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Verkehrspsychologe warnt: Tempowildwuchs überfordert Autofahrende
120, 100 dann 80. Das ist der alltägliche Tempowahnsinn auf dem Nordring Zürich – dank der Geschwindigkeitsharmonisierung, die hier für Ordnung sorgen soll. Für viele Menschen ist das purer Stress. Hilft das System wirklich gegen Stau, oder erzeugt es ein ganz anderes Problem?
Es ist früher Abend, der Verkehr rollt dicht, aber noch flüssig. Auf dem Nordring bei Zürich zeigt das Display 120 km/h. Wenige hundert Meter später: 100. Dann 80. Kurz darauf wieder 100 – und wenig später erneut 80. So beschreibt eine STREETLIFE-Leserin ihre jüngste Fahrt über die A1-Nordumfahrung – die mit 100'000 Fahrzeugen pro Tag die meist befahrenste Strecke der Schweiz.
Innerhalb weniger Minuten muss die Leserin fünfmal das Tempolimit wechseln. Nicht wegen eines Unfalls direkt vor ihr, sondern weil die Signale es verlangten.
Wer hier unterwegs ist, hat kaum Zeit, sich auf ein Tempo einzustellen, da gilt schon das nächste. Das kann gefährlich sein, wie Gianclaudio Casutt, Fachpsychologe für Verkehrspsychologie, auf Anfrage von STREETLIFE erklärt: «Mehrfache Tempowechsel auf kurzer Strecke können durchaus Stress, Unsicherheit und ein Gefühl eingeschränkter Kontrolle auslösen, vor allem dann, wenn sie als nicht nachvollziehbar erlebt werden oder nicht zum Strassenbild passen.»
Bund führt 2026 Geschwindigkeitsharmonisierung verbreitet ein
Die Geschwindigkeitsharmonisierung ist ein Verkehrsmanagement-System, das auf stark befahrenen Autobahnabschnitten eingesetzt wird. Digitale Signale passen das Tempolimit situationsabhängig an, etwa bei hohem Verkehrsaufkommen, Stau, Unfällen oder Baustellen.
Ziel ist es, den Verkehr gleichmässiger fliessen zu lassen. Durch eine schrittweise Reduktion der Geschwindigkeit, zum Beispiel von 120 auf 100 oder 80 km/h, sollen abrupte Bremsmanöver, grosse Geschwindigkeitsunterschiede und damit Staus und Unfälle vermieden werden.
Sobald sich die Verkehrslage entspannt, soll das Tempolimit automatisch wieder erhöht werden. Das klappt aber nicht wirklich immer, wie SVP-Nationalrat Thomas Knutti kürzlich auf STREETLIFE beklagte. In der Schweiz kommt das System bereits auf mehreren hundert Kilometern des Nationalstrassennetzes zum Einsatz, unter anderem auf dem Zürcher Nordring.
«Ständiges Eingreifen von aussen fördert Kontrollverlust»
Aus verkehrspsychologischer Sicht sind Unsicherheit und Anspannung hinter dem Steuer gut erklärbar. Gianclaudio Casutt sagt: «Viele erleben wechselnde Tempo-Abschnitte nicht als Feintuning, sondern als ständiges Eingreifen von aussen in das eigene Tempogefühl. Das fördert subjektiv den Kontrollverlust.»
Jeder erzwungene Tempowechsel bedeutet eine zusätzliche Entscheidung: abbremsen, beschleunigen, Tacho kontrollieren, Signal interpretieren. Diese ständige Selbstkontrolle erhöht die mentale Belastung, besonders bei dichtem Verkehr oder Zeitdruck. Liegt das Tempolimit wiederholt unter der subjektiv als «passend» empfundenen Geschwindigkeit, berichten viele Fahrende von Frustration und Kontrollverlust, ähnlich wie bei sehr langsamen Verkehrsteilnehmenden, die als bremsend wahrgenommen werden.
