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Folie statt Glas

Hagelopfer warten wochenlang auf Autoscheiben

Nach dem Hagel stösst die gesamte Reparaturkette an ihre Grenzen. Erste Garagen melden längere Wartezeiten, Lieferanten kommen mit dem Volumen kaum nach. Betroffene warten teils wochenlang.

Zertrümmerte Scheiben, zerbeulte Karosserien und beschädigte Fahrzeuge: Der heftige Hagel vom Freitag hat in der Schweiz massive Schäden angerichtet. Versicherungen rechnen mit Schäden in Millionenhöhe. Für viele Betroffene beginnt nun das Warten auf die Reparatur.

Eine von ihnen ist C. S. aus Winterthur. Der Hagel zertrümmerte die Heckscheibe ihres Autos, seither schützt nur noch eine Folie den Innenraum. Doch auf eine schnelle Reparatur kann sie derzeit kaum hoffen. «Meine Versicherung gab mir einen Termin im November, aber das geht nicht für mich. Ich habe Hunde im Auto. Sonst sollen sie mir das Geld auszahlen und ich gehe den Schaden woanders reparieren.»

Mit diesem Problem ist die Winterthurerin nicht allein. Der Ansturm auf Garagen und Carrosseriebetriebe ist enorm und längst auch ausserhalb der besonders stark vom Hagel getroffenen Regionen zu spüren.

Betroffene weichen in andere Kantone aus

Timo Hofstetter, Inhaber von Steinschlag.ch in Cham ZG, erhält auch Anfragen aus den Kantonen Zürich und Aargau. Die Nachfrage sei sehr gross, was jedoch auch Herausforderungen mit sich bringe: «Aktuell hat es noch Scheiben, aber der Lieferant kommt mit dem Auftragsvolumen fast nicht mehr nach. Diese Hagelschäden werden uns die nächsten Wochen sicher noch beschäftigen.»

«Ich brauche mein Auto»

Auch im Zürcher Unterland stossen Betroffene auf volle Garagen. Eine Leserin erhielt in ihrer Garage in Bülach keinen Termin und wartet nun auf die Rückmeldung einer Partnergarage. Die beschädigte Stelle wurde provisorisch mit Folie abgedeckt. «So kann ich wenigstens kurze Strecken fahren.»

Eine Leserin aus Neerach kann ihr Auto derzeit gar nicht nutzen. Möglicherweise handle es sich sogar um einen Totalschaden. «Gleichzeitig seien die Garagen überlastet», sagt sie. Besonders schwierig: Sie ist im Alltag auf ein Auto angewiesen. «Ich brauche mein Auto.» Immerhin könne sie allenfalls den Wagen einer Person ausleihen, die in die Ferien fährt.

Wann wird ein Hagelschaden zum Totalschaden?

Laut dem Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS) liegt ein wirtschaftlicher Totalschaden vor, wenn die Reparaturkosten höher sind als der aktuelle Wiederbeschaffungswert des Autos: «Das passiert bei Hagelschäden vor allem bei älteren Fahrzeugen schnell, da eine umfassende Instandsetzung viel Handarbeit erfordert. In diesem Fall zahlt die Versicherung nicht die Reparatur, sondern nur den Zeitwert minus Restwert des beschädigten Autos.»

Wann lohnt sich die Reparatur noch?

  • Es lohnt sich, wenn:
    • Das Fahrzeug neuer ist, einen hohen Wiederbeschaffungswert hat oder geleast ist (beim Leasing ist eine Reparatur vor der Rückgabe ohnehin Pflicht).
    • Die Blechschäden moderat sind und mittels sanfter Methoden wie Drücktechnik (Smart Repair) ohne teure Lackierarbeiten behoben werden können.
    • Der Schaden die Sicherheit (z. B. Frontscheibe oder Beleuchtung) beeinträchtigt.
       
  • Es lohnt sich meist nicht mehr, wenn:
    • Ein wirtschaftlicher Totalschaden vorliegt.
    • Das Auto alt ist und die Mängel rein optisch sind. Hier wählen Fahrzeughalter oft die fiktive Abrechnung: Sie lassen sich die Schadenssumme von der Versicherung auszahlen, verzichten auf die Reparatur und fahren mit den Dellen weiter.

Jetzt wird es bei Autoscheiben eng

Doch nicht nur freie Werkstattplätze werden zum Problem. Auch beim Nachschub von Ersatzscheiben wird es enger. Züri-Autoglas spricht aktuell von rund einer Woche Wartezeit: «Es wird langsam eng bei den Autoscheiben. Die Lieferanten müssen diese auch irgendwo besorgen und wir bekommen die Scheiben nicht so schnell wie gehabt.»

Occasionsmarkt bleibt bislang ruhig

Auch der Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS) sieht mehrere Engpässe gleichzeitig: «Aktuell liegt das primäre Nadelöhr bei der Organisation und Durchführung der Drive-Ins, um die Schadensmengen überhaupt erst zu erfassen.» Danach könne es «punktuell zu Engpässen in den Lieferketten kommen», weil nicht jede Scheibenvariante unbegrenzt verfügbar sei. Zusätzlich bleibe auch die Kapazität an Fachpersonal eine Herausforderung.

Trotz vielen Totalschäden beobachtet der AGVS momentan aber noch keinen Run auf Occasionen: «Wir gehen davon aus, dass die Mehrheit der Fahrzeuge repariert oder fiktiv abgerechnet wird und nur ein kleiner Teil als Totalschaden ausgemustert werden muss.» 

Glas-Lieferant muss aufstocken

Einer jener Lieferanten, bei denen die aussergewöhnlich hohe Nachfrage derzeit aufläuft, ist Glas Trösch. Sowohl Züri-Autoglas als auch steinschlag.ch beziehen ihre Scheiben unter anderem dort. Auf Anfrage von STREETLIFE bestätigt das Unternehmen die hohe Belastung: «In den betroffenen Regionen ist die Nachfrage mittel bis sehr stark gestiegen. Vereinzelt liegen die Bestelleingänge bei einem Mehrfachen des üblichen Volumens», so Andreas Scheib, Leiter Kommunikation. 

Grundsätzlich seien weiterhin genügend Ersatzscheiben verfügbar. Allerdings könne es bei einem Ereignis dieser Grössenordnung in den ersten Tagen regional zu leichten Verzögerungen kommen. «Die personellen und logistischen Kapazitäten werden deshalb dort gezielt erhöht, wo dies aufgrund der Nachfrage erforderlich ist», so Scheib. 

Entspannung dürfte nicht sofort eintreten: Das Unternehmen rechnet damit, dass das Bestellvolumen noch zwei bis drei Wochen deutlich über dem üblichen Niveau liegen wird.

Darf man mit kaputter Scheibe noch fahren?

Ob ein Auto mit einer beschädigten Scheibe noch gefahren werden darf, hängt davon ab, welche Scheibe betroffen ist und ob die Sicht eingeschränkt wird. Eine kaputte Heckscheibe ist laut Stadtpolizei Winterthur grundsätzlich kein Problem, «sofern sämtliche Scherbenreste entfernt und die beschädigte Stelle so gesichert wird, dass niemand verletzt werden kann», so Sprecherin Sarah Paul. 

Anders sieht es aus, wenn die Sicht beeinträchtigt ist. «Frontscheibe, Seitenscheiben und Rückspiegel müssen einwandfrei sein und dürfen keine Risse aufweisen», erklärt Sarah Paul. Ist das Sichtfeld nicht uneingeschränkt, darf das Fahrzeug nicht mehr im Strassenverkehr bewegt werden.

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