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Anwohner fordern: «Reisst den Schandfleck endlich ab»
Seit mehr als 20 Jahren steht die ehemalige Raststätte am Walensee leer, inzwischen zerfällt das Gebäude zusehends. Viele Menschen aus der Region haben genug. Sie fordern: Der Besitzer solle endlich loslassen. Doch hinter dem Streit um das verlassene Gebäude steckt eine lange und verfahrene Geschichte. Die grosse Auslegeordnung.
Seit Jahren lodert der Streit zwischen dem Besitzer der Geister-Raststätte in Walensee Heinz Peter Moravcik (85) und dem Bundesamt für Strassen ASTRA. Der Bund bot dem Toggenburger Unternehmer 800'000 Franken für die Übernahme der baufälligen Liegenschaft – gleich viel, wie der Eigentümer 2013 beim Erwerb bezahlt hat. Doch Moravcik will mehr: 1,3 Millionen sei sein letztes Angebot, wie der schwer krebskranke Mann gegenüber Blick äusserte. Vor Gericht ging der Unternehmer mit seiner Forderung nie.
«Finde die 800'000 Franken ein faires Angebot»
Im Ort Obstalden, zu dem auch der ehemalige Rastplatz gehört, ist die baufällige Liegenschaft jedoch vielen ein Dorn im Auge: «Es ist ein Schandfleck, um den sich niemand kümmert», sagt Nathalie Frick (31) zu STREETLIFE. Für die Lehrerin in Obstalden ist klar: «Wenn ich in dieser Situation wäre, würde ich das Angebot des Bundes annehmen und einen Schlussstrich ziehen. So könnte der Besitzer endlich loslassen.»
Auch andere können den ewigen Streit nicht nachvollziehen und würden sich auf das Angebot einlassen. «So könnte er endlich mit der Geschichte abschliessen», pflichtet auch Urs Rohr (56) bei. Der Anwohner aus Obstalden kann nicht verstehen, warum Moravcik nicht nachgibt. «Er hat die Liegenschaft ja auch verlottern lassen. Daher finde ich die 800'000 Franken ein faires Angebot.»
«Haus soll endlich abgerissen oder genutzt werden»
Über die Zukunft der Liegenschaft scheint sich das Obstalder-Umfeld weitgehend einig zu sein: «Es ist schade, dass die Mühlen so langsam mahlen. Das Haus soll endlich abgerissen oder genutzt werden. Es kann nicht sein, dass dieses Geisterhaus seit mehr als 20 Jahren leer steht. Da muss endlich etwas gehen», so Lillit Justus (42), die ebenfalls in Obstalden wohnt.
Walter Schräpfer (58) kann die Forderung von Moravcik nachvollziehen: «Ich würde auch streiten, damit ich mehr Geld erhalte. Trotz des hohen Alters. Dann kommt es auch nicht mehr drauf an.» Für die Liegenschaft hat der Anwohner allerdings deutliche Worte: «Abreissen, aber ganz sicher. Das ist eine kaputte Ruine.»
Das passiert aktuell am ehemaligen Rastplatz Walensee
Tatsächlich wird die baufällige Substanz des Gebäudes langsam zum Problem. Immer wieder fallen Betonteile auf die angrenzende Autobahn. Ende April waren in der ehemaligen Raststätte Aufräum- und Sicherungsarbeiten im Gange (STREETLIFE berichtete). Veranlasst wurden diese durch die bevollmächtigte Vertretung des Eigentümers, wie die Gemeinde Glarus Nord bekannt gibt.
Lost Place wird verriegelt
Laut Gemeinde sind wiederholte Sachbeschädigungen in jüngster Zeit der Hintergrund. Gerade bei Lost-Place-Fans ist die Faszination für den Ort gross: Immer wieder verschaffen sie sich illegal Zugang zum Gebäude. Das sieht man der Liegenschaft auch an: Die Wände sind versprayt, das Innere komplett demoliert.
Doch das soll jetzt definitiv ein Ende haben: «Im Zuge der Arbeiten wird das Gebäude ausgeräumt und gesichert, unter anderem durch das Verbarrikadieren von Fenstern. Ziel ist es, weitere Schäden zu verhindern und die Sicherheit zu gewährleisten, insbesondere im Bereich der angrenzenden Autobahn», so die Gemeinde.
Auch ein statisches Gutachten wurde in Auftrag gegeben. «Eine Begehung ist derzeit in Planung und soll voraussichtlich Anfang Mai stattfinden», sagt Sprecherin Melissa Stüssi. Mehr Informationen zur sicherheitstechnischen Überprüfung will die Gemeinde im Moment nicht geben, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt.
Die tragische Geschichte des Rastplatz Walensee
Dabei war die Raststätte am Walensee einst ein Symbol für die neue Mobilität. Das Restaurant wurde in den 1960er-Jahren eröffnet und gehörte zu den ersten Autobahn-Raststätten der Schweiz. Lange lief der Betrieb gut: Der frühere Pächter Angelo Mätzler war erfolgreich unterwegs mit verschiedenen Variationen von Poulet im Chörbli. Doch mit dem Ausbau des Streckenabschnitts verlor der Standort an Bedeutung. 2003 wurde die Raststätte schliesslich aufgegeben.
