen, pflegt Bern seinen Sonderfall ganz bewusst.
Warum die Farben geblieben sind
Tatsächlich hätte Bern nach dem Abzug der Franzosen 1813 problemlos zur üblichen Beschilderung wechseln können. Stattdessen blieb das System. Heute hängen rund 360 dieser emaillierten Tafeln in der Altstadt. Jede wird einzeln gefertigt, kostet mehrere hundert Franken und ist vandalensicher montiert.
Für Autofahrer spielen die Tafeln im Alltag zwar nur eine Nebenrolle – Strassennamen liest man ohnehin meist nicht zur Navigation. Für das Stadtbild aber sind sie ein Markenzeichen. Oder anders gesagt: Bern besitzt eines der ältesten Farbleitsysteme Europas – und hat es nicht ins Museum verbannt, sondern mitten im Alltag stehen lassen.

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