Zum Hauptinhalt springen

Werbung

Politik & Wirtschaft •
Selbstgemachte Energie-Krise

Europa hat eigenes Öl – will es aber nicht fördern

Die aktuelle Krise macht erneut deutlich, wie abhängig Europa von teuren Energielieferungen aus dem Ausland ist. Doch das müsste nicht sein: Öl und Gas gibt es auch in der Alten Welt ausreichend.

Energie ist die Grundlage des Wohlstands einer Gesellschaft – und zugleich ihre Achillesferse. Wenn sich ein Containerschiff im Roten Meer verkeilt, ein Despot den Gashahn zudreht, ein Krieg eine Seestraße blockiert oder Gaspipelines explodieren, wird schlagartig spürbar, wie abhängig Europa von einer gut geölten Energielieferkette ist.

 

Der Artikel stammt aus der Feder der Pragmaticus-Redaktion. Das Magazin mit Sitz im liechtensteinischen Schaan widmet sich den grossen Fragen unserer Zeit. Die Antworten kommen dabei direkt von namhaften Experten, die unverfälscht zu Wort kommen. STREETLIFE publiziert im Rahmen einer Kooperation regelmässig Pragmaticus-Artikel.

www.derpragmaticus.com

Im Vergleich zu anderen Machtblöcken schneidet Europa bei der Energie-Autarkie besonders schlecht ab. Die USA können dank der relativ neuen Fördertechnologie des Frackings (bei der Wasser und Chemikalien in den Boden gepresst werden) nicht nur den eigenen Bedarf decken, sie sind sogar zum grössten Exporteur fossiler Brennstoffe geworden. Und das, obwohl der Energieverbrauch pro Kopf dort rund doppelt so hoch ist wie in Europa. Und wie sieht es mit der Energieversorgung Europas aus? Obwohl die Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren mit rund 15 Prozent nur moderat gewachsen ist, ist die EU heute stärker von Energieimporten abhängig als damals: Statt etwa der Hälfte importiert sie inzwischen rund 60 Prozent der benötigten Energie – trotz sinkenden Gesamtverbrauchs.

Wie das geschehen konnte? Ein zentrales Merkmal der europäischen Energiepolitik in den vergangenen Jahrzehnten war die massive Investition in erneuerbare Energien. Doch bis heute decken diese Energiequellen lediglich sechs bis acht Prozent des gesamten Energieverbrauchs.

Mehr als Erneuerbare

Es liegt auf der Hand, dass Europa viel unabhängiger sein könnte – ja müsste, will es ökonomisch und politisch souverän sein. Der kürzeste Weg in eine autarke Energiezukunft führt zu Energiequellen, die – böse formuliert – aus der Vergangenheit stammen, die aber – positiv formuliert – sich schon lange bewährt haben: Gas, Öl und Atomkraftwerke. Der Clou bei den fossilen Brennstoffen liegt in der heimischen Produktion. In der Erdkruste unter dem alten Kontinent liegen überraschend grosse Reserven dieser Brennstoffe.

Gib Gas, Europa!

Rohöl ist ein vielseitiger Stoff. Gäbe es ihn nicht, man müsste ihn glatt erfinden. Über 6000 Produkte werden direkt oder indirekt aus Erdöl hergestellt. Wer nur an Benzin denkt, denkt zu kurz: Stellen Sie sich vor, ein Angehöriger erleidet einen Herzinfarkt und braucht einen Rettungswagen. Nicht nur der Motor dieses Fahrzeugs läuft mit einem Ölprodukt, sondern auch seine Reifen und der Asphalt, über den er heranrast, basieren auf dem Rohstoff. Die Plastikschläuche und Apparate, die den Patienten am Leben halten, die Medikamente, die ihn hoffentlich retten: Nichts davon gäbe es ohne die petrochemische Industrie.

Säulen der Zivilisation

Allerdings entstehen bei der Nutzung des fossilen Brennstoffs klimaschädliche Abgase. Hier gibt es allerdings ein verbreitetes Missverständnis: Nicht die Zahl der Menschen ist der grösste Treiber für den Anstieg der Emissionen, sondern Urbanisierung und Modernisierung. Würden wir alle wie Jäger und Sammler leben, wäre unser CO2-Fussabdruck verschwindend gering. Der Wissenschaftler Vaclav Smil beschreibt Zement, Stahl, Kunststoffe und Ammoniak als die vier Säulen der Zivilisation – die ersten drei braucht man, um Städte zu bauen, das Letztgenannte, um sie zu ernähren, in Form von synthetischem Dünger. Diese vier Materialien verbrauchen 17 Prozent der weltweiten Primärenergie und verursachen ein Viertel aller fossilen CO2-Emissionen.

Und hier liegt das Problem Europas: Wir wollen weiterhin Nutzniesser der auf fossilen Brennstoffen aufgebauten industriellen Revolution bleiben – aber gleichzeitig davon loskommen. Diese beiden Ziele stehen jedoch in einem Widerspruch zueinander.

Dazu kommt noch die starke Abhängigkeit Europas von externen Lieferanten fossiler Brennstoffe, das wird mit jeder geopolitischen Krise deutlicher: Laut der Statistical Review of World Energy haben die 27 Staaten der EU im Jahr 2023 knapp 60 Exajoule an Energie verbraucht. Zwei Drittel davon (ca. 40 Exajoule) entfielen auf Öl, Erdgas und Kohle. Von diesen 40 Exajoule produziert die EU selbst gerade einmal sechs. 34 Exajoule müssen also importiert werden.

Reich an Bodenschätzen

Das Erschütternde ist, dass Europas Ressourcen erheblich größer sind, als diese magere Fördermenge vermuten lässt. Europas Unabhängigkeit scheitert nicht an den Gegebenheiten der Geologie, sondern an den Gesetzen der Politik. Laut der U. S. Energy Infor mation Administration verfügen die EU-Staaten sowie Grossbritannien und Norwegen zusammen über eine technisch förderbare Gasmenge von rund 13 Billionen Kubikmetern. Das wäre genug, um die vor dem Ukraine-Krieg aus Russland importierten Gasmengen über 65 Jahre lang zu ersetzen.

Um diesen Vorrat aus dem Boden zu holen, müssten die Europäer die relativ neue Fördermethode des Frackings anwenden. Doch anstatt diese Option auch nur zu erkunden, verzichten viele Staaten von vornherein auf die Hebung ihres Bodenschatzes: Frankreich verbot Fracking im Jahre 2011, Bulgarien folgte 2012, Deutschland 2016, Irland 2017, Großbritannien verhängte 2019 ein Moratorium.

In Österreich gilt übrigens kein formelles Verbot: Fracking ist somit erlaubt, wurde aber nach Bürger protesten 2012 nie aufgenommen. Ein Vorstoss zum Verbot von Fracking, unternommen von den Grünen im Jänner 2023, scheiterte am Koalitionspartner ÖVP. Die Folge der europäischen Zurückhaltung: Derzeit fördern die EU-27 nur noch rund 33 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr, das sind knapp zehn Prozent ihres Bedarfs.

Aber auch konventionellere Fördermethoden werden nicht mehr unterstützt. Die Nordseeförderung Grossbritanniens ist seit 1999 um 75 Prozent eingebrochen. Die Niederlande schlossen 2024 Groningen, einst Europas grösstes Gasfeld, und das trotz 450 Milliarden Kubikmetern Restbeständen. Seismologische Bedenken aufgrund häufiger, jedoch kleinerer Erdbeben führten zu den letztlich erfolgreichen Bürgerprotesten.

Moralischer Protektionismus

Nicht unerwähnt sollte bleiben, aus welchen Quellen sich die Anti-Fracking Bewegung möglicherweise finanziert: Der damalige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen erklärte im Jahr 2014, Russland habe «aktiv mit Umweltorganisationen zusammengearbeitet, die gegen Schiefergas agierten, um die europäische Abhängigkeit von importiertem russischem Gas aufrechtzuerhalten».

Statt eigene Reserven zu erschliessen, importiert Europa nun in rauen Mengen amerikanisches verflüssigtes Erdgas (liquefied natural gas, kurz LNG), gewonnen durch genau jenes Fracking, das man auf eigenem Boden für unzumutbar erklärt. Die ethischen Verrenkungen sind bemerkenswert: Die Umweltrisiken des Verfahrens hören offenbar an der Grenze von Pennsylvania auf. Wer Fracking im Weinviertel ablehnt, es aber aus Texas bestellt, betreibt keine Umweltpolitik, sondern Protektionismus, begründet mit zweifelhaften moralischen Bedenken.

Bei den kritischen Rohstoffen sieht es ähnlich aus. Die EU bezieht 98 Prozent ihres Bedarfs an Permanentmagneten aus China, und bei anderen sogenannten seltenen Erden ist die Abhängigkeit nur um weniges geringer. Auch hier könnte Europa wesentlich unabhängiger sein: Norwegens Fen-Komplex beherbergt mit geschätzten 15,9 Millionen Tonnen Seltenerdoxiden (Stand März 2026) eines der grössten Vorkommen weltweit. Das wäre genug, um den europäischen Bedarf an Magneten für Elektrofahrzeuge und Windkraftanlagen über Jahrzehnte zu decken.

Lithiumvorkommen wiederum wurden in Portugal, Serbien, Deutschland und Finnland identifiziert, die laut einer Studie der Universität Lund die EUImportabhängigkeit bei Lithium um mehr als die Hälfte reduzieren könnten. 47 Projekte hat die EU im Rahmen des Critical Raw Materials Act (CRMA) bereits als strategisch signifikant eingestuft. Aber auch hier dominiert das gleiche Muster: Viele der europäischen Vorkommen kritischer Mineralien liegen unter oder in unmittelbarer Nähe von Naturschutzgebieten. Öffentlicher Widerstand, politischer Aktivismus und ausländische Einflussnahmen – nicht technische oder wirtschaftliche Machbarkeit – sind die entscheidenden Faktoren, die über den Erfolg von Bergbauprojekten in Europa entscheiden.

Sicherheit kostet

Natürlich gibt es auch Einwände gegen mehr Ressourcenabbau in Europa: Einerseits gibt es den Preis. Schiefergasförderung in Deutschland kostet laut dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI) 25 bis 42 Euro pro Megawattstunde (MWh). Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sah die Schwelle, ab der die Gasförderung Gewinn abwirft, bei rund 50  Euro pro MWh – das wären inflationsbereinigt heute etwa 70 Euro pro MWh. Bei Grosshandelspreisen von derzeit um die 35 Euro pro MWh ist das also ein schwaches Geschäftsmodell. Aber die Prämisse des «funktionierenden Normalbetriebs», unter der dieser Schwellenwert errechnet wurde, hat sich als Illusion erwiesen, und das zweimal in vier Jahren.

Allein die offiziellen EU-Zuschüsse, mit denen die krisenbedingten Preissteigerungen wegsubventioniert wurden, summierten sich zwischen 2021 und 2023 auf rund 960 Milliarden Euro – rechnet man die Krisenausgaben Grossbritanniens und Norwegens hinzu, nähert sich der Gesamtbetrag einer Billion Euro. Allein im Jahr 2023 beliefen sich die EU-Energiesubventionen auf 354 Milliarden Euro. Würde man 100 Milliarden davon einsetzen, um die Preisdifferenz zur Förderschwelle zu überbrücken, liesse sich ein Gasvolumen von rund 270 Milliarden Kubikmetern auf das Preisniveau des Marktes subventionieren – annähernd ein Jahresbedarf der EU.

Ein weiteres Argument gegen die verstärkte Nutzung traditioneller Ressourcen lautet, Europa brauche gar nicht mehr fossile Energie, weil es in den vergangenen Jahren effizienter in der Produktion geworden sei. Tatsächlich sank der Primärenergieverbrauch der EU seit 2004 um rund 16 Prozent, während das BIP um 30 Prozent wuchs.

Doch dieser Effekt basiert nicht auf einem Effizienzgewinn, vielmehr werden hier Ursache und Wirkung verwechselt: Die EU hat nicht gelernt, mit weniger Energie mehr zu produzieren, vielmehr wurden die energieintensiven Sektoren der Wirtschaft ausgelagert und durch Dienstleistungen ersetzt. Die Produktion von nichtmetallischen Mineralien (Zement, Glas, Keramik) ist seit 2004 um 26 Prozent gefallen, die von Grundmetallen (Stahl, Aluminium) um 20 Prozent; die Raffineriekapazität ebenso. Energie wurde also nicht eingespart, sondern die Produktion wurde ausgelagert.

Auch in der Stromerzeugung gibt es eine Illusion: Zwischen 2004 und 2024 stieg die installierte Erzeugungskapazität der EU um 79 Prozent – doch die tatsächliche Stromerzeugung sank um 3,3 Prozent. Der Kapazitätsfaktor – das Verhältnis von tatsächlicher Erzeugung zur theoretisch möglichen – halbierte sich von 52 auf 28 Prozent. Die EU baute vor allem in Form von Wind- und Solaranlagen Kapazitäten auf, die auf dem Papier beeindruckend aussehen, aber weniger Strom liefern als das System, das sie ersetzen sollten. Im selben Zeitraum steigerten die USA ihre Erzeugung um 11 Prozent (bei 39 Prozent Kapazitätszuwachs) und China um 358 Prozent. Die EU ist die einzige grosse Volkswirtschaft, in der die Kapazität explodierte, während die Erzeugung schrumpfte.

Die Folge ist nicht Effizienz, sondern sektorale Deindustrialisierung: gekennzeichnet durch geschlossene Hochöfen (Tata Steel in Port Talbot [UK], Thyssen-Krupp in Duisburg), stillgelegte Aluminiumhütten (1,18 Millionen Tonnen Primäraluminiumkapazität wurden seit 2021 eingebüsst) und eine Chemieindustrie, deren globaler Marktanteil von einst über 20 auf 13 Prozent gefallen ist.

Addition statt Wende

Manche Nutzungsarten fossiler Rohstoffe können langfristig durch synthetische Materialien und Elektrifizierung ersetzt werden. Doch auch dieser Prozess wird enorme Mengen an Energie benötigen und deutlich langsamer voranschreiten als erhofft – es sei denn, man ist bereit, einen vollständigen Zusammenbruch moderner Lebensgrundlagen zu riskieren.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die sogenannte Energiewende in Wahrheit eine Energieaddition ist: Erneuerbare werden dem Verbrauch anderer Energieformen hinzugefügt, ersetzen ihn aber kaum. Und das trotz beeindruckender Effizienzgewinne. Zwar ist
seit den 1990er-Jahren die Energiemenge, die zur Produktion eines Dollars BIP benötigt wird, um mehr als ein Drittel gesunken. Allerdings ist im selben Zeitraum der globale Energieverbrauch um über 60 Prozent gestiegen. Das Gas, das Europa verbraucht, wird so oder so verbrannt. Ob es in Louisiana gefördert, verflüssigt und über den Atlantik verschifft wird oder ob es in Lincolnshire oder Niedersachsen aus dem Boden kommt, ändert an der globalen CO2-Bilanz wenig. Der Flüssiggas-Transport erzeugt sogar zusätzliche Emissionen.

Energie ist Wohlstand

Die Geschichte des menschlichen Wohlstands ist die Geschichte des Zugangs zu Energie. Jede politische Entscheidung, die zu einer Verknappung dieser Energie führt, wird am Ende auch zu einer Verringerung des Wohlstands führen. «Just Stop Oil» mag ein wirkungsvoller Slogan sein, aber seine Konsequenzen wären für Millionen von Menschen verheerend.

Conlusio – Fakten. Verstehen. Handeln

Unverzichtbar. Europas Wohlstand beruht auf einer fossil betriebenen Industriegesellschaft, deren materielle Grundlagen unverzichtbar sind. Wasser, Wind und Solar decken trotz Ausbau weniger als zehn Prozent des Energiebedarfs.Abhängig. Heimische Ressourcen – vor allem Gasvorkommen – werden jedoch politisch blockiert und durch teure Importe ersetzt. Die Folge sind extreme Preisschocks, wenn geopolitische Krisen die Versorgung kappen.Fördern. Europa sollte Importe durch heimische Rohstoffressourcen ersetzen und erneuerbare realistisch ergänzen, statt sie ideologisch zu überhöhen. Gelingt dieser Kurswechsel, kann Europa seinen Wohlstand besser absichern.

Werbung