Dabei reagieren Menschen laut Casutt unterschiedlich auf die Massnahmen: Risikofreudigere Fahrer empfinden tiefere Limiten schneller als störend und reagieren mit Ungeduld oder Regelüberschreitungen. Sicherheitsorientierte oder eher ängstliche Fahrer akzeptieren niedrigere Geschwindigkeiten eher, fühlen sich aber ebenfalls verunsichert, wenn die Regeln häufig wechseln.
Mehr Aufmerksamkeit, aber auch mehr Überforderung
Doch Tempowechsel sind nicht per se schlecht, wie Casutt erläutert: «Studien zeigen, dass eine gewisse Variabilität die Vigilanz erhöhen und monotone Müdigkeit reduzieren kann. Kurzfristig kann das sogar wachhalten.»
Das Problem entstehe bei der Überlastung. Jede zusätzliche Anforderung, also neue Schilder, wechselnde Anzeigen oder Kontrollen, erhöht den mentalen «Workload». Werde dieser zu hoch, verengen sich Blickfelder, Reaktionen werden langsamer und unerwartete Ereignisse können schlechter verarbeitet werden.
Hinzu kommt: Unter kognitiver Zusatzbelastung fällt es vielen Fahrern nachweislich schwer, dauerhaft eine niedrigere als die bevorzugte Geschwindigkeit zu halten. Die Folge sind inkonsistente Tempoführung, kleine Übertretungen und mehr Aufmerksamkeit auf Tacho, Anzeigen und mögliche Blitzer, statt auf das Verkehrsgeschehen selbst.
Besonders kritisch wird es, wenn sich der Fokus von der Umgebung auf die Signale verschiebt. Casutt spricht von «Signal-Tunneln»: Fahrer scannen permanent Anzeigen und verlieren den breiten Blick auf andere Verkehrsteilnehmende oder die Verkehrsdynamik.
Akzeptanz braucht Logik
Ein zentraler Punkt ist die Nachvollziehbarkeit. Untersuchungen zeigen laut Casutt klar: Tempolimits werden deutlich besser akzeptiert, wenn sie zur Strasse, zur Umgebung und zur Situation passen. Wer den Zweck kennt, etwa Stauabbau, Unfallhäufung oder Baustelle, hält sich eher daran. Fehlt diese Transparenz, werden Beschränkungen schnell als willkürlich oder gar als «Abzocke» wahrgenommen.
So erklärt das ASTRA die häufigen Tempowechsel
Das Bundesamt für Strassen ASTRA bestätigt auf Anfrage, dass sich die signalisierten Höchstgeschwindigkeiten auf stark belasteten Autobahnabschnitten situativ verändern. Betont dabei aber: «Diese Anpassungen sind kein Selbstzweck, sondern eine bewährte und verhältnismässige Massnahme, um den Verkehr insgesamt flüssiger und sicherer zu machen.»
Auf der stark belasteten A1 Nordumfahrung zwischen Zürich Seebach und dem Limmattaler Kreuz treffen jedoch mehrere Faktoren zusammen: In den Tunneln Gubrist und Stelzen sowie in der Überdeckung Katzensee gilt aus Sicherheitsgründen Tempo 100. Hinzu kommen laufende Bauarbeiten, etwa im Gubrist-Tunnel Richtung Bern, die aktuell Tempo 80 erfordern.
Zwischen dem Stelzentunnel und der Überdeckung Katzensee kommt zudem die Geschwindigkeitsharmonisierung und Gefahrenwarnung GHGW zum Einsatz. Das ASTRA sagt dazu: « Ohne GHGW müssten die Verkehrsteilnehmenden ihre Geschwindigkeit auf diesem phasenweise stark befahrenen Autobahnabschnitt ohnehin laufend anpassen. Das unkoordinierte Anpassen der Geschwindigkeit würde abruptes Bremsen, vermehrte Spurwechsel und damit verbundenes Staurisiko nur begünstigen.»

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