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Konservatives Comeback – hat die Klimajugend ausgeklebt?
Klimaaktivisten der Bewegung «Act Now!» nahmen in den letzten Tagen das Erdölgeschäft ins Visier. Doch anders als früher bleibt der grosse Aufschrei aus. Kein Wunder: Die Jugend von heute hat andere Sorgen – und insbesondere junge Männer ticken politisch wieder konservativer, wie Expertinnen und Experten beobachten.
Da sitzen sie also wieder auf dem Asphalt. Sechs Aktivistinnen und Aktivisten der Bewegung «Act Now!» veranstalten Anfang Mai ein Sit-in an einer SOCAR-Tankstelle in Renens. Am Wochenende demonstrieren Klimaaktivisten zudem auf der Raststätte Würenlos gegen die Abhängigkeit vom Erdöl und kleben Warnhinweise an Tanksäulen. Ihre Message: Erdöl tötet.
Vor ein paar Jahren hätten solche Aktionen zuverlässig Schlagzeilen produziert. Heute dagegen: fast nichts. Die Polizei kontrolliert die Beteiligten, Autofahrer tanken weiter. Das Leben geht weiter – auch für die Jungen.
Dabei galt die junge Generation lange als progressive Vorhut. Wer jung war, schien automatisch klimaengagiert, urban und eher links. Doch diese Gewissheit beginnt zu bröckeln. Denn parallel zur schwindenden Aufmerksamkeit für Klimaproteste beobachten Forscher einen anderen Trend: Junge Männer werden politisch konservativer. In Deutschland bezeichnet sich inzwischen rund ein Viertel der männlichen Jugendlichen als «rechts» oder «eher rechts» – deutlich mehr als noch vor einigen Jahren. Laut einer europäischen Jugendstudie können sich zudem rund 21 Prozent der jungen Europäer unter Umständen auch eine nicht-demokratische Regierungsform vorstellen.
Auch in der Schweiz erkennen Forschende eine Verschiebung – allerdings differenzierter, als es Schlagzeilen vom grossen «Rechtsruck der Jugend» suggerieren. «Wir sehen eher einen Geschlechterunterschied als einen generellen Drift der gesamten Jugend nach rechts», sagt Lisa Frisch vom Meinungsforschungsinstitut Sotomo, die auch das Generationenbarometer mitverantwortet. Junge Männer würden tendenziell konservativer, während sich bei jungen Frauen keine vergleichbare Entwicklung zeige.
Die Politologin Martina Mousson vom Forschungsinstitut gfs.bern beobachtet ebenfalls einen Wandel der Prioritäten. «Die Selbstverständlichkeit einer progressiv-klimapolitisch mobilisierten Jugend ist tatsächlich brüchiger geworden», sagt sie. Junge Menschen seien zwar weiterhin politisch interessiert und grundsätzlich offen für Nachhaltigkeit. «Aber Stabilität, Sicherheit, mentale Gesundheit und finanzielle Fragen stehen heute stärker im Vordergrund.»
Tatsächlich zeigen aktuelle Studien, dass das Klima zwar relevant bleibt – aber nicht mehr das dominierende Thema ist. Im Jugend- und Demokratiebarometer gehören heute Kriminalität, psychische Gesundheit, Migration und globale Konflikte wie der Gaza-Krieg zu den wichtigsten Sorgen junger Menschen.
«Das Klima ist immer noch ein wichtiges Thema», sagt Lisa Frisch. «Aber es zeigt sich bei jungen Menschen ein wachsender Zukunftspessimismus, gepaart mit dem Gefühl, keine Mitgestaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft zu haben.» Viele hätten den Eindruck, dass Kriege, Handelskonflikte und geopolitische Krisen derzeit den gesellschaftlichen Takt vorgeben – und andere Themen verdrängen.
Diese Verschiebung spürt man längst auch auf der Strasse. Bewegungen wie «Fridays for Future» oder später «Renovate Switzerland» mobilisierten vor wenigen Jahren noch Tausende Jugendliche in Schweizer Städten. Greta Thunberg wurde zur globalen Ikone. Heute wirken Klimaaktionen dagegen fast wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Fast so, als hätte sich die Öffentlichkeit innerlich von der Klimajugend verabschiedet.
Die Macht der Gewöhnung
Der Wirtschaftspsychologe Marcel Zbinden erklärt das mit einem simplen menschlichen Mechanismus: Gewöhnung. «Menschen reagieren stark auf Veränderungen, gewöhnen sich aber auch rasch an Zustände», sagt er. Anfangs verfolge man täglich die News aus der Ukraine, irgendwann werde selbst Krieg zur Hintergrundkulisse. Beim Klima funktioniere das ähnlich: «Ohne neue dramatische Ereignisse verschwindet das Gefühl der Dringlichkeit.»
Oder einfacher gesagt: Die Klimakrise bleibt wichtig – aber andere Krisen fühlen sich akuter an. Krieg, Inflation, Migration, steigende Lebenshaltungskosten, Unsicherheit durch künstliche Intelligenz oder wirtschaftlicher Wandel: All das beeinflusse politische Prioritäten, sagen die Experten. Zbinden hält es deshalb für nachvollziehbar, dass in Krisenzeiten konservative oder sicherheitsorientierte Positionen attraktiver werden.

Gleichzeitig ist die junge Generation keineswegs apathisch. Das politische Interesse bleibt hoch. Parallel wächst allerdings eine massive Ernüchterung. Laut aktuellen Erhebungen blicken 81 Prozent der jungen Erwachsenen pessimistisch auf das Jahr 2055. Noch drastischer: 89 Prozent haben das Gefühl, kaum Einfluss auf die Zukunft der Gesellschaft zu haben.
Das könnte auch erklären, warum radikalere Protestformen heute kaum mehr zünden. Laut Lisa Frisch haben sich viele Menschen von Klebeaktionen oder Blockaden entfremdet. «Nicht vom Thema – aber vom Protest», sagt sie.
Die Mobilität als Barometer
Der Zürcher SVP-Politiker Stephan Iten hat zudem den Eindruck, dass junge Menschen derzeit generell weniger politisch interessiert seien als auch schon. Für ihn ist deshalb wenig überraschend, dass die jüngsten Aktionen von «Act Now!» kaum noch grössere Resonanz erzeugen.
Und vielleicht zeigt sich dieser gesellschaftliche Wandel nirgends deutlicher als beim Thema Mobilität. Noch vor wenigen Jahren war das Auto für viele junge Aktivisten Symbol einer falschen, klimaschädlichen Welt. Heute scheint diese Symbolkraft zu verblassen. Fahrzeuge sind für viele wieder vor allem eines: praktisch.
Gerade in Zeiten von Unsicherheit zählt Alltagstauglichkeit bei einigen offenbar mehr als moralische Haltung. Ob daraus auch in der Schweiz ein nachhaltiger Rechtsruck bei jüngeren Menschen entsteht? Selbst Stephan Iten bleibt vorsichtig: «Das werden wir dann bei den nächsten Wahlen sehen.»
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