Erster Verkauf der Raststätte an Private
2005 verkaufte die Gemeinde das Gebäude für 540'000 Franken an Marco Riva aus Uznach und die Matter und Partner GmbH aus Luzern. Doch bereits damals war klar, dass sich rund um die Nationalstrassen viel verändern würde: Bis 2008 waren die Autobahnen Eigentum der Kantone, danach war der Bund zuständig.
Nächster Verkauf, neue Pläne und gescheiterte Ideen
2013 wurde der Rastplatz Walensee für 795'000 Franken an den heutigen Besitzer Heinz Peter Moravcik weiterverkauft.
Der neue Eigentümer hatte in den folgenden Jahren mehrere Ideen für die Nutzung. Unter anderem wollte er die ehemalige Raststätte zu einem Wohn- und Gewerbehaus umbauen und aufstocken. Doch die Gemeinde verweigerte die Baubewilligung. Später wollte Moravcik selbst im Gebäude wohnen, was ihm jedoch auch verwehrt wurde.
Warum die Zufahrt geschlossen wurde
Ab dann verhärteten sich die Fronten zunehmend, bis es zum nächsten grossen Knall kam. 2017 schloss das ASTRA die Zufahrt zum Parkplatz der Raststätte. Die Bundesbehörde machte rechtliche und sicherheitstechnische Gründe geltend. Einerseits sei die Einfahrt zu kurz und entspreche nicht mehr den heutigen Sicherheitsstandards. Dazu kommt: «Eine Erschliessung privater Liegenschaften über Nationalstrassen ist gesetzlich ausgeschlossen», so das ASTRA. Diese Bestimmungen hätten bereits beim Erwerb durch die heutige Eigentümerschaft gegolten. «Das ASTRA vollzieht lediglich geltendes Recht.» Das Gebäude ist fortan nur noch zu Fuss oder mit dem Velo erreichbar.
Seit Jahren Streit um Geld und Verantwortung
2021 hatte der Besitzer genug. Er stellte alle seine Pläne ein und lässt das Gebäude seither zerfallen. Die Schuld für seine geplatzten Träume sieht Moravcik vor allem beim ASTRA: Er fordert, dass der Bund ihm das Gebäude abkauft.
Das ASTRA lenkt ein und macht dem Eigentümer ein Angebot von 800'000 Franken. Gleich viel, wie Moravcik 2013 für den alten Rastplatz gezahlt hat. Doch dieser winkt ab und macht einen Gegenvorschlag von 1,5 Millionen Franken: Den Kaufpreis der Liegenschaft plus 700'000 Franken für den entgangenen Gewinn und die entstandenen Kosten.
Das ist keine Option für das ASTRA: «Der Bund ist verpflichtet, mit Steuergeldern verantwortungsvoll umzugehen. Das aktuell geforderte Kaufangebot liegt deutlich über dem effektiven Wert der Liegenschaft, die sich seit Jahren in einem schlechten baulichen Zustand befindet. Ein Erwerb zu diesem Preis kommt deshalb nicht in Frage», so ein Sprecher zu STREETLIFE. Zudem betont das Bundesamt, dass es nicht dazu verpflichtet ist, das Gebäude zu erwerben, da «die Liegenschaft zu keinem Zeitpunkt im Eigentum des ASTRA stand.»
Hickhack um Preis geht weiter
Moravcik ist mittlerweile schwer an Krebs erkrankt. Die Zeit drängt, der gebürtige Österreicher nimmt Anfang dieses Jahres einen neuen Anlauf: Er senkt seine Preisforderung auf 1,3 Millionen Franken, wie Blick schreibt.
Das ASTRA lehnt ab, aus denselben Gründen wie beim ersten Angebot. Es macht dem Eigentümer jedoch einen Gegenvorschlag: «Einerseits ist eine erneute Prüfung des früheren Angebots von 800'000 Franken möglich, vorbehaltlich weiterer Abklärungen mit dem Kanton Glarus.» Andererseits könne gemeinsam eine unabhängige externe Schätzung veranlasst werden. «Der dabei ermittelte Marktwert würde als verbindlicher Verkaufspreis gelten Das ASTRA ist bereit, die Kosten dieser Schätzung zu übernehmen», so das Bundesamt.
Sogar Bundesrat Rösti meldete sich zu Wort
So hofft auch der Bund weiterhin auf eine «tragfähige und sachgerechte Lösung für die Liegenschaft an der A3». Zuletzt versuchte sogar Bundesrat Albert Rösti sein Glück, wie Blick im April berichtete: In einem persönlichen Brief wandte sich der Verkehrsminister an Moravcik. Darin unterstreicht Rösti: «Eine Übernahme der Liegenschaft durch den Bund ist nur zum Marktwert möglich.» 800'000 Franken sei der Maximalbetrag. Gegenüber Blick zeigte sich Moravcik enttäuscht. Er hält an seiner Forderung von 1,3 Millionen fest.
«Schandfleck am Walensee» bleibt bestehen
Damit sind auch die jüngsten Verhandlungen vorerst gescheitert. Für die Anwohner in Mühlehorn bedeutet das vor allem eines: Der Stillstand geht weiter. Ihre Hoffnung, dass der ehemalige Rastplatz endlich abgerissen, zurückgebaut oder einer neuen Nutzung zugeführt wird, bleibt vorerst unerfüllt. Der «Schandfleck am Walensee» wird das Dorf also weiter beschäftigen.

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