Zum Hauptinhalt springen

Werbung

Politik & Wirtschaft •
Verkehrskommissionspräsident Thomas Hurter

«Der ‹Swiss Finish› allein rettet die Welt nicht»

Die EU rückt vom Verbrenner-Aus ab. Für SVP-Nationalrat Thomas Hurter, Präsident der Verkehrskommission in Bern, ist das ein Signal. Im Interview erklärt er, weshalb Technologieverbote aus seiner Sicht der falsche Weg sind – und weshalb der «Swiss Finish» allein nicht die Lösung in der Klimafrage sein kann.

Herr Nationalrat Hurter, die EU steht beim Verbrenner-Aus deutlich auf die Bremse, wie diese Woche bekannt wurde. Wie beurteilen Sie diesen Entscheid?

Ich finde den Entscheid grundsätzlich gut. Es ist immer einfach, etwas zu verbieten., ohne eine Lösung zu haben. Mir kommt das ein wenig vor wie bei der Energiepolitik: Man steigt aus der Atomenergie aus und merkt dann, dass man eigentlich noch gar keine Lösung hat. Beim Verbrenner ist es ähnlich. Entscheidend ist für mich, dass es kein Technologieverbot geben darf, sondern dass wir Technologieoffenheit brauchen.

Was meinen Sie konkret mit Technologieoffenheit?

Gerade im Automobilbereich gibt es Substitute wie synthetische Treibstoffe oder biogene Treibstoffe. Diese können mit der heutigen Motorentechnik und mit der bestehenden Infrastruktur genutzt werden. Damit lässt sich bereits heute ein Beitrag zum Klimaschutz leisten. Es ist eigentlich verrückt, etwas zu verbieten – obwohl man Alternativen hat, die sofort wirken könnten.

Der ursprüngliche Ausstieg wäre erst ab 2035 wirksam geworden. Spielt der Zeitfaktor für Sie eine Rolle?

Ja, absolut. Ein Verbot, das erst in zehn Jahren greift, bringt kurzfristig nichts. Mit synthetischen oder biogenen Treibstoffen kann man viel früher Emissionen senken. Für mich ist entscheidend, dass wir möglichst schnell möglichst wenig Emissionen verursachen – und nicht, dass wir eine einzelne Technologie durchsetzen.

auto-schweiz fordert ebenfalls mehr «Realitätsbewusstsein» von Bundesbern und warnt vor einem einseitigen Fokus auf Elektromobilität. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ich glaube, der Bundesrat hat durchaus Realitätsbewusstsein. Aber politisch gibt es schon oft das Gefühl, die Elektromobilität rette alles. Sie wird in Zukunft einen sehr grossen Beitrag leisten, keine Frage. Aber auch andere Technologien leisten ihren Beitrag: Wasserstoff, synthetische Treibstoffe, biogene Treibstoffe. Wenn wir erfolgreich sein wollen, brauchen wir alle diese Technologien.

Sie sprechen oft vom «Mix» als Erfolgsmodell. Warum ist das so wichtig?

Das Ziel muss sein, gesamthaft möglichst schnell möglichst wenige Emissionen zu haben. Nicht möglichst einseitig alles auf E-Mobilität zu trimmen. Dieses Ziel erreicht man jedoch nur mit einem breiten Ansatz. Die Schweiz war damit bisher erfolgreich: Wir setzen im Verkehr nicht nur auf einen einzigen Träger. Wenn man das mit Ländern vergleicht, die fast ausschliesslich auf das Auto setzen, sieht man, dass ein Mix dieser Masssnahmen der bessere Weg ist.

Welche Rolle spielen wirtschaftliche Aspekte bei dieser Debatte?

Die industrielle Seite betrifft vor allem Länder wie Deutschland mit eigener Autoindustrie. Für die Schweiz ist etwas anderes zentral: Die heutige Elektromobilität ist für viele Menschen noch nicht massentauglich. Sie ist für jene attraktiv, die Geld haben oder sehr überzeugt sind – aber nicht für den Mainstream. Die Herausforderung ist, Mobilität klimaverträglich zu gestalten und gleichzeitig bezahlbar zu halten.

Die EU lockert ihre Regeln – die Schweiz gilt mit ihrem CO₂-Regime als besonders streng. Muss der Ansatz mit dem «Swiss Finish» revidiert werden?

Ich glaube, ein Umdenken braucht es in diesem Sinne nicht. Wir müssen diesen Pfad, der selbstverständlich ein politischer Kompromiss ist, jetzt erst mal weitergehen. Alles über den Haufen zu werfen, wäre aus meiner Sicht der falsche Weg.

Derr Druck auf den Schweizer Sonderweg ist mit dem gestrigen EU-Entscheid aber sicher nicht kleiner geworden.

Das ist sicher so, einverstanden. Wir haben oft das Gefühl, mit dem «Swiss Finish» etwas besonders Gutes zu tun. In Wahrheit belasten wir damit unsere eigene Bevölkerung und unsere eigene Wirtschaft stärker als vergleichbare Länder. Natürlich wächst mit dem EU-Entscheid der Druck, sich zu fragen, ob wir wirklich strenger sein müssen als alle anderen. Wichtig ist, dass wir im Einklang mit dem Ausland bleiben und Massnahmen dort abbauen, wo sie keinen zusätzlichen Nutzen bringen. Klar ist: Der «Swiss Finish» allein rettet die Welt nicht.

Ist ein Umdenken in der Verkehrskommission absehbar?

Aktuell ist das nicht konkret geplant. In den nächsten Jahren stehen grosse Diskussionen an – etwa mit «Verkehr 45», wo es um die langfristige Ausrichtung von Bahn, Strasse und Finanzierung geht. Auch das nächste CO₂-Gesetz wird diese Fragen im 2027 wieder aufnehmen.

Was ist aus Ihrer Sicht der zentrale Leitsatz für die Klimapolitik im Verkehr?

Rahmenbedingungen schaffen und Technologien zulassen. Immer nur zu sagen, das eine sei das richtige Rezept für alles, ist falsch. Ein Mix verschiedener Technologien ermöglicht es uns, schneller und effizienter Emissionen zu reduzieren. Möglichkeiten schaffen ist generell besser als Sachen verbieten.

Leserreporter

Hast du etwas beobachtet?

Schicke uns deine Bilder und Videos! Bei unseren Lesern ist immer etwas los, doch unsere Reporterinnen und Reporter können nicht überall sein. Und hier kommst du ins Spiel: Hast du etwas beobachtet oder möchtest du uns etwas mitteilen, das nur du weisst? Schicke uns deine Bilder und Videos per WhatsApp unter 077 279 72 56 oder per Mail an redaktion@streetlife.ch.

Werbung