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Gotthardstau wird überbewertet
Der Osterstau am Gotthard gilt als die Mutter aller Staus. Zu Unrecht. Im Vergleich zu Staus im Ausland oder dem 53 Kilometer langen Stau bei Bern sind die Wartezeiten am Gotthardtunnel kaum der Rede wert.
Am Karfreitag teilt sich unsere Schweiz in zwei Bevölkerungsgruppen auf: Einerseits kämpft sich eine eingeschworene, helvetisch-germanische Staugemeinschaft am Gotthard Meter um Meter Richtung Nordportal. Und andererseits geniesst der Rest der Bevölkerung zuhause gemütlich bei Kaffee und Zopf den Beginn der Feiertage. Gründe, um an Ostern zuhause zu bleiben, gibt es viele. Wer seinen Aktionsradius bewusst nicht Richtung Lago Maggiore oder Mittelmeer ausweitet, wird belohnt. Mit weniger Dichtestress, mit wohltuender Entschleunigung und mit zeitgemässem Klimabewusstsein.
Mutter aller Staus
In der Schweiz gilt der Osterstau am Gotthard als die Mutter aller Staus. Zu Unrecht. Im Vergleich zum 53 Kilometer langen Rekordstau von 1995 auf der A1 zwischen Bern und Niederbipp gelten die Verkehrsverzögerungen am Gotthard über Ostern als kaum der Rede wert. Zudem wurde die aktuelle Rekord-Staulänge am Gotthard von 28 Kilometern (Pfingsten 2018) nie mehr übertroffen. Damals war ein deutscher Bus in Brand geraten und versperrte den San Bernardino-Tunnel. Deshalb drängte sich der ganze Verkehr durch den Gotthard. Aber bereits nach fünf Stunden Wartezeit konnten die Osterreisenden damals ihre Pilgerfahrt Richtung Süden fortsetzen.
Autoschlage immer kürzer?
Weshalb der Gotthardstau seit 2018 trotz immer mehr eingelösten Autos nicht mehr die Rekordlänge von 28 Kilometern erreicht, hat verschieden Gründe. Vor allem die Live-Verkehrsführung von Google Maps verhindert, dass uns die Osterreisenden mit neuen Rekordstaus unterhalten. Zudem sind dank Laptop und Smartphone fast alle zu Digitalnomaden geworden – man kann einige Tage früher anreisen und in wegweisenden Onlinemeetings direkt vom Tessiner Rustico die geschäftlichen Visionen mitgestalten. Und während sich die Autoschlange am Ostermontag wieder Richtung Norden quält, basteln die Cleveren am Ufer des Lago di Lugano noch an ihrer neusten Powerpoint-Präsentation herum.
Wenig Mitleid
Mitleid mit den Reisenden, welche sich alle gleichzeitig durch den Gotthardtunnel Richtung Süden drängen, muss man nicht haben. Ihre Sehnsucht, zusammen mit Millionen Deutschschweizern und Deutschen drei Tage lang im Süden dem Alltag zu entfliehen, ist dermassen stark, dass drei oder vier Stunden im Stau leicht zu verkraften sind. Zudem ist es egal, ob man im Stau oder zuhause stundenlang ins Smartphone starrt. Und falls Heimkehrende ihre Mitmenschen mit Anekdoten vom Gotthardstau langweilen, muss ihnen klar kommuniziert werden, dass die leichten Verzögerungen beim Gotthardtunnel im internationalen Vergleich als Lappalie gelten.
176 Kilometer Staulänge
1980 sorgten heimkehrende Winterurlauber zwischen Lyon und Paris für einen Rekordstau von 176 Kilometern. Oder 1990 brach in Westjapan der Verkehr auf der hochfrequentierten Autobahn zwischen Hyogo und Shiga völlig zusammen: Die Autos stauten sich auf einer Länge von 135 Kilometern. Und 2005, als in Texas die Einwohner von Houston vor dem Hurrikan Rita flüchteten, stauten sich die Autos auf der Interstate 45 während 48 Stunden ununterbrochen. Die maximale Autoschlange erstreckte sich auf über 160 Kilometer. Im Vergleich zu solchen Rekordzahlen erscheint der Osterstau am Gotthard geradezu mickrig.